Sperrmüll in Stuttgart Geschenke auf dem Gehweg sind umstritten

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Alte Kleidung, Bücher oder Möbel zum Verschenken auf die Straße zu stellen, wird immer beliebter. Die Stadt warnt vor wilden Deponien und droht mit Bußgeldern. Doch erwischt wird selten jemand.

Wer sich in Stuttgart neu einrichten will, wird bisweilen bei einem Spaziergang fündig. Entlang der Hohenheimer Straße etwa warteten Möbel darauf, mitgenommen zu werden. Foto: Cedric Rehman
Wer sich in Stuttgart neu einrichten will, wird bisweilen bei einem Spaziergang fündig. Entlang der Hohenheimer Straße etwa warteten Möbel darauf, mitgenommen zu werden. Foto: Cedric Rehman

S-Mitte - Manch einer schaut doch lieber genau hin. Die Schublade der Kommode steht offen, so als hätte jemand geprüft, ob sie noch funktioniert. Das Schränkchen steht neben einem Tisch, einem Schuhschrank und einer Wanddekoration aus Glas an der Hohenheimer Straße. Vermutlich der Besitzer dieser Habseligkeiten hat über ihnen einen Zettel an der Mauer befestigt. Auf ihm steht: „Zu verschenken.“ Unweit an einer Seitenstraße wartet eine weitere Kiste mit Büchern und Geschirr darauf, dass sich Passanten bedienen. Auch sie ist mit dem Hinweis versehen: „Zu verschenken.“

Medienberichte legen nahe, dass das Verschenken von Kleidung oder Haushaltsgegenständen in ganz Deutschland ein urbaner Trend ist. Er hängt mit dem Diskurs um Nachhaltigkeit zusammen. Denn die Müllpresse geht leer aus, wenn andere Gebrauchtes weiter verwenden. Der Vintagelook, bei dem alles aussehen soll, als käme es vom Flohmarkt, ist außerdem bei modebewussten Großstädtern beliebt. Die Spender alter Möbel ersparen sich in Stuttgart allerdings auch das Warten auf den städtischen Eigenbetrieb Abfallwirtschaft (AWS). Er holt Sperrmüll nach drei bis sechs Wochen kostenlos ab. Eine Express-Abholung nach zwei Tagen kostet 66 Euro.

Verwaltung erinnert an Regeln

Die Verwaltung sieht die Freigebigkeit einiger Bürger mit gemischten Gefühlen. Es gebe Regeln, an die sich jeder halten müsse, der keine Ordnungswidrigkeit begehen will, meint Annette Hasselwander, Sprecherin der AWS.

Auf der sicheren Seite seien diejenigen, die Geschenkkisten in der eigenen Hofeinfahrt deponieren, erklärt sie. Denn das sei Privatgrundstück. Wer allerdings seinen Trödel auf öffentlichen Gehweg abstellt, ohne Sperrmüll beantragt zu haben, lege eine illegale Deponie an, erklärt die AWS-Sprecherin. „Erfahrungsgemäß vervielfachen sich solche wilden Ablagerungen in kürzester Zeit“, erklärt sie. Die AWS müsse diese unter dem Ärger der Anwohner mit viel Aufwand entsorgen, meint Hasselwander. Die AWS habe 2017 557 Tonnen wilden Müll entfernt. „Hierfür fielen Gesamtkosten in Höhe von 498 310 Euro an“, sagt sie.

Für Tauschbörse fehlt Geld

Wem der Weg zu einem Wertstoffhof zu weit ist, weil er kein Auto hat, und wer nicht auf den Sperrmüll warten will, weil es in der Wohnung keinen Platz zum Abstellen gibt, könne Gebrauchtes im Internet beim kostenlosen Online-Verschenkemarkt der AWS anbieten, meint Hasselwander. Den gebe es seit 2005, sagt sie. Die AWS sehe keine Möglichkeit, zentrale Tauschbörsen oder Second-Hand-Kaufhäuser einzurichten, meint sie. Dazu fehlten Geld, das Personal und die Logistik, sagt sie.

Für das städtische Amt für Ordnung geht es bei der Frage von Geschenkkisten nicht nur um deren Neigung, sich zu wilden Deponien zu entwickeln, erklärt ein Sprecher der Stadt. Anwohner könnten öffentlichen Raum nur nach Erteilung einer Sondergenehmigung für Privatzwecke nutzen, meint er. 142 Bußgeldverfahren habe es im Jahr 2017 wegen ungenehmigtem Abladen von Müll auf öffentlichen Flächen gegeben, erklärt er. Dabei habe es sich nicht nur um Sperrmüll, sondern auch zum Beispiel um Altreifen gehandelt, fügt er hinzu. Die Höhe der verhängten Bußgelder hänge von der festgestellten Menge ab, erklärt er. „2017 lag die Spanne der Bußgelder im Abfallrecht zwischen zehn Euro bei Kleinmüll und 843, 30 Euro bei größeren Müllablagerungen“, sagt er.

Stadt toleriert kleine Kisten

Allerdings drücke die Stadt ein Auge zu, wenn das Verhältnis gewahrt bleibt. „Eine kleine Kiste mit Gegenständen über zwei bis drei Tage bei entsprechender Restgehwegbreite von zwei Metern stört niemanden. Ganze Wohnzimmereinrichtungen dagegen schon“, meint er. Wer nur einige Bücher oder alte Weingläser auf die Straße stellt, sollte diese allerdings wieder wegräumen und ordnungsgemäß entsorgen, sollte sie niemand mitnehmen. Dass auch Unbekannte sich nicht über jedes Geschenk freuen, gilt es dann zu akzeptieren.

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