Spielabbrüche in Enz/Murr Granulat verklebt auf immer mehr Plätzen
Die Folgen für Städte und Vereine sind erheblich. Am Wochenende wurden im Fußballbezirk Enz/Murr erstmals zwei Spiele abgebrochen.
Die Folgen für Städte und Vereine sind erheblich. Am Wochenende wurden im Fußballbezirk Enz/Murr erstmals zwei Spiele abgebrochen.
Gerade einmal 20 Minuten dauerte am Sonntag das Fußball-Heimspiel des SV Pattonville II – dann brach der Schiedsrichter es ab. An einen geordneten Spielbetrieb war nicht zu denken. Zu große Probleme bereitete der Kunstrasen. Eine zweite Partie im Bezirk Enz/Murr, das Heimspiel von Enosis Leonberg, wurde aus demselben Grund abgebrochen. Anderswo wurden die Spiele durchgezogen. Nach dem Abpfiff mussten die Schuhe aber je nach Untergrund aufwenig gereinigt werden – wenn denn möglich. Zur Not mit Schere, Taschenmesser oder Schraubenzieher.
Seit der Hitze im Sommer klumpt auf mehreren Kunstrasenplätzen das Granulat. Es verfestigt sich an der Sohle, sodass die Kicker statt auf Noppen auf einer zentimeterhohen Granulatschicht laufen. Wohl auch, weil es am Sonntag warm war, trat das Problem gehäuft auf. So waren die Biegelkicker Erdmannhausen gleich mit beiden Aktiventeams betroffen. Die Frauen I in Wendlingen, die Frauen II auf dem ESG-Platz in der Partie beim SV Kornwestheim.
Die Schilderungen gehen alle in eine Richtung. „Man hat einen schlechten Stand, die Schuhe sind gefühlt drei Kilogramm schwerer, man merkt es bei jedem Pass oder Schuss, und die Verletzungsgefahr ist deutlich höher“, sagt Alina Runkel, Abteilungsleiterin bei den Biegelkickern. Trainer Shpetim Muzliukaj, der mit Drita Kosova Kornwestheim auf dem ESG-Kunstrasen spielt, kann davon ein Lied singen: „Wir haben fünf, sechs Spieler, die sich neue Schuhe kaufen mussten. Auch Gegner haben sich beschwert. Man bekommt das Zeug kaum runter.“ Gerade mit Noppenschuhen habe man keine Chance. „Die gehen kaputt.“ Mit Tausendfüßlern – also Schuhen mit vielen kleinen Noppen – sei es irgendwie machbar. Muzliukaj: „In der Halbzeit sitzen wir jetzt alle da und reinigen unsere Schuhe. Das habe ich noch nie erlebt“, sagt der 33-Jährige, der es in seiner Karriere bis in die Regionalliga geschafft hat. In seinen Worten ist Verzweiflung nicht zu überhören, besteht das Problem doch seit dem Sommer immer wieder.
Verzweiflung – der dürfte man auch beim SV Pattonville nahe sein. Auf dem Kunstrasenplatz, den der Verein gepachtet hat, wurde erst vor einem Jahr das Granulat ausgetauscht. „Mit den Resten von vorher haben wir schon die dritte Granulatfüllung drauf“, sagt der Vorsitzende Michael Uhse. Das mache die Situation extrem – und ein neuerliches Absaugen des Füllmaterials für eine dann vierte neue Schicht wäre nicht sinnvoll. „Das macht keinen Sinn mehr“, sagt Uhse. Und für ein Auffüllen mit Sand seien der Platz zu alt und die Halme zu weit auseinander. Verletzungsgefahr wäre die Folge. Nachdem das Problem vor zweieinhalb Monaten erstmals auftrat, geht die Tendenz zu einem komplett neuen Belag, der mit natürlichem Granulat versehen wird.
Von dem Problem berichtete Dieter Girrbach, Geschäftsführer des Zweckverbands Pattonville, vergangene Woche dem Gemeinderat Kornwestheim. Der wird in der nächsten Sitzung über finanzielle Unterstützung beraten. Die Kosten für den neuen Belag liegen bei stolzen 240 000 Euro. „Die Firma kommt uns aber entgegen. Und der Zweckverband ist in der Sache sehr engagiert“, sagt Uhse.
Ziel sei eine schnelle Lösung. Der Vorsitzende hofft, dass die Baufirma in drei bis vier Wochen anrückt. „Sonst haben wir das Problem nach der Winterpause wieder. Dann weiß ich nicht mehr, wohin mit den Mannschaften.“ Die Aktiven trainieren auf dem Rasen, die älteren Jugendlichen ohne Flutlicht auf dem Platz an der Realschule. Eine Hoffnung ist, ins Remsecker Stadion ausweichen zu können. In der Jugend wurde zudem bei allen Spielen bis zur Winterpause das Heimrecht abgegeben. Selbiges ist beim zweiten Aktiventeam geplant. Und fürs erste, sobald der Rasen unbespielbar ist.
Für den ESG-Platz in Kornwestheim soll im Gemeinderat ebenfalls eine Lösung her. „Wir haben ihn abgekehrt, aber ob das eine Dauerlösung ist?“, sagt Bürgermeister Daniel Güthler, weitreichendere Maßnahmen befürchtend. Sowieso ausgetauscht werden soll der Teppich auf dem Platz an der Bogenstraße, da die Nutzungsdauer von 15 Jahren erreicht ist. Die Maßnahme soll im nächsten Doppelhaushalt Platz finden.
Einen Schritt weiter ist der VfB Tamm, wo das Kunstrasenproblem im Sommer zuerst aufgetreten war. „Auf dem Platz wird weiter gespielt, die Schuhe müssen halt gereinigt werden“, sagt Abteilungsleiter Andreas Sagert. In zwei Wochen werde, wie von der Baufirma empfohlen, eine Maschine das Granulat aussaugen, eingefüllt wird dann Sand. Der Platz ist neuer als in Pattonville, die Maßnahme nicht direkt vergleichbar. „Wir können ihn dann zwei Wochen nicht nutzen“, so Sagert. Das Training fällt währenddessen aus, die Punktspiele werden auf den Rasen verlegt. Die Platzsanierung kostet laut Stadtverwaltung rund 25 000 Euro.
Bis es soweit ist, müssen weiterhin Haushaltstricks herhalten, welche die Tammer aus der Not heraus für sich entdeckt haben. Andreas Sagert dazu: „Wenn man die Schuhe samt Granulat ins Gefrierfach legt oder mit Olivenöl einreibt, löst es sich einfacher.“
Ursache
Tobias Müller von der Firma polytan erklärt, die Hitze könne eine Ursache sein. Genaueres erhoffe man durch Untersuchungen herauszufinden – Proben wurden entnommen. „Die Plätze sind gleich aufgebaut, können sich aber durch Halme und Granulate unterscheiden“, so Müller. Empfohlen werde in der Regel, das Granulat zu entfernen. Gesetzt wird nun auf natürliche Füllungen wie Sand, Kork oder Holzchips
Folgen
In einer Mail von Montag bittet der Bezirk Enz/Murr betroffene Vereine, sich bis 26. Oktober zu melden, um eine Regelung zu finden. Geprüft wird auch die Haftungsfrage, wer für kaputte Schuhe bezahlt.