Sperl bekommt Auszeichnung Die heilende Kraft der Geschichten

Energievoll, beharrlich, mutig: Gabriela Sperl Foto: Caro von Saurma
Energievoll, beharrlich, mutig: Gabriela Sperl Foto: Caro von Saurma

Die Produzentin Gabriela Sperl erhält am Freitagabend den Hans-Abich-Preis in Baden-Baden. Ohne die promovierte Historikerin wäre manches heiße Eisen von den Programmverantwortlichen wohl kaum je angepackt worden.

Kultur und Gesellschaft: Ulrike Frenkel

Baden-Baden - „Energie“ und „Beharrlichkeit“ sind Begriffe, die öfter fallen, wenn von Gabriela Sperl die Rede ist, und geschont hat sie sich sicher nicht während ihrer Karriere. Mut aber wäre die dritte Kategorie, in der ihr in der deutschen Fernsehlandschaft der vergangenen dreißig Jahre ein Spitzenplatz eingeräumt werden sollte. Denn ohne die promovierte Historikerin, die Freitagabend zum Abschluss des FernsehfilmFestivals in Baden-Baden den Hans-Abich-Preis für herausragende Verdienste um den Fernsehfilm verliehen bekommt, wäre manches heiße Eisen von den Programmverantwortlichen wohl kaum je angepackt worden.

Sie schrieb zum Beispiel 2001 das Drehbuch für „Bobby“, einen Fernsehfilm über einen jungen Mann mit Down-Syndrom, der nach dem Tod seiner Mutter bei seinem schwulen Bruder und dessen Partner ein neues Zuhause findet. Mit dem Heimatdrama „Hierankl“ entdeckte sie 2003 den damals jungen, wilden Hans Steinbichler fürs größere Publikum. Und sie verfasste das Drehbuch für „Die Flucht“, und produzierte 2007 den Zweiteiler über die Vertreibung der Deutschen, mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle. „Man hatte sich vorher mit dem Thema der deutschen Opfer nur in Dokumentationen befasst, weil diese Frage vom Thema des Holocaust überlagert war. Auch über die Kriegsverbrechen der Russen an deutschen Frauen kann man erst seit wenigen Jahren offen sprechen, seit die Ursachen- und Wirkungsabläufe, die Schuld des verbrecherischen Nazi-Regimes unwidersprochen festgeschrieben sind“, erklärte die 61-jährige Autorin, Dramaturgin und Produzentin dazu. Solche Schritte in dieser Form zu gehen, muss man sich allerdings erst einmal trauen.

„Für Kinder und gegen Prostitution“

Das gilt auch für eine ihrer aktuellen Produktionen, „Operation Zucker“, der im Oktober der Deutsche Fernsehpreis als Bester Fernsehfilm zugesprochen wurde. Jahrelang hatte sich Sperl in der Vorbereitung mit gesellschaftlichen Realitäten befasst, die so entsetzlich sind, dass die meisten Menschen sie verdrängen. Es geht in dem fiktiven Zweiteiler um die Ausbreitung von Kinderprostitution, „der Film muss ein Fanal, ein Weckruf sein“, erklärte sie. Dagegen dass, wie sie bei ihren schwierigen Recherchen herausfand, seit dem Ende der Visumspflicht vor allem Berlin die Drehscheibe für den Kinderhandel aus Osteuropa ist, „das Zentrum für kleine Jungs in Europa“, müsse man „aufstehen und dringend etwas tun“. Die Informationen, „wie viele ‚Täter’ es bis in die höchsten politischen Institutionen gibt“, seien niederschmetternd. Aber: „Wir betreiben keine Systemkritik, wir decken nur Strukturen auf, in der Hoffnung, dass das System endlich aufwacht und sich gegen die wehrt, die es zersetzen.“ Vielleicht, so ihre Hoffnung, engagierten sich die Politiker der neuen Bundesregierung ja demnächst „für Kinder und gegen Prostitution“. Ihren Teil dazu hätte sie jedenfalls getan. Gabriela Sperl hält Film für ein „sehr starkes, emotionales Mittel, um ein Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sie glaubt an die heilende Kraft von Geschichten.

In die Filmbranche geraten war die gebürtige Bad Godesbergerin, die in München Neuere Geschichte, Anglistik und Romanistik studiert hat, allerdings eher zufällig. In den frühen achtziger Jahren erarbeitete sie für den Bayerischen Rundfunk eine Dokumentation über „Hitler und die Generäle“ , wirkte dort dann eine zeitlang als freie Autorin und Dramaturgin, und wurde schließlich von 1998 bis 2002 Programmbereichsleiterin für Musik und Fernsehspiel.

Mächtige Frauen verändern die Branche

Dem Publikum bescherte sie in dieser Zeit so unterschiedliche Filme und Serien wie den Mehrteiler „Dr. Schwarz und Dr. Martin“ mit Senta Berger, Friedrich von Thun und Konstantin Wecker, Stefan Krohmers Familiendrama „Ende der Saison“ und Kai Wessels Brustkrebsgeschichte „Leben wäre schön“. Neben den historischen hatten die ebenso zierliche wie zähe Frau eben immer auch aktuelle, brisante Stoffe gereizt, und zudem besitzt sie ein Auge für Ausnahmetalente wie Oskar Roehler, dessen Film „Der alte Affe Angst“ sie 2003 redaktionell betreute.

Da war sie schon mit ihrer eigenen Produktions- und Projektentwicklungsfirma Sperl Film GmbH unter die Selbstständigen gegangen, seit 2006 führt sie gemeinsam mit Uwe Schott die Sperl + Schott Film GmbH, und teilweise produziert sie auch mit Nico Hoffmanns Teamworx. Wenn sie nun heute Abend, geehrt vom Laudator Christian Berkel, als zehnte Trägerin den Hans Abich-Preis entgegen nimmt, wird Gabriela Sperl nach der BR-Fernsehdirektorin Bettina Reitz und Senta Berger die dritte weibliche Ausgezeichnete sein. Und auch ein Symbol dafür, wie mächtige Frauen eine Branche verändern können.




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