Kommentar zum SPD-Hype Warum die Schulzomania allen nützt

Kanzlerkandidat Martin Schulz – wie wertvoll ist er wirklich für die SPD? Foto: Getty Images Europe
Kanzlerkandidat Martin Schulz – wie wertvoll ist er wirklich für die SPD? Foto: Getty Images Europe

Demokratie ist wieder spannend. Der Hype um den Kanzlerkandidaten der SPD hat die deutsche Politik neu belebt, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)
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Stuttgart - Am Sonntag steht die Probe aufs Exempel bevor, wie es altmodisch heißt. Für das Exempel sind die Wähler im Saarland zuständig. Dort muss sich zeigen, was 100 Prozent Schulz wirklich wert sind. Die Sozialdemokraten haben Martin Schulz vor einer Woche einstimmig zu ihrem Parteichef gewählt. Sie verehren ihn inzwischen wie einen Messias. „Gottkanzler“ wird er genannt. Aber lässt sich die Hysterie auch in Macht umwandeln?

Seit 1999 regiert die CDU im Saarland, bis vor kurzem noch unangefochten. Ihre Ministerpräsidentin hat einen guten Ruf. Dennoch könnte die SPD-Frau Anke Rehlinger, ehemals Kugelstoßerin, sie aus dem Amt schubsen. Ein Wahlsieg der Genossen ist zum Greifen nah, die Umfragen schossen zuletzt durch die Decke. Das hat weniger mit Rehlinger als mit Schulz zu tun.

Ob Schulz auch Kanzler kann, wird sich erst in 184 Tagen zeigen

Die SPD erlebt ein erstaunliches Comeback, seit Schulz Kanzlerkandidat ist. Sie schuldet ihm Dank. Und eigentlich gilt das für die gesamte Republik, ob sozialdemokratisch gesinnt oder nicht. Der Mann aus Würselen hat den politischen Betrieb aus einer Art Dornröschenschlaf erweckt. Davon profitiert nicht nur seine Partei.

Saarbrücken könnte zum Muster für Berlin werden. Für die SPD wäre ein Triumph an der Saar der ideale Auftakt für dieses Jahr, in dem neben drei Landtagen auch der Bundestag zu wählen ist. Falls die Schulzomania sich nun auch in triumphalen Zahlen niederschlägt, könnte das einen Effekt entfalten wie Doping im Ringen um die Macht. Für Schulz-Gläubige sind die Vorzeichen verheißungsvoll: Mit der unverhofften Kür dieses Kandidaten hat sich die politische Stimmung komplett gewandelt. Angela Merkel erscheint mit einem Mal nicht mehr unschlagbar. Die SPD wird wieder als erstrangiger Machtfaktor wahrgenommen, nicht nur als Steigbügelhalter Merkels – oder als Traditionsverein mit einem Rückhalt beim Wahlvolk, der schneller schmilzt als ein Grönland-Gletscher im Klimawandel. Rote Parteibücher sind neuerdings gefragt wie Bestseller. Für Genossen ist das ein Grund zum Feiern, auch wenn sich erst in 184 Tagen zeigen wird, ob Schulz tatsächlich Kanzler wird.

Schulz hat die Union gelehrt, dass die Republik keine Erbmonarchie ist

Das Phänomen Schulz ist jedenfalls ein Segen für ganz Deutschland – ungeachtet realer Machtoptionen. Politik ist plötzlich wieder spannend. Wenn von der Wahl im Herbst die Rede ist, geht es nicht mehr um die Sperenzchen von Leuten wie Petry oder Höcke, sondern um Gerechtigkeitsfragen, um den Wettbewerb zweier staatstragender Parteien. Schulz hat die konkurrierende Union gelehrt, dass eine Republik keine Erbmonarchie und eine vierte Amtszeit Merkels nicht im Schlafwagen zu erreichen ist. Es wurde mit einem Schlag deutlich, dass vermeintliche Unersetzlichkeit und Pflichtgefühl allein nicht ausreichen werden, um sich im Kanzleramt behaupten zu können. Das schwarze Lager muss erkennen, dass ein schlichtes „Weiter so“ keine Garantie für noch einmal vier Jahre Merkel ist – und dass es sich rächen könnte, fundamentale Konflikte um die Asylpolitik schlicht übertünchen zu wollen.

Demokratie lebt vom Wettstreit. Damit sind nicht jene gemeint, die sie schlecht reden und verächtlich machen, sondern alle, die ernsthaft um die beste Lösung ringen und sich um personelle Alternativen bemühen. Demokratie ist niemals alternativlos. Schon allein deshalb hätte Schulz Anspruch auf ein Bundesverdienstkreuz – egal, ob man sich diesen Mann zum Kanzler wünscht. Es gibt ja auch allerhand, was dagegen spricht: etwa die Mauscheleien in Brüssel, für die er jetzt getadelt wurde.

Die Aufregung der Union über seine Absage an den Koalitionsausschuss darf man hingegen getrost als Theaterdonner abhaken. Die große Koalition ist heute, Schulz steht für das Morgen. Er könnte sich eines Morgens allerdings in der nächsten großen Koalition wiederfinden – womöglich auch nur als Vizekanzler. Wie sein Erfinder.




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