Es sind 198 Stufen. Nicht 201 – auch nicht 195. Nein, exakt 198 Stufen. Jens Kranhold weiß das ganz genau. Denn er ist am Montag und Dienstag viele, viele Male die Stiegen zu den beiden Türmen der evangelischen Stadtkirche St. Dionys in Esslingen hochgegangen, um Werkzeug, Materialien, Seile und das Fangnetz nach oben zu bringen. Nach zwei Tagen Vorbereitungszeit geht es für ihn und sein Team seit Mittwochmorgen nun ans Eingemachte: Die Industriekletterer restaurieren den Brückengang zwischen den beiden Türmen in schwindelerregender Höhe von etwa 50 Metern.
Er habe ja eine sitzende Tätigkeit, sagt Jens Kranhold und muss bei der Aussage selbst ein wenig schmunzeln. Dabei hat er ja recht: Bei den Renovierungsarbeiten an der Stadtkirche sitzt er auf einer Art Schaukel. Das sei sehr sicher, sagt der 54-Jährige und zeigt wie zum Beweis ein spartanisch aussehendes Konstrukt aus einem schmalen Brett mit Seilen an den Seiten. Nein, das Gesäß tue ihm abends nicht weh. Aber rückenschonend sei sein Job nicht gerade. Viel Rückgrat gehört aber schon dazu, die körperlich anstrengenden Arbeiten zu erledigen. Meist geschieht das zwei Stunden am Stück, sagt der Geschäftsführer der Firma GSAR aus Besigheim (Kreis Ludwigsburg). Dann gönnt man sich eine Pause. Gearbeitet wird – je nach Wetterlage – von 8 bis gegen 16.30 Uhr.
Artistik ist was anderes
Das grüne Netz zwischen den beiden Türmen von St. Dionys ist weithin sichtbar. Wirkt aber nicht sonderlich stabil. Wenn da ein gestandener Mann mit voller Wucht reinfällt – hält es dann? Aber nein, räumt Jens Kranhold mit einem Missverständnis auf. Das sei nicht wie beim Zirkus. Es werde keine Artistik betrieben, bei der Akrobaten in einem Sicherheitsnetz landen können. Das grüne Netz diene dazu, eventuell nach unten fallendes Werkzeug oder Material aufzufangen, damit Passanten um die Stadtkirche herum nicht gefährdet werden.
Für ihn und seine Mannschaft ist das Netz nicht gedacht. Das Team solle ja gerade darauf achten, dass es eben nicht aus der Balance gerät. „Wir sind zwei- und dreifach mit Seilen gesichert. Es kann eigentlich nichts passieren“, versichert Jens Kranhold. Jedoch seien er und seine Mannen mindestens zu zweit hoch oben auf den Kirchtürmen zu Gange: „Wir befinden uns immer in Ruf- und Sichtweite.“ Und wenn es doch einmal zu einem Notfall, etwa bei einer Ohnmacht, kommen sollte, dann wurden dafür vorsorglich Seile an den beiden Türmen gespannt. Mit deren Hilfe könne ein Kollege seinen in Not geratenen Berufsgenossen bergen. Mobbing innerhalb des Teams wäre daher Gift. Die Chemie müsse schon stimmen, meint der Industriekletterer: „Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.“
Spurenloses Arbeiten
In den nächsten vier Wochen wird der schwindelfreie Trupp die Bretter des Durchgangs zwischen den beiden Kirchtürmen abschleifen, ausbessern, bemalen und notfalls ersetzen. Alles unter den strengen Augen des Denkmalschutzes. Für die Installation des Netzes hätten Löcher in die Türme gebohrt werden müssen. Doch die würden nach Beendigung der Arbeiten wieder geschlossen, sodass keinerlei Spuren des handwerklichen Einsatzes zurückblieben. An eine kleine Änderung werden sich die Esslingerinnen und Esslinger aber gewöhnen müssen, sagt Architektin Ellen Kindl. Der Durchgang wird einen grün-beigen Ton erhalten. Eine Farbgebung, die dem Originalanstrich ähnelt.
Mit dem Verlauf der Vorarbeiten ist Jens Kranhold sehr zufrieden. In einem der Türme hat sich oben in der sogenannten Türmerstube sein Team eingerichtet – Werkzeuge, Seile, Karabinerhaken, Material und Gerätschaften sind dort deponiert. Jeder einzelne Hammer, jede einzelne Maschine, jeder einzelne Meißel, so Jens Kranhold, wird an ein Seil gebunden, damit möglichst nichts nach unten fällt. In einem der Eingänge zum Durchgang wird ein Mann postiert, der den Arbeitenden Materialien oder Werkzeuge reicht. Das sei zeitsparender, als wenn die Industriekletterer das Gewünschte selbst holen müssten.
Verschönerung von Talsperren
Jens Kranhold und sein Team sind nicht nur in sakralen Missionen an Kirchtürmen unterwegs. Eine Aufnahme seiner jüngsten Tätigkeit hat er auf seinem Handy gespeichert: Das Foto zeigt Arbeiten an einem Staudamm. Die Rappbodetalsperre im Ostharz mit der wohl bundesweit höchsten Staumauer sei von ihm und seinen Kollegen mit Schmetterlingsmotiven aufgehübscht worden. Seine Firma habe aber auch Graffiti an der Staumauer in Vianden in Luxemburg angebracht. Nicht immer sind die Einsatzfelder so spektakulär: Erledigt werden auch Blitzschutzmontagen, Reinigungsarbeiten, Dienstleistungen an Windenergieanlagen, Silos, Speichern oder Kesseln. Es werden aber auch Schulungen im Bereich Industrieklettern angeboten. Doch nun ist die Stadtkirche St. Dionys an der Reihe.
Mit diesen Arbeiten ist die Renovierung des Gotteshauses beendet, sagt Ellen Kindl. Es hätte auch ein Gerüst angebracht werden können. Doch das wäre teurer gekommen als der Einsatz der Industriekletterer. Die sind gerade unterwegs – genau 198 Stufen nach oben zu ihrem Arbeitsplatz.
Die Renovierung der Stadtkirche St. Dionys in Esslingen
Sektlaune
Freunde prickelnder Gaumenfreuden brauchen sich keine Sorgen zu machen. Die Außenaktivitäten von Kessler Sekt an den Wochenenden sind durch die Arbeiten an der Stadtkirche nicht gefährdet, versichert Jens Kranhold. Bei Bedarf könnten auch die Absperrungen an St. Dionys freitags abgebaut werden.
Kirchenschließung
Wegen der Renovierungsarbeiten an der Stadtkirche war St. Dionys von Montag, 15. Juli, bis Sonntag, 4. August, geschlossen worden. Die Portale wurden gestrichen und die Lautsprecheranlage erneuert. Mit der Sanierung des Gangs zwischen den Türmen sind die Arbeiten abgeschlossen.
Abschlussfest
Am Sonntag, 29. September, wird die neue Akustikanlage laut Dekan Bernd Weißenborn im Gottesdienst in der Stadtkirche ab 10.30 Uhr präsentiert. Anschließend lädt die Stadtkirchengemeinde vor der Kirche mit einem „Café nach dem Gottesdienst“ zu Begegnungen mit Kuchen und Geselligkeit ein.