In einem Dorf im Kreis Ludwigsburg wird Präzisionstechnik hergestellt, die bei Satelliten und Raumfahrtmissionen eine wichtige Rolle spielt.
Sascha Abel, der bei der Firma Rigo in der knapp 6000 Einwohner zählenden Gemeinde Sersheim (Kreis Ludwigsburg) als Betriebsleiter arbeitet, weiß, dass sein Arbeitgeber im Ort kaum bekannt ist. „In Sersheim weiß fast niemand, was wir eigentlich machen“, sagt er. Anders bei der ESA, der Europäischen Weltraumagentur, in den Niederlanden: „Da kennt man uns genau.“ Auch bei der NASA in den USA ist die Firma mit nur etwa 30 Mitarbeitern keine Unbekannte. Denn das Unternehmen liefert Präzisionsteile für Weltraummissionen. Unterwegs waren und sind sie zum Mars, zu den Jupitermonden oder aktuell zum Merkur.
17 Jahre ist es her, als der heutige Rigo-Geschäftsführer Angel Cañadas voll ins Risiko ging und aus dem Zulieferbetrieb für Autoindustrie und Maschinenbauer einen Spezialisten für Luft- und Raumfahrttechnik machte. „Sonst gäbe es uns heute nicht mehr“, ist er überzeugt. „Die Finanzkrise hätte uns das Genick gebrochen.“ Doch auch wenn der einstige Familienbetrieb, der inzwischen von einer Technologieholding übernommen wurde, weltweit erfolgreich ist und schon wieder erweitern könnte: Einfach war der Weg dahin nicht. Das ging damit los, dass erst einmal ein halber Jahresumsatz investiert werden musste, damit man richtig starten konnte. Und auch dann sei es nicht immer vorwärts gegangen, sagt Cañadas. Dennoch war der eingeschlagene Weg rückblickend genau richtig– vor allem, wenn man sieht, in welchen Schwierigkeiten die Automotive-Branche heute steckt.
Luft- und Raumfahrttechnik als Türöffner in andere Branchen
Dabei sei Luft- und Raumfahrttechnik heute noch nicht mal mehr das Hauptaufgabengebiet der Firma, erklärt der Geschäftsführer. „Aber sie hat uns weitere Felder erschlossen: die Halbleitertechnologie und die Medizintechnik.“ So stecken Rigo-Produkte auch in Laserscannern oder Rasterelektronenmikroskopen. „Wir sind deutschlandweit die einzigen, die Beryllium verarbeiten können“, so der Manager.
Seit 17 Jahren stellt man aus einer Mischung von Beryllium und Aluminium beispielsweise Gehäuse für Objektive her, die leicht sind und dennoch so fest wie Stahl, seit vier Jahren arbeitet man auch mit reinem Beryllium. Weil das pulverisierte Leichtmetall beim Einatmen potenziell krebserregend ist, wird es in einer Unterdruckkammer mit angeschlossener Schleuse verarbeitet, damit die Mitarbeiter optimal geschützt sind und auch keine Partikel an der Kleidung nach draußen tragen.
Präzision bis auf den Millionstel Millimeter
Zu den Alleinstellungsmerkmalen der Firma zählt auch die extreme Präzision. „Wir können auf den Tausendstel Millimeter genau fräsen und auf den Millionstel Millimeter genau Oberflächenrauheiten herstellen“, erklärt der Geschäftsführer. Nachgemessen wird mit Hilfe moderner Computertechnik. Und wenn irgendwo noch ein winziger Grat ist, wird er beim Blick durch eine Mikroskop-Brille mit einem feinen Werkzeug von Hand entfernt. „Sonst kann es passieren, dass sich solch ein Grat im Weltall löst, vor die Linse eines Objektivs fällt und die Forscher glauben, sie hätten einen neuen Planeten entdeckt“, witzelt Angel Cañadas.
In einem Spezialofen werden die Produkte im Vakuum und bei Temperaturen zwischen minus 145 und plus 1350 Grad Celsius getestet. Denn: „Wir müssen am Boden sicherstellen, dass Systeme auch im All funktionieren.“ Dort spielten vier erschwerende Bedingungen eine Rolle, erklärt der Geschäftsführer: das Vakuum, erhöhte Strahlenwerte, Gammastrahlung und große Temperaturunterschiede.
Die Raumfahrt zur Forschung habe durchaus einen Sinn, betont Cañadas. „Man gewinnt wichtige Erkenntnisse. Und man kann sich besser schützen.“ So habe man auf der Erde bislang Glück gehabt, dass es noch keine größere Sonneneruption gegeben habe. Die würde nämlich die Satelliten zerstören. „Dann könnte man nicht nur Navigation, Telekommunikation und Satellitenfernsehen vergessen, sondern auch autonomes Fahren.“ Eine Sonneneruption zeichne sich aber bereits im Vorfeld ab, sodass man Vorsorgemaßnahmen ergreifen könne.
Umsätze der kommerziellen Raumfahrt steigen rasant
Auch die Bedeutung der kommerziellen Raumfahrt werde unterschätzt. „Dabei geht man davon aus, dass sie ab 2040 etwa dieselben Umsätze erreicht wie die Automobilindustrie im Jahr 2020“, weiß der Firmenchef.
Allerdings müsse sich Europa dringend von den Amerikanern emanzipieren, die derzeit praktisch alles ins All transportieren würden. Sie hätten weniger Vorschriften und deshalb weniger Kosten. Dabei sei man in technischer Hinsicht den Amerikanern eigentlich deutlich überlegen. Den Europäern und speziell den Deutschen bleibe derzeit nur die Spezialisierung, denn: „Alles, was die Chinesen in Großserie machen, können wir sofort einstellen. So billig schaffen wir das nie.“