Spektakel in Weil der Stadt Mittelaltermarkt: Kurzweil mit Kauz und Gaukler

Timelino unterhält beim Mittelaltermarkt in Weil der Stadt als Animateur, Gaukler und Jongleur. Foto: Roland Böckeler

Über Ostern verwandelt sich Weil der Stadt erneut in eine mittelalterliche Kulisse. Besucher finden eine ganz besondere „Pause von der Realität“ – und haben tierische Begegnungen.

Es ist kein komischer, sondern ein ganz süßer Kauz, der hier alles im Blick hat: Achilles heißt er, ist elf Jahre alt – und ein Waldkauz. Beim Mittelaltermarkt in Weil der Stadt auf den Grünflächen vor dem Königstor bekommt er viele Streicheleinheiten. Eine Eule mag doch keine Nähe? „Er ist eine Handaufzucht“, erklärt Sascha Jazdz von der Familienfalknerei Herzogtum zu Berwangen aus Niedernhall im Hohenlohekreis. Auch ein Steinkauz und ein Wüstenbussard können beäugt und, die Hände geschützt von einem Handschuh, „gegen eine Spende“ auf die Hand genommen werden. „Wir machen Aufklärungsarbeit und keine Flugshows“, sagt Jazdz, in Schulen und Kindergärten etwa. Und auf Mittelaltermärkten wie diesem. „Vier bis fünf Mäuse am Tag“ sind der Lohn für Achilles, der selbst 400 Gramm leicht ist.

 

Über Ostern gaben an der Stadtmauer, von einem Storch aus sicherer Entfernung beäugt, Handwerker Einblicke, wie einst gearbeitet wurde, es gab Musik, viel Unterhaltung auch für die kleinen Besucher, Bühnenshows und manche Leckerei. Und zum Abend Feuershows. Bei der Premiere im vorigen Jahr aus Anlass der 950-Jahr-Feier Weil der Stadts, war der Besuch kostenfrei. Nun wurde ein „Wegezoll“ von sieben Euro fällig, für Kinder und „Gewandete“ drei Euro. „Ich bin überraschend zufrieden“, sagte Carolan Lieb, dessen Agentur für Mittelaltermärkte und Themenfeste namens Lorraine Médiévale das Spektakel veranstaltet.

Sascha Jazdz von der Falknerei Herzogtum zu Berwangen und Achilles: Der Waldkauz lässt sich streicheln. Foto: Roland Böckeler

„Die Leute sparen schon“, hat Lieb beobachtet, auch werde es schwieriger, authentische Anbieter zu finden. „Aber das Internet hilft.“ 45 Stände sind über Ostern belegt. Seit 1999 ist Lieb in Sachen Mittelaltermärkten aktiv. „Geschichte reizte mich immer“, sagt er über seinen Antrieb. Traditionen erhalten, Brauchtum weiterführen, das Wissen von Berufen wie Spinner und Weber überliefern. Bis Dezember tourt nun Lorraine Médiévale durch die Republik. Ende September führt die Reise wieder in die Nähe, in den Kurpark von Bad Liebenzell.

Sie reisen durchs Land und genießen Mittelaltermärkte

Nein, in der Zeit des Mittelalters wolle er nicht leben, sagt der Besucher Ari Kurz, der mit Schirin Marelja zwar passend, unter anderem mit dicken Fellen, gewandet ist – aber aus Murr im Kreis Ludwigsburg kommt. „Aus dem Alltag herauskommen“, erklärt er sein Faible für Märkte wie diesen, von „Leidenschaft und der Atmosphäre“ schwärmt seine Partnerin. Zusammen reisen sie durchs Land und genießen Mittelaltermärkte. „Wir haben einen ganzen Schrank passender Kleidung“, sagt Schirin Marelja.

Carolan Lieb veranstaltet mit der Agentur Lorraine Médiévale Mittelaltermärkte. Foto: Roland Böckeler

Derweil zeigt der Gaukler und Jongleur Timelino seine Künste und kann sich, gefilmt von zahlreichen Handybesitzern, eine Bemerkung nicht verkneifen: „Video gab es im Mittelalter nicht.“ Im Gegensatz zur Schmiedekunst, die Jan Stahl („mein Name ist Programm“) am offenen Feuer demonstriert. Er fertigt und verkauft Lagerbedarf für das Mittelalterhobby wie Messer, Gabeln, Schürhaken oder Zeltheringe. Auch Nägel sind zu haben oder kleine Bügelscheren. Der Mann aus Mittelhessen lebt „seine Passion“, wie er sagt, seit 2017 aus. Leben könne er davon nicht. Im Hauptberuf ist er Disponent für Autokrane, wie er verrät.

Anders ist das bei Thomas Tauscher aus Hamburg, der mit seinen historischen Musikdarbietungen eigens gebucht wird, er muss daher nichts verkaufen. „Ich bin ein schräger Vogel“, stellt er sich vor, mit entsprechender Maske gibt er ein Beispiel seines Könnens, in wundersamem Mittelhochdeutsch. Dazu spielt „das musizierende Tier“, das unter Nashoch Himilsanc firmiert, Instrumente wie Fidel oder Laute, wobei er die Saiten auch mal mit einer Vogelfeder zupft und immer wieder die am Fuß festgebundenen Schellen rhythmisch erklingen lässt.

Beim Drehen des Riesenrads ist Manneskraft gefragt

„Kinder, wollt ihr auch mal schneller fahren“, wird am kleinen Karussell nebenan gefragt, das natürlich für die alte Zeit, ohne Motor auskommen muss. Ein großes Handrad setzt es in Bewegung. Einem Mädchen wird es aber zu flott – bei einem kurzen Stopp holt es die Mama aus dem Sitz. „Der Wind hat gedreht“, kündigt der Kurbler danach an, rückwärts geht es weiter. Volle Manneskraft ist auch die Basis für das Drehen des Riesenrads, wobei es hier nicht wirklich hoch hinaus geht. Aber als sich ein Erwachsener hineinzwängt, ist das Juchzen rundherum groß. Die Geschichten von Märchenerzählern gefallen ebenso allen Generationen gleichermaßen.

Christian Klump und Monika Doll kommen aus Tübingen und tauchen gern ein in die Zeit des Mittelalters. Foto: Roland Böckeler

Begeistert sind auch Monika Doll und Christian Klump, die aus Tübingen gekommen sind. Ihre Gewänder sind überwiegend selbst geschneidert. Sie freut sich „über eine Pause von der Realität“, wie sie sagt. „Kein Computer, kein Handy, kein Generve.“ Zudem seien die Besucher bei Märkten dieser Art besser drauf, toleranter und kommunikativer. Wobei die beiden in einer Abwandlung von Fantasy lieber von „Fantelalter“ als Mittelalter sprechen, denn von der einstigen Realität seien die Märkte doch sehr weit weg. Aber authentisch genug, dass sie noch Accessoires finden für ihr Hobby.

Mitbringsel aller Art gäbe es auch. Schmuckstücke, Felle, Lederwaren, Liköre oder Beerenweine. Oder wie wäre es mit einem Flaschenkorken, frisch gedrechselt? Ganz glücklich war ein Mädchen beim Mäuseroulette. Es wurde so zauberhaft auf den Gewinn, eine vermeintlich echte, junge Maus, eingestimmt, dass die Freude über das rote Plüschtierchen riesengroß war. Und mutmaßlich dauerhafter: Auf eine lebendige Maus hätte womöglich auch Achilles eines seiner scharfen Eulenaugen geworfen.

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