Spektakuläre Verbrechen in Stuttgart Den Mördern auf der Spur

Von Eva Funke 

Michael Kühner kennt die Abgründe der menschlichen Seele. Lange Zeit war er Chef der Stuttgarter Mordkommission. Jetzt hat er über aufsehenerregende Mordfälle aus Stuttgart ein Buch geschrieben.

Michael Kühner skizziert   in seinem  Buch auch  die Ermittler von damals: den Chef der Kriminalpolizei Kurt Frey und Landeskriminaldirektor  Heinz Hertlein. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Michael Kühner skizziert in seinem Buch auch die Ermittler von damals: den Chef der Kriminalpolizei Kurt Frey und Landeskriminaldirektor Heinz Hertlein. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Er war stellvertretender Polizeipräsident in Stuttgart und Chef der Mordkommission: ein Kriminalist, der alle Facetten seines Berufs kennt und tief in die Abgründe der menschlichen Seele geblickt hat. Jetzt hat Michael Kühner ein Buch geschrieben.

Unter dem Titel „Trümmermorde. Spektakuläre Verbrechen im Stuttgart der Nachkriegszeit“ dokumentiert er minutiös aufsehenerregende Mordfälleund Tötungsdelikte zwischen 1945 und 1958. „Zum Mörder werden kann jeder, wenn ein bestimmtes Bündel von Umständen und Zufällen zusammenkommt“, ist er überzeugt. Und: „Die Täter arbeiten sich in der Regel ja nicht vom Kleinkriminellen zum Mörder hoch. Irgendwann passiert es einfach.“.

Drei von sieben Fällen, die Kühner beschreibt: 1948 ersticht eine Frau ihren Mann. Bei der Vernehmung will sie nur gestehen, wenn man ihr ihren Hund Putzi bringt. Nach dem Geständnis hat sie Hunger. Deshalb gestatten ihr die Polizeibeamten, sich zu Hause noch einen Teller Bratkartoffeln zu machen, bevor sie ins Frauengefängnis nach Cannstatt überführt wird. Dann die 50er Jahre: Zwei gelangweilte junger Männer, träumen vom großen Abenteuer. Den Stoff für ihre Fantasien liefern die Kinofilme und Comics der 1950er Jahre. Sie wollen raus aus der Enge ihres Lebens, besorgen sich Schusswaffen, wollen ans große Geld und erschießen einen Juwelier. Das Finale des Buchs ist der erste Kidnappingfall in Deutschland – passiert 1958 in Stuttgart. Der Gärtner Emil T. entführt einen sechs Jahre alten Jungen und bringt ihn direkt im Anschluss an die Entführung um. Dann fordert er 15 000 Euro Lösegeld. Damit will er seiner verheirateten Geliebten eine sichere Zukunft bieten. Durch eine im Rundfunk übertragene Tonaufnahme der Lösegeldforderung wird der Täter schließlich überführt.

„Die Motive für Mord haben sich nicht geändert: Geldgier, Eifersucht, Hass, Wut und Triebbefriedigung.“

Kühner schildert emotionslos, wie das Verbrechen aus heiterem Himmel in den kleinbürgerlichen Alltag einbricht und das Leben aller Beteiligten zerstört. Auch als Autor bleibt Kühner der Ermittler, der er zu seiner aktiven Zeit war. Sein Erzählton ist nüchtern, verlässt nie die Ebene der Sachlichkeit. Und genau das macht seine Beschreibungen so spannend. Wie kam es zu der Tat? Was führte die Beamten auf die Spur der Täter? Wer sind die Täter, wer die Opfer? Kühner hat die Akten seiner Kollegen genau studiert, sich in psychiatrische Gutachten eingelesen. Das und seine eigenen Erfahrungen als Ex-Polizist erlauben es ihm, tiefe Einblicke in die Psyche der Mörder und die Arbeit der Polizei zu geben.

Lesung am Donnerstag in der Buchhandlung Wittwer

Was für den versierten Ermittler Kühner, der bereits in seinem ersten Jahr als Chef der Mordkommission sieben unaufgeklärte Fälle auf den Schreibtisch bekam, die Verbrechen der Nachkriegszeit so interessant macht: Sie spielen sich vor dem Hintergrund einer chaotischen, den verheerenden Folgen des Krieges geschuldeten Ausnahmezeit ab. Die bürgerlichen Moralvorstellungen sind vielfach einer Gier nach Leben zum Opfer gefallen. Gleichzeitig sind die Mordmotive zu allen Zeiten stets die gleichen. Kühner: „Das sind Geldgier, Eifersucht, Hass, Wut und Triebbefriedigung.“

Außerdem will Kühner in seinem Buch auch an die Kriminal- und Schutzpolizeibeamten und namentlich an den damaligen Chef der Stuttgarter Kriminalpolizei Kurt Frey und den Landeskriminaldirektor Heinz Hertlein erinnern. Beide werden nicht zu Helden stilisiert. Das würde nicht zu Kühners Anspruch passen, authentisch zu bleiben. Er schildert sie als hartnäckige Fahnder, für die der Beruf Berufung ist. „Alle haben nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs unter unvorstellbaren Bedingungen, ohne Ausbildung und Erfahrung versucht, Stuttgart wieder lebenswert und sicher zu machen. Statt auf eine Technik wie heute mussten sich die Beamten sich auf ihr kriminalistisches Gespür und ihre Intelligenz verlassen. Das sind laut Kühner auch heute noch die wichtigsten Voraussetzung für die Aufklärung von Verbrechen: „Werden Fehler gemacht, nutzt die beste Technik nichts.“

Am Donnerstag, den 13. Juli, liest Michael Kühner um 18 Uhr aus seinem Buch Trümmermorde in der Buchhandlung Wittwer. Anmeldung erforderlich unter E-Mail: werbung@wittwer.de. Der Eintritt ist frei. Erschienen ist das 207 Seiten starke Buch im Gmeiner Verlag und kostet 20 Euro.
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