Spezielles Angebot in Stuttgart Hilfe für Familien, die sich Theater sonst nicht leisten könnten

Von Andrea Jenewein 

Stuttgart ist zwar eine reiche Stadt, aber längst nicht alle Stuttgarter sind wohlhabend. Darum führt das Junge Ensemble Stuttgart ein Solidaritätsticket ein, um mehr kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Die Peter-Pan-Kasse im JES:  Spender ermöglichen das Solidaritätsticket. Foto: JES
Die Peter-Pan-Kasse im JES: Spender ermöglichen das Solidaritätsticket. Foto: JES

Stuttgart - Wer hat das gesagt: „Kleine Jungen sollten nicht ins Bett geschickt werden. Sie wachen immer einen Tag älter auf.“ Das war freilich kein anderer als Peter Pan, der Junge, der nicht groß und erwachsen werden will.

Und recht hat er. Jungs wollen und sollen – statt zu schlafen – lieber ins Theater gehen. Das zeigte sich schon im Jahr 1904: Das kritische, ausschließlich erwachsene Londoner Publikum erwartete die Premiere von „Peter Pan“, als plötzlich 25 Waisenkinder das Theater stürmten. Der Autor James Matthew Barrie hatte sie eingeladen, weil er ahnte, dass sein Stück ohne Kinder im Publikum durchfallen würde. Von den Erwachsenen zunächst höchst kritisch beäugt, öffneten die Kinder mit ihrem im besten Sinne naiven, weil unverstellt-kindlichen Blick, dem Publikum die Augen und sorgten dafür, dass die Premiere ein traumhafter Erfolg wurde. Aus Dankbarkeit verfügte Barrie, dass sämtliche Autoren-Honorare von „Peter Pan“ diesem Waisenhaus und später dem Great Ormond Street Hospital for Children zugutekommen sollten.

Gedacht ist dieses Ticket für Menschen, die zu wenig Geld haben, um ins Theater zu gehen

Barries Beispiel folgend hat nun das Junge Ensemble Stuttgart (JES) entschieden, die Autoren-Honorare aus „Expedition Peter Pan“, einer erfolgreichen Koproduktion mit dem niederländischen Theater Het Laagland, für ein Peter-Pan-Ticket zur Verfügung zu stellen. Künftig soll das Geld von privaten Spendern und Stiftungen kommen. Gedacht ist dieses spezielle Ticket für Menschen, insbesondere Familien, die zu wenig Geld haben, um mal eben ins Theater zu gehen. Diese bitten bei der Reservierung oder an der Kasse um ein Peter-Pan-Ticket und kommen für einen Euro pro Karte in die jeweilige Vorstellung. „Wir verlangen keinen Nachweis, sondern vertrauen darauf, dass niemand dieses Vertrauen missbraucht“, sagt Annalena Ehmann, Pressesprecherin des JES.

Das unterscheide das Peter-Pan-Ticket auch von der Bonuscard-Kultur: „Diese ist ein sehr wichtiges Angebot der Stadt Stuttgart und wir sind froh, dass es das gibt. Wir sehen das Peter-Pan-Ticket auch nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung“, so Ehmann. Um die Bonuscard-Kultur zu erhalten, gelte es aber Fristen und Vorgänge einzuhalten, das sei bei einem städtischen Angebot auch notwendig. „Wir können hier mit dem Peter-Pan-Ticket punktuell und unbürokratisch helfen, was die Zugänglichkeit zum Theater enorm vereinfacht.“

„Kulturelle Teilhabe ist für uns ein Menschenrecht“

Warum aber setzt sich das JES – die Idee stammt aus dem Kreis der Mitarbeiter – so für das Solidaritätsprinzip ein? „Kulturelle Teilhabe ist für uns ein Menschenrecht, und wir nehmen unsere Verantwortung als Theater sehr ernst, die Zugangsmöglichkeiten für alle Menschen zu schaffen“, sagt Ehmann. Barrieren könnten jedoch so unterschiedlich sein wie es Menschen sind und deswegen versuchten die Mitarbeiter, „gemeinsam die Barrieren in den unterschiedlichsten Bereichen abzubauen“. Dazu gehören barrierefreie Toiletten genauso wie Tastführungen für blinde oder sehbehinderte Menschen, die Markierung der Treppen im Unteren Foyer mit Leitstreifen, die Herabsetzung des hinteren Thekenbereichs für Menschen mit Rollstuhl, das Angebot des Voreinlasses bei Vorstellungsbesuchen, die Übertitelung oder Verdolmetschung von einzelnen Aufführungen in deutsche Gebärdensprache für Menschen mit Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit – und jetzt das Peter-Pan-Ticket.

Zudem bietet das JES immer wieder spezifische Spielclubs an. In diesen werden Themen gemeinsam künstlerisch erarbeitet und am Schluss vor Publikum präsentiert – und immer wieder holt sich das Theater besondere Expertise von außen dazu. Beim Sign-Club war es eine Gebärdendolmetscherin, bei dem Club Kültür ist es das Deutsch-Türkische Forum und beim Club Mosaik sind es die Offenen Hilfen.

Ob aus dem Peter-Pan-Ticket eine langfristige Einrichtung werden kann, hängt ab von der Großzügigkeit und der Bereitschaft der Menschen, dieses Solidaritätsticket langfristig abzusichern. Aber wie sagte schon Peter Pan: „Alles, was du brauchst, ist Glauben, Vertrauen und ein bisschen Feenstaub.“

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