Special Olympics Baden-Württemberg Ein Fahrradlenker zum gemeinsamen Segeln

Zwei Mann in einem Boot: Der 14-jährige Joshua wird gesteuert von Matthias Müller vom Stuttgarter Segel-Club, der mit einem Lenker manövriert. Foto: Tom Bloch

Auf dem Max-Eyth-See können Menschen mit und ohne Einschränkungen gemeinsam Segeln. Eine spezielle Jolle macht es möglich.

Das sieht man dem kleinen Boot überhaupt nicht an. Im Kiel der „S\V 14“ sind 110 Kilogramm Gewicht verteilt, damit das Kentern verhindert wird. Ansonsten fällt die Zwei-Mann-Jolle dadurch auf, dass in der Mitte zwei Schalensitze montiert sind, hintereinander, wie in einem Düsenjet. Diese haben zusätzlich noch einen elektrischen Kippmechanismus, damit die beiden Fahrgäste durch Gewichtsverlagerung (Lee-/Luv-Trimm) höhere Geschwindigkeiten am Wind fahren können.

 

„Der Segler sagt dazu ausreiten“, erklärt Jan Strickmann vom Stuttgarter Segel-Club. Doch an diesem frühen Samstagmorgen – der blaue Himmel kämpft sich gerade durch die Bewölkung – ist Wind Mangelware. „Heute ist KISS angesagt. Keep it simple and stupid“, sagt Strickmann und grinst. „Das wird wohl eher kontrolliertes Treiben.“ Im Prinzip alles perfekt organisiert, denn die Mitmach-Gäste zur Aktion „Alle an Bord!“ haben allesamt noch keinerlei Segelerfahrung. Der Stuttgarter Segel-Club hat gemeinsam mit der Studentischen Seglergemeinschaft Stuttgart und Special Olympics Baden-Württemberg Menschen mit Behinderungen zum Schnupper-Segeln eingeladen.

Achterknoten und Kapitänsmütze

Joshua ist 14 Jahre alt, kommt vom Verein 46 plus Down-Syndrom Stuttgart und ist der Erste auf dem Gelände. Sofort hilft er bei der Vorbereitung. Betreuer Patrick zeigt ihm den Achterknoten. Mit Erfolg. Joshua grinst, und auf seinem Kopf wackelt Opas Kapitänsmütze. Denn sein Opa war früher oft segeln, wie Joshuas Mutter erzählt, die die Mütze aus dem Nachlass gefischt hat. Und flugs klettert sein Enkel forsch vorne ins Spezialboot und wird zum Vorschoter. Hinten nimmt Matthias Müller als Steuermann Platz, ein erfahrener Regattasegler. Statt Ruder hat er einen Fahrradlenker, um die Jolle zu steuern. Obwohl kaum ein Lufthauch zu spüren ist, setzt sich das Boot sofort in Bewegung und die beiden kreuzen gemächlich über den Max-Eyth-See.

Am Steg erklärt Jan Strickmann begeistert die Vorteile dieses Spezialbootes, denn „es ermöglicht Behinderten und Nichtbehinderten nicht nur ein gemeinsames Segelerlebnis, sondern es macht auch eine gewisse Vergleichbarkeit möglich. Also beim Regattasegeln.“

Technisches Hilfswerk hilft beim Transport

Die S\V 14 ist eine Leihgabe von Clubmitglied Dirk Weißenborn, der für den Generalimporteur des Bootes arbeitet. „In Deutschland gibt es davon erst etwa 20 Stück. Es handelt sich dabei um ein Non-Profit-Projekt von dem renommierten Yachtdesigner Alex Simonis, der chinesischen Werft Far East und dem Importeur Bootspunkt. Keiner der Beteiligten verdient damit Geld“, sagt Weißenborn. Auch beim Transport wurde geholfen. Mithilfe des Technischen Hilfswerks Stuttgart wurde das rund 350 Kilogramm schwere Boot in der Vorwoche per Kran in den Max-Eyth-See gehievt. Am Schnuppertag hat es mit insgesamt fünf Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen seine Jungfernfahrt. Und sorgt dabei für ein Strahlen auf den Gesichtern der jeweiligen Besatzung.

Die Landes-Premiere des Segel-Schnuppertages freut auch Carmen Brendelberger von Special Olympics Baden-Württemberg. „Wir stehen ja dafür, dass alle gemeinsam Sport machen. Da wir auf ehrenamtliche Aktionen angewiesen sind, ist es natürlich super cool, wenn jemand auf uns zukommt und so etwas anbietet“, sagt Brendelberger. „Segeln hatten wir bislang noch nicht im Angebot.“

Der Aktionstag soll kein Einzelfall bleiben. „Ich sehe da ein gigantisches Potenzial und wir haben damit nun die Saat gesät“, findet Jan Strickmann. „Wir wollen das Angebot übergreifend mit allen Anrainern am Max-Eyth-See weiter ausbauen.“

Weitere Themen