Spektakuläre Architektur Heilbronn baut sich ein neues Image

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Der Oberbürgermeister preist seine Stadt gerne als dynamischste im ganzen Land an. Die bauwütigste ist sie auf alle Fälle. Was entstanden ist in den vergangenen Jahren, kann sich sehen lassen. Die Stadt erfindet sich neu.

Spektakulär Die sogenannten Qbigs sind echte Hingucker. Die Glaswürfel mit ihren weißen Stahlnetzen stehen an der Zufahrt zum Businesspark Schwabenhof, direkt am Stadteingang. 150 Tonnen Stahl wurde für die Fassade des vierstöckigen Bürohauses verbaut. 2012 wurde der linke, erste Qbig nach den Entwürfen des Architektenbüros Riemer und Lucie Holzigel gebaut. Zwei Jahre später folgte der zweite, der dritte wird im Augenblick  links neben dem Erstling zurzeit gebaut. Foto: factum/Granville 5 Bilder
Spektakulär Die sogenannten Qbigs sind echte Hingucker. Die Glaswürfel mit ihren weißen Stahlnetzen stehen an der Zufahrt zum Businesspark Schwabenhof, direkt am Stadteingang. 150 Tonnen Stahl wurde für die Fassade des vierstöckigen Bürohauses verbaut. 2012 wurde der linke, erste Qbig nach den Entwürfen des Architektenbüros Riemer und Lucie Holzigel gebaut. Zwei Jahre später folgte der zweite, der dritte wird im Augenblick links neben dem Erstling zurzeit gebaut. Foto: factum/Granville

Heilbronn - Vor gut zehn Jahren schlenderte Wilfried Hajek das erste Mal mit seiner Frau durch die Heilbronner Innenstadt. Die Gattin des damaligen Nürtinger Baubürgermeisters schaute rechts, sie schaute links, sie sprach eine Weile lang nicht. Dann sagte sie: „Willst du dir das wirklich antun?“ Hajek (60) liebt diese Geschichte, er hat sie schon oft erzählt. Aber noch immer bebt der ganze Mann vor Lachen, wenn er sich an damals erinnert.

Der Christdemokrat hat es sich angetan. Seit dem 1. Juli 2006 leitet er das Baudezernat der 120 000 Einwohner zählenden Stadt, die der Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) gerne als „die dynamischste Großstadt im Land“ bezeichnet. Eine der bauwütigsten ist sie auf alle Fälle. Zurzeit wird eine Milliarde Euro in Heilbronn verbaut, jede Menge Geld ist bereits in den vergangenen Jahren investiert worden.

Architekturspaziergang im Gewerbegebiet

Das sieht man an vielen Ecken. Mittlerweile gibt es in der Stadt mit einer schwierigen Bausubstanz eine ganze Reihe herausragender Gebäude. Nicht viele Kommunen können sich mit Gewerbegebieten schmücken, in denen man Architekturspaziergänge veranstalten kann. Heilbronn schon. Im Businesspark Schwabenhof etwa reiht sich ein Hingucker an den anderen.

Die so genannten Qbigs zum Beispiel. Die beiden Glaswürfel sind mit einem weißen Stahlnetz ummantelt und bieten auf vier Etagen 5000 Quadratmeter Fläche. Der erste, ein Entwurf des Heilbronner Architektenbüros Riemer und der Fleiner Architektin Lucie Holzigel, wurde 2012 eingeweiht, der zweite folgte nur zwei Jahre später – und in den dritten ziehen, so ist es geplant, im nächsten Jahr die Mieter ein. Die repräsentativen Räume sind wohl beliebt: Die Büros sind bereits alle vermietet.

Preisgekrönt: eine Metallfassade für die Metaller

Wenige hundert Meter entfernt steht das vor zwölf Jahren fertiggestellte Haus des Verbands Gesamtmetall. Der Architekt Dominik Dreiner aus Gaggenau hat ein Gebäude errichtet, dem man von weitem ansieht, wer dort residiert. Für den 76 Meter langen und 18,5 Meter hohen Glasquader wurde eigens ein Metallgeflecht als Fassade entwickelt, das dem Quader quasi einen Rahmen gibt. Die originelle Konstruktion ist 2006 mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet worden. Er würdigt vorbildliche Bauten in Baden-Württemberg, der Landesverband des Bundes Deutscher Architekten (BDA) vergibt ihn alle drei Jahre.

Die Stadt hat das Gelände des Businessparks, wo früher die amerikanischen Wharton Barracks standen, Ende der 90er vom Bund übernommen und entwickelt – mit dem festen Ziel, an diesem wichtigen Stadteingang Bürobauten mit einer anspruchsvollen Architektur errichten zu lassen. Die Stadt hat einige Male zu Interessenten Nein sagen müssen: „Was glauben Sie, wie viele Autohäuser dort hin wollten“, sagt Hajek. 2001 bezog die Industrie- und Handelskammer ihr neues Haus der Wirtschaft, das sich ebenfalls sehen lassen kann: „Ein wichtiger Impuls“, sagt der Baubürgermeister. Die Stadt bestehe darauf, dass Investoren einen Architektenwettbewerb auslobten. „Wenn in Heilbronn neu gebaut wird, können wir uns nichts Banales leisten. Wir haben schon zu viel davon.“

Die Zerstörungen des Krieges prägen die Stadt bis heute

Die Industriestadt ist im Zweiten Weltkrieg praktisch komplett dem Erdboden gleichgemacht worden. „Diese schwere Zerstörung ist unumkehrbar“, sagt Hajek. Die Heilbronner plage noch immer „die Sehnsucht nach der schönen alten Stadt“. Daraus erwachse eine besondere Befindlichkeit: „Allem Alten hängt man nach, auch wenn es nur optisch wertig erscheint.“

Das hat ein Streit über die Villa Hauck in der Allee 18 gezeigt. Das Haus des Zigarrenfabrikanten Ludwig Hauck wurde 1910 errichtet und in der Bombennacht am 4. Dezember 1944 schwer beschädigt. Als einziges Wohnhaus wurde es nach dem alten Vorbild wieder hergestellt. Als die Volksbank die Villa 2010 kaufte, um sie abzureißen und neu zu bauen, versuchten Mitglieder der Lokalen Agenda, den Abriss per Eilantrag auf Denkmalschutz beim Stuttgarter Regierungspräsidium zu verhindern.

BDA-Vorstand fordet ein Gesamtkonzept für die Stadt

Vergebens. Stattdessen baute die Bank 2013 nach dem Entwurf des Heilbronner Architekten Franz-Josef Mattes für 30 Millionen Euro ein Gebäude aus Muschelkalkstein mit einem lichten Innenhof. Für Matthias Müller ist das ein Paradebeispiel der Qualität. Der Heilbronner Architekt gehört zum Landesvorstand des Bundes Deutscher Architekten und gerät förmlich ins Schwärmen, wenn er über den Neubau spricht: über den schönen Innenhof, die hohe städtebauliche Qualität und vor allem die hervorragende Fassadengestaltung, die identitätsstiftend für Heilbronn sei, weil sie an alte Traditionen anknüpfe.

Beispiel gebend ist für ihn auch die geplante Stadtausstellung Neckarbogen. Die Bauherren für die 22 Gebäude bekamen Vorgaben, es gibt eine Gestaltungssatzung und einen Gestaltungsbeirat, der das Projekt begleitet. „Das war das erste Mal, dass man sich darüber Gedanken gemacht hat: Was haben wir für eine Architektur? Was kann man wie weiterführen?“, sagt Müller.

Auszeichnung für den neuen Stadtteil Neckarbogen

Der BDA-Vorstand bedauert es, dass die Stadt den früher regelmäßig ausgelobten Wettbewerb für die schönste Fassade aus Kostengründen gestrichen hat. „In Heilbronn wird zu wenig die Gesamtentwicklung betrachtet, es geht immer nur um einzelne Bauvorhaben“, kritisiert er. Müller befürwortet eine Gestaltungssatzung für die gesamte Stadt und einen Beirat, der aus auswärtigen Architekten besteht. „Nur über das Baurecht erreicht man keine Qualitätssicherung“, sagt er. Die Bundesgartenschau, hofft Matthias Müller, könne ein Anlass sein, „aus der Nachkriegsdepression herauszukommen.“

Die Überlegungen für den Neckarbogen jedenfalls werden schon jetzt gewürdigt, da der Bau gerade begonnen hat. Bei der Immobilienmesse Expo Real wurde die Stadtausstellung von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen in der höchsten Kategorie ausgezeichnet.