Lars Klingbeil trägt eine bunte Kopfbedeckung. Dann hängt er sich eine Gitarre um. Der SPD-Vorsitzende beginnt zu spielen – und dazu singt der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) in schrägen Tönen. Das Publikum klatscht rhythmisch mit.
Es sind Szenen wie diese von der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst im Aachener Karneval, die eine Idee davon vermitteln, warum der 47-Jährige aus Niedersachsen womöglich die goldrichtige Wahl ist für den neuen starken Mann der SPD. Die Konservativen lägen zwar überall falsch, seien aber anständige Menschen, hat Klingbeil zuvor in seiner Rede gesagt. Und: „Mein bester Kumpel in der Schule, das war so ein strammer Konservativer – und ich habe mich den ganzen Tag mit ihm gefetzt.“ Aber er sei eben doch der beste Kumpel gewesen. Gute Freunde werden SPD und Union sicher nicht im neu gewählten Bundestag – aber sie stehen vor der Aufgabe, eine Regierungskoalition zu bilden. Klingbeil ist schon seit vielen Jahren ein Brückenbauer. Er gehört zum konservativen Seeheimer Kreis in der SPD-Fraktion, ist aber gut befreundet mit Kevin Kühnert, dem früheren Juso-Chef, der im Jahr 2018 fast einmal eine Koalition aus Union und SPD verhindert hätte. Wie Kühnert ist Klingbeil übrigens, eher untypisch in sozialdemokratischen Kreisen, Fan des FC Bayern München. Das zeigt auch: Er ist verliebt in den Erfolg.
Die Sache mit dem Generationswechsel
Klingbeil ist einer der Architekten des Wahlsiegs von Olaf Scholz im Jahr 2021. Als Parteivorsitzender muss er nun allerdings auch die katastrophale Niederlage gegen CDU-Chef Friedrich Merz mitverantworten. Dass er nun weiter in erster Reihe mitgestalten wird, hat auch damit zu tun, dass er deutlich jünger ist als der Rest des SPD-Spitzenpersonals. Klingbeil kann für den Generationswechsel stehen, den er selbst am Wahlabend gefordert hat. Wie praktisch.
Das, womit Klingbeil in der SPD viele beeindruckt, lässt sich aber auch in einer Zahl ausdrücken: 42,1 Prozent. Es ist das Ergebnis, mit dem der Parteichef seinen Wahlkreis Rotenburg I-Heidekreis gewonnen hat. Das ist das beste Erststimmenresultat der SPD bundesweit – in einem konservativen Wahlkreis. Klingbeil kann gut kommunizieren: ob im TV oder im Gespräch mit Bürgern. Ihm kaufen die Menschen ab, dass er sich für Industriearbeitsplätze einsetzt.
Wer ihn in der SPD nicht mag, hält ihn für übermäßig geschmeidig. Klingbeil hat in seiner Zeit als Generalsekretär der Partei die Vorsitzenden Martin Schulz, Andrea Nahles, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken unterstützt. Seit Ende 2021 führt er mit der Parteilinken Esken die SPD. Unbestritten ist: Der Sohn eines Bundeswehrsoldaten, der im niedersächsischen Munster aufwuchs, hat sich gerade in der Außen- und Sicherheitspolitik eine hohe Kompetenz erarbeitet.
Autorität und Konsequenz gefragt
Der Druck, der nun auf Klingbeil lastet, ist riesig. Rolf Mützenich (65), dem Klingbeil nun an der Spitze der Fraktion nachfolgen soll, sagt, es brauche in den Gesprächen mit Unionsfraktionschef Friedrich Merz Stärke, Autorität und Konsequenz. Das alles traut er Klingbeil in der künftigen Doppelrolle als Partei- und Fraktionschef zu. Wie sich die SPD im Fall einer Regierung, auch mit Blick auf den beliebten Verteidigungsminister Boris Pistorius, endgültig sortiert, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar.
Zum Abschluss seiner Rede bei der Ordensverleihung in Aachen zitierte Klingbeil übrigens noch „einen der wichtigsten politischen Sätze der letzten Jahre“, wie der SPD-Politiker sagte: „Wir müssen unsre Demokratie jetzt verteidigen und dürfen das Feld nicht den Antidemokraten überlassen.“ Gesagt habe ihn, so Klingbeil, nicht Willy Brandt oder Helmut Schmidt, sondern Helene Fischer. „Demokratie geht uns alle an.“