Der Trainer Julian Setzer nimmt die Basketballer der Betriebssportgruppe von Bosch Schwieberdingen vor dem Spiel ins Gebet, weist darauf hin, über mögliche ruppigere Fouls einfach mal hinwegzusehen. Dabei hat Setzer gar keine Weisungsbefugnis. Er ist für die Mannschaft auf der anderen Seite zuständig: die Unified-Basketballer namens Treffpunkt 89er. Das Team in Kooperation mit dem TV 89 Zuffenhausen wird Deutschland mit zehn Spielern bei den Special Olympics World Games vertreten, den Weltspielen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Diese finden vom 14. bis 26. Juni in Berlin statt. Bei dem Großereignis werden 7000 Sportlerinnen und Sportler inklusive Betreuern aus 200 Ländern dabei sein. Die Stuttgarter starten neben Basketball auch noch im Futsal und Kanu.
Unified-Sport beinhaltet einen inklusiven Ansatz. Sportler mit Behinderung, Athleten genannt, und ohne, sogenannte Partner, kämpfen in einem Team um den Sieg. Beim Basketball stehen immer drei Athleten und zwei Partner auf dem Feld. „Ziel ist es, alle Akteure am Spiel teilhaben zu lassen“, sagt Doris Kretzschmar, Sozialarbeiterin beim „Treffpunkt“ – Begegnungs- und Bildungsstätte des Caritasverbandes Stuttgart – und zuständig für den Sportbereich. Damit dies auch gewährleistet ist, haben die Schiedsrichter für eine gewisse Ausgeglichenheit zu sorgen. Heißt: Ist ein Akteur zu überlegen – egal ob Partner oder Athlet –, im Fachjargon Spielerdominanz genannt, werde er verwarnt, „bei Nichtbeachten sogar ausgeschlossen“, sagt der Trainer Setzer, Student der Sonderpädagogik und Inhaber der Trainer B-Lizenz. Vor Kurzem hat er die Mannschaft übernommen, ist gleichzeitig für die Männer des Neu-Landesligisten Giants Kornwestheim verantwortlich.
Zwei Teams, zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Die Ansprache an das Unified-Team gehe deutlich mehr in Richtung positive Verstärkung als in Richtung Kritik. Was aber nicht bedeutet, dass Setzer seine Jungs stets mit Samthandschuhen anfasst. „Manchmal muss ich mich ob des sportlichen Ehrgeizes zügeln“, gibt er zu und Sätze wie „auf Alex, es gibt auch die Defense“, wie zuletzt im Spiel gegen Bosch, nehmen ihm seine Schützlinge nicht krumm.
Alex, das ist Alexander Kraut. Er kam mit einem sogenannten fragilen X-Syndrom zur Welt. Eine Erbkrankheit, „bei ihm ist ein Teil des X-Syndroms länger“, sagt sein Vater Andreas. Er habe autistische Züge. Sein Sohn könne weder lesen noch rechnen, verfüge jedoch über ein gutes fotografisches Gedächtnis. Sport bedeute für ihn alles. „Da öffnet er sich, blüht förmlich auf, während er beispielsweise bei Familienfeiern schon mal im Auto sitzen bleibt“, so Andreas Kraut. Der 27-jährige Alexander Kraut arbeitet als Maler in einer Werkstätte, geht gerne zum VfB und ist auch Trommler im Fanblock des Basketball-Bundesligisten MHP Riesen Ludwigsburg. Die Sportstätten bezeichne er als „sein Wohnzimmer“, berichtet sein Vater.
Alexander Kraut peilt mit seinem Team in Berlin eine Medaille an. Wie sich das anfühlt, davon kann Florian Kuhn, der Aufbauspieler der 89er, seinen Mitstreitern berichten. Bei den World Games 2015 in Los Angeles war er bereits dabei und gewann Bronze. Der 31-Jährige, der eine Lernbehinderung hat, und über sich selbst sagt: „Ich bin halt etwas langsamer“, erinnert sich noch an „tolle Begegnungen mit Sportlern aus anderen Ländern“ und den „grandiosen Sieg“ gegen das Team aus den USA. In Berlin freut er sich auf diverse Feiern und natürlich das Turnier. Und dabei gilt: „Dabei sein ist zwar schön, aber nicht alles; ich will wieder eine Medaille.“ Bis es aber soweit ist, spielen die insgesamt 16 Teams erst einmal gegeneinander. Darauf basiert die Kategorisierung in etwa homogene Gruppen.
Als Partner in Berlin ist Stephan Mayer dabei. Der 31-Jährige kam vor sieben Jahren über seinen Schwager zum Unified-Team. „Es hat mir von Beginn an gefallen und ich bin dabei geblieben“, sagt Mayer. Dass sich bei seinen Mitspielern Fehler einschleichen, sieht er locker. „Klar wollen wir alle gewinnen, und ich muss mich manchmal bei meinem Engagement auch zügeln. Doch das gemeinsame Sporttreiben, egal mit welchem Ausgang, steht im Vordergrund.“
Übrigens: Der Ausgang im finalen Spiel vor Berlin war zweitrangig. Die Betriebssportgruppe gewann mit 54:37