Stand 21.17 Uhr am Wahlsonntag bekommt die SPD zehn Sitze im Landtag von Baden-Württemberg. Die Direktkandidaten der Wahlkreise 5 und 6, Florian Wahl (Platz 13 der SPD-Landesliste) und Farina Semler (Listenplatz 44), werden also nicht in den Landtag von Baden-Württemberg kommen – in Wahls Fall nicht mehr. Von 2010 bis 2016 und seit 2021 hatte der Stuttgarter den Wahlkreis Böblingen in Stuttgart vertreten.
„Das ist ein absolutes Katastrophen-Ergebnis“ – Wahl schockiert
„Das ist ein absolutes Katastrophen-Ergebnis“, sagt Wahl. Es habe sich in den vergangenen Wochen zwar schon abgezeichnet, dass die SPD ordentlich Stimmen an die Grünen und die CDU verliert – aber dass es so deutlich wird, das habe jetzt doch schockiert. „Wir sind komplett zerrieben worden im Zweikampf.“ Wahls Ergebnis bei den Erststimmen liegt dagegen mit voraussichtlich 13,3 Prozent mehr als doppelt so hoch wie das Landesergebnis. Er hat auch gegenüber seinem eigenen Ergebnis von vor fünf Jahren leicht zugelegt. Insgesamt aber steht Wahl bei den Erststimmen nur an vierter Stelle – hinter der AfD-Kandidatin Christine Schäfer.
Ähnlich sieht es auch Farina Semler. Es war ihre erste Kandidatur für den Landtag, auf viele Erststimmen hatte sie also nicht hoffen können. 6,4 Prozent der Erststimmen hat sie geholt. „Bitter und enttäuschend“ nennt sie insbesondere das Landesergebnis. Auch sie habe im Vorfeld der Wahl erlebt, dass viele traditionelle SPD-Wähler in diesem Jahr taktisch gewählt hätten, um mit ihrer Zweitstimme wahlweise Manuel Hagel (CDU) oder Cem Özdemir (Grüne) als neuen Ministerpräsidenten zu verhindern.
„Wir müssen zurück zur Arbeiterpartei“ – SPD im Umbruch
Doch nicht nur in der Zweikampf zwischen Hagel und Özdemir, ist man im Awo-Haus überzeugt, hat der SPD die wohl schlechtesten Zahlen eingebracht. Auch die Wählerwanderung nach rechts zur AfD hat die Sozialdemokraten blass aussehen lassen. „Es erschüttert mich schon, dass wir offenbar den Menschen nicht das Angebot gemacht haben, das sie abgeholt hat“, sagt sie. „Wir sind klassisch eine Arbeiterpartei und ich bin der Ansicht, wir müssen dahin zurück.“ Das findet an diesem Abend auch Samet Mutlu, Kreisvorsitzender der Böblinger SPD. „Wir dürfen nicht der Vollsortimenter sein, sondern wir müssen für die Leistungsträger da sein“, sagt er.
Ein weiteres Thema, das die Parteibasis in Böblingen an diesem Abend umtreibt ist das Thema Bildung. „Das ist eine bildungspolitische Katastrophe“, findet Elke Klump-Röhm, die für die SPD im Gärtringer Gemeinderat sitzt. „Wer soll jetzt was für die Bildung machen? Die letzten vier Jahre ist nichts passiert“, behauptet sie. Ähnlicher Meinung ist Semler: „Ich komme aus der Bildungspolitik, das Thema ist sukzessive nach hinten gerutscht, das wäre eigentlich unsere Stärke“, sagt sie. „In Sachen Bildung braucht es eine starke Stimmung im Landtag, aber das wurde hinten runterfallen gelassen.“
„Das Ergebnis ist desaströs“ – Frust im Awo-Haus
Im Awo-Haus gibt es Leberkäs, Kartoffelsalat und Pizza. „Ich kann gar nichts essen, mir ist schlecht“, kommentiert ein junger Mann mit Glatze das vorläufige Wahlergebnis. Andere langen dafür tüchtig zu. Vielleicht aus Frust. „Da kann man nichts schönreden, das Ergebnis ist desaströs“, sagt der Sindelfinger Ortsvereinsvorsitzende und Stadtrat Martin Wenger. „Dabei haben wir im Kreis in den vergangenen Monaten einen guten Wahlkampf gestemmt.“
Die Wahlschlappe tragen die Sozialdemokraten mit Fassung. „Wir nehmen das Ergebnis mit Respekt entgegen und gratulieren natürlich den Grünen, die diese Wahl wohl gewonnen haben“, sagt Florian Wahl. „Wir sind gefasst, aber es ist eine große Trauer da. Ich hätte mein Mandat gerne behalten, aber ich wusste, dass es knapp wird.“