Spiel-Entwickler aus Vaihingen Von Null auf Hundert als Spiele-Erfinder

Von  

Andreas Steiger ist Erzieher im Kindergarten in Vaihingen und hat ein ganz besonderes Händchen für Kartenspiele. Er hatte die Spielidee für Targi, das es mittlerweile auch in anderen Ländern gibt.

Andreas Steiger mit dem Tuareg-Prototyp seines Spielehits Targi Foto: Kai Müller
Andreas Steiger mit dem Tuareg-Prototyp seines Spielehits Targi Foto: Kai Müller

Vaihingen - Andreas Steiger hatte ein mulmiges Gefühl. Mehrmals hatte er den Vertretern der japanischen Firma mitgeteilt, dass sie sich an den Kosmos-Verlag wenden müssten, wenn es darum geht, die Rechte an einer japanischen Ausgabe seines Spiels Targi zu erwerben. Doch die Geschäftsleute aus Fernost beharrten auf ein Treffen bei der Spielemesse in Essen und ließen dafür sogar einen Dolmetscher einfliegen. Steiger wurde es noch ein wenig mulmiger zu Mute, als die japanische Delegation erneut von den Rechten anfing. „Sie wollten aber nur wissen, ob sie mir sympathisch sind und ich einverstanden bin, dass sie Verhandlungen mit Kosmos aufnehmen“, sagt Steiger. Da hatte der 40-Jährige natürlich gar nichts dagegen.

Das erste Spiel wird gleich zum Volltreffer

Steiger ist mit Targi etwas gelungen, das andere vor Neid oder Bewunderung erblassen lässt: Gleich mit seinem ersten eingesandten Spiel landete er einen Volltreffer, und das obwohl es sich um ein Kartenspiel für zwei Personen handelt, was ohnehin ein schwieriges Genre ist.

Im Hauptberuf ist Steiger Erzieher im Kindergarten. Seine zweite Heimat hat er bei den kleinen Feuerdrachen an der Vaihinger Freibadstraße gefunden. Seinen Traumberuf entdeckte der gebürtige Balinger aber eher zufällig. Seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann hat Steiger in keiner guten Erinnerung behalten. Er schmiss hin. Da kam das Angebot eines Kumpels, ihn sechs Wochen zu vertreten, zur rechten Zeit. Es handelte sich um eine Eltern-Kind-Gruppe im Stuttgarter Osten. Steiger blieb gleich dort und ließ sich zum Erzieher ausbilden. „Das passte wie der Deckel auf den Topf“, sagt der Vater zweier Kinder. Damals war er bundesweit einer von 34 Erziehern. Später übernahm er dann eine Elternvertretung und kümmerte sich um die jungen Darsteller des Musicals Miss Saigon. Seit 15 Jahren ist er nun in Vaihingen und zufrieden: „Das ist schon ein bisschen wie Bullerbü“, sagt Steiger.

Lieber Brettspiele als Fernsehen

Schuld an seiner Leidenschaft für Spiele sind aber nicht die Kindergartenkinder, eher seine eigenen, wenn auch nur indirekt. „Meine Frau und ich waren immer sehr aktiv“, sagt Steiger. Egal, ob Kino oder Theater, das Ehepaar hielt es selten auf dem Sofa aus – bis der erste Sohn unterwegs war . „Gerade zum Ende der Schwangerschaft konnte man nicht mehr so viel machen“, erzählt Steiger. Da er und seine Frau keine Fernsehfans sind, wurden die Brettspiele aus dem Schrank geholt.

Noch heute wird zwei- bis dreimal in der Woche im Haus Steiger gespielt. „Das ist ganz arg schön“, sagt der gebürtige Balinger. Auch die Kinder haben längst den Reiz dieser Art der Freizeitbeschäftigung erkannt. Kein Wunder, besitzt doch die Familie rund 400 Spiele.

Doch Würfeln und Co. ist das eine, ein komplettes Spiel zu erfinden, eine ganz andere Welt. Als sich 2009 Fans des Spiels Dominion eigene Karten ausdenken konnten, machte Steiger mit und entwarf 33 neue. „Da hat es irgendwie geprickelt“, erinnert sich der Erzieher. Es ließ ihn nicht mehr los und innerhalb von drei Monaten konzipierte er ein Kartenspiel mit dem Titel Tuareg. Es ist ein Spiel, bei dem taktisches Gespür beim Handel mit Datteln, Salz, Pfeffer und Gold gefragt ist. Steiger wusste, dass Kosmos eine Reihe für Zwei-Personen-Spiele hat und schickte den Prototypen an den Verlag. Nach einiger Zeit kam die Rückmeldung: „Wir verstehen Ihre Spielregeln nicht.“ Steiger besserte nach und als er im Februar 2011 nach einem Elternabend nach Haus kam, empfing ihn seine Frau mit den Worten „Hör doch mal den Anrufbeantworter ab“. Es war die Zusage des Kosmos-Verlags. Ein Jahr später lag Targi in den Läden. Der Name musste geändert werden, weil kurz zuvor ein Spiel mit dem Namen Tuareg erschienen war. Doch damit nicht genug, Targi übertraf schnell alle Erwartungen. Es gewann den „À-la-carte-Kartenspielpreis“ und stand ferner auf der Nominierungsliste zum „Kennerspiel des Jahres“. Und das Besondere dabei: „Der Verlag hat fast nichts verändert, das ist der Traum jedes Spieleerfinders“, sagt Steiger.

Tragi gibt es auch in Griechenland und Japan

Targi ist sogar zum Exportschlager geworden. Es gibt mittlerweile eine englische, französische, italienische, spanische, niederländische, griechische und eben japanische Variante. Im Haus Steiger wird Targi natürlich weiterhin oft und gern gespielt, aber auch an ganz anderen Orten, wie zahlreiche positive Rückmeldungen zeigen. Etwa die vom Paar, dass auch in den Flitterwochen Targi nicht missen will. Da bekommt dann auch Steiger eine Gänsehaut. Die Latte hat er natürlich durch den Auftakterfolg hoch gelegt. Er werkelt gerade auch an neuen Prototypen. Doch Steiger sieht das entspannt. „Es ist doch schön nicht Spiele erfinden zu müssen, um damit Geld zu verdienen.“

Dafür ist er auch viel zu gern Erzieher. Immerhin profitieren die Feuerdrachen vom Engagement Steigers. Er ist nicht nur ein Experte in Sachen Spiele, sondern bringt auch ab und zu mal einen Prototypen eines Spieleerfinder-Kollegen mit. Und manche der Eltern haben auch sein Spiel gekauft. „Ich hoffe, sie packen es auch aus“, sagt Steiger augenzwinkernd.

Sonderthemen