InterviewSpielbankchef Otto Wulferding „Beim Online-Glücksspiel herrscht ein nahezu rechtsfreier Raum!“

Von Frank Schwaibold 

Der Chef der baden-württembergischen Spielbanken, Otto Wulferding, warnt vor einem Staatsversagen beim Online-Glücksspiel. Die Gründe dafür nennt er im Interview mit unserer Redaktion.

Otto Wulferding ist Chef der baden-württembergischen Spielbanken. Foto: dpa
Otto Wulferding ist Chef der baden-württembergischen Spielbanken. Foto: dpa

Stuttgart - In keinem anderen Bundesland werden mehr Spielerträge in den Casinos erlöst wie im Südwesten. Dennoch kann sich Otto Wulferding, Chef der drei baden-württembergischen Spielbanken in Stuttgart, Baden-Baden­ und Konstanz, nur bedingt freuen. Denn in der Branche gibt es Probleme.

Herr Wulferding, haben Sie eine Glückszahl?
Viele nehmen ihr Geburtstagsdatum. Andere die sieben. Ich mag die 8. Mein Vorname Otto bedeutet ja acht auf Italienisch.
Schon mal richtig Glück gehabt mit der 8?
Nein, nicht so richtig. Macht aber nichts. Ich spiele dennoch gern Roulette, mit überschaubaren Einsätzen. Dann kann man auch wenn das Geld weg ist sagen: Es war ein schöner Abend.
Stichwort Geld: Wie lief das Geschäftsjahr 2017 für die Spielbanken Stuttgart, Baden-Baden und Konstanz?
Es war ein gutes Jahr. Die Baden-Württembergische Spielbanken GmbH ist wieder die stärkste Landesgesellschaft in Deutschland – gemessen an Umsatz und Bruttospielertrag. Unsere drei Casinos legten rund fünf Prozent zu, so dass der Bruttospielertrag auf 86 Millionen Euro stieg. Der Bruttospielertrag, das ist die Summe aller Spieleinsätze abzüglich der Spielgewinne. Dabei war die Bilanz an allen Standorten gut, insbesondere in Baden-Baden.
Welche Maßnahmen haben sich in Baden-Baden positiv ausgewirkt?
Zweifellos ist das Casino ein Markenzeichen von Baden-Baden. Aber auch ein traditionsreiches Casino muss gepflegt werden. Roulette, Black Jack, Glückspielautomaten – das erwartet jeder. Doch wir haben das Kerngeschäft ausgebaut, so dass der Gast bei uns rund um Roulette und Co. einen besonderen Abend verbringt. Wer exzellent speisen möchte, findet, was er möchte. Wir haben dazu dem Restaurant The Grill eine neue Atmosphäre­ gegeben, die Terrasse in einen Ort der Entspannung verwandelt und auf die Speisekarte geschrieben, was auch Gourmets der Großstadt schmeckt: Steaks, Sushi und mehr. Viele Gäste, gerade am Wochenende, gehen nicht nur an den Spieltisch. Sie nutzen unser Gesamtarrangement, weil es cooler ist, im einzigen Casino am Platz zu essen als im Restaurant nebenan. Und nach dem Espresso zum Abschluss muss keiner das Lokal verlassen, niemand sagt: nichts geht mehr. Wer will, trinkt an der Bar einen Cocktail. Oder schaut mit einem Glas Wein zu, wie andere auf Rot oder Schwarz hoffen.
Welche Pläne gibt es für Stuttgart?
Stuttgart ist anders, großstädtischer, jünger. Hier wechseln die Trends schneller. Wir haben daher den Club Grace in der Spielbank neu positioniert. Bisher kamen die Gäste der Musik wegen. Von 27. April an richten wir The New Grace in Richtung Bar und Style, Lounge und Longdrinks aus. Grace verbindet als einzige Bar in Stuttgart Casino, Clubbing und Cocktail. Motto: no Schlips but Style. Durch dieses Alleinstellungsmerkmal gleichen wir die nicht ganz einfache Erreichbarkeit in Möhringen aus.
Der Bereich Event wird also wichtiger?
Ja. Ein Casino kann heute mehr als Glücksspiel. Das Spiel um Geld, das versprechen auch Online-Casinos. Wer bestehen will, muss das eigene Image kultivieren und die Marke Casino pflegen. Wir stärken daher nicht nur die klassischen Markenwerte des Casinos, sondern betten sie in ein Entertainment ein. Das können Lesungen sein, etwa mit der Moderatorin Sonya Kraus im Mai in Baden-Baden, oder Live-Musik in Stuttgart. Wir tun viel für die soziale Atmosphäre, die gefühlte Sicherheit und die Möglichkeit, zusammen etwas zu erleben.
Wie wichtig ist das Automatenspiel?
Jedes Casino zeichnet sich durch eine Mischkalkulation aus. Da gibt es die Glücksspielautomaten. Und da gibt es Roulette, Black Jack, Poker. Betriebswirtschaftlich bedeutet das: Bundesweit erzielt das Automatenspiel etwa 75 Prozent des Ergebnisses. In Baden-Württemberg ist das klassische Spiel mit 30 Prozent etwas stärker. Im einwohnerstarken Stuttgart ist die Nachfrage nach Live-Spiel groß, Baden-Baden ist im Roulette stark. Wenn es nur um das pure Spiel geht: Das gibt’s online sieben Tage lang rund um die Uhr auf einem 17-Zoll-Monitor. Wer es größer und authentischer mag, für den ist das Casino die beste analoge Adresse. Doch Online boomt. Deshalb müssen wir einen Mehrwert liefern, damit die Menschen weiter zu uns kommen.
Kontrolliert der Staat Glücksspiel-Anbieter in genügendem Maße?
Nicht nur die Politik selbst, auch die Wissenschaft reklamiert ein Vollzugsdefizit. Das Recht im Glücksspiel wird nicht für alle gleich umgesetzt. Im Mittelpunkt stehen oft die staatlichen Anbieter. Das Online-Spiel dagegen rutscht aus dem Fokus, der Gesetzgeber bekommt es in der Rechtswirklichkeit nicht in den Griff. Die Folge: Fast ein Fünftel des Glücksspiels entzieht sich der Kontrolle durch den Staat. Es ist sicher­ nicht einfach, das im Internet zu regulieren. Das Defizit aber führt dazu, dass im nahezu rechtsfreien virtuellen Raum des Online-Glücksspiels der Markt seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich wächst. Dabei ist das Spiel bis auf Ausnahmen illegal, für Anbieter und Spieler. Der Schwarzmarkt erreicht in Deutschland schon mehr als 2,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Das sind rund 20 Prozent des Gesamtmarkts.
Geht es nach Schleswig-Holstein, wird die Reform des Glücksspiel-Staatsvertrags neu verhandelt. Denn die seit 2017 amtierende Jamaika-Koalition trägt den von der Vorgänger-Regierung noch befürworteten Entwurf nicht mehr mit. Was hätte ein Scheitern des neuen Gesetzes für Folgen?
Das föderale System sieht vor: Bei Staatsverträgen müssen alle 16 Bundesländer zustimmen. Schleswig-Holstein hat nach der Landtagswahl seinen Ausstieg aus der neuen Gesetzgebung erklärt. Hessen und Nordrhein-Westfalen folgten. Somit bleibt alles beim alten Staatsvertrag. Dabei besteht Regelungsbedarf: Es gibt Spielerschutzvorgaben und Werberichtlinien, die der Staat kontrollieren sollte, ja sogar muss. Wir dürfen die Wild-West-Zustände nicht länger akzeptieren. Gerade in sensiblen Bereichen wie dem Glücksspiel muss der Staat für Rechtssicherheit sorgen.
Problematisch sind auch Sportwetten . . .
. . . wenngleich man sie heute in fast jeder Stadt im Wettbüro abschließen kann. Auch hier heißt das Stichwort: Duldung. Sportwettanbieter wie Tipico setzen zwar mit Ex-Nationaltorwart Oli Kahn eine Werbefigur ein, die man als fairen Sportsmann kennt. Doch es existiert dafür keine rechtliche Grundlage, keine Konzession. Sportwetten-Anbieter werden geduldet, weil ihre kontrollierte Zulassung gescheitert ist.
Wäre eine bundesweit einheitliche Lösung nicht am sinnvollsten?
Es gibt Experten, die eine zentrale Glücksspiel-Aufsichtsbehörde in Deutschland befürworten. Sie argumentieren, dass der Bund zuständig sein sollte – nicht die Bundesländer. Der Druck wächst, denn mehr und mehr Länder wollen den Wildwuchs im Internet nicht mehr akzeptieren. Denn durch die virtuellen Casinos gehen nicht nur Steuereinnahmen verloren. Sie erfüllen auch nicht die Auflagen, die für Spielbanken Normalität sind, bei Spielerschutz, Sicherheit bei Geldüberweisungen, fairen Spielregeln. Online-Anbieter aus Malta oder Costa Rica interessieren sich nicht für Jugend- und Spielerschutz. Wer sensible und jugendgefährdende Bereiche dem freien Markt überlässt, der riskiert ein Staatsversagen.
Ist das Wettgeschäft inzwischen ein weltumspannender Markt geworden?
Ja, gerade hier hat die Globalisierung durchgeschlagen. Ein Beispiel aus der Fußball-Bundesliga: Auf Stadionbanden sind zuweilen sogar chinesische Schriftzeichen zu sehen. Das ist Werbung für internationale, in China verbotene Wettanbieter. Das Kalkül dahinter: Auch in China werden Spiele von Bayern München oder vom VfB Stuttgart geguckt. Die Zielgruppe sind junge, sport- und wettaffine Chinesen. Dabei ist Glücksspiel in China verboten.
Machen sich die Vereine strafbar, wenn sie solche Werbung zulassen?
Offenbar nicht, denn die Vereine unterschreiben rechtskräftige Verträge oder präsentieren Sponsoren aus der Welt der Sportwetten. Alles vor den Augen der Öffentlichkeit. Diese Präsenz erzeugt Glaubwürdigkeit. Viele wissen gar nicht, dass manches Online-Glücksspiel verboten ist.
Bezahlt wird bei Online-Spielbanken auch mit Bitcoins. Verändert die virtuelle Währung den Charakter des Glückspiels?
Online-Casinos sind ein Einfallstor für virtuelle Zahlungsmittel. Ihr Einsatz ist höchst problematisch, weil mit Bitcoins komplett anonym gespielt. Keiner weiß, wer vor dem Computer sitzt, wer eventuell Geld wäscht. Mit Bitcoins gehen alle staatlichen Kontrollmöglichkeiten des Geldflusses verloren. Eine Regulierung wäre dann vollends unmöglich.

Das Gespräch führte Frank Schwaibold.