Spiele-Experte und Pädagoge „Dass ein Kind aus einem Ast ein Laserschwert macht, ist kaum zu verhindern“
Der Pädagoge Volker Mehringer erklärt, welche Spiele für Kinder er problematisch findet und welchen Wert das Spielzeug eigentlich haben sollte.
Der Pädagoge Volker Mehringer erklärt, welche Spiele für Kinder er problematisch findet und welchen Wert das Spielzeug eigentlich haben sollte.
Ein Spielzeug kann nur dann pädagogisch wertvoll sein, wenn auch damit gespielt wird“, sagt der Augsburger Spielzeugforscher Volker Mehringer. Er erklärt in unserem Interview, warum auch Plastikwaffen Spielpotenzial bieten – eventuell sogar mehr als Kapla-Steine.
Herr Mehringer, das Kind wünscht sich ein Plastik-Laserschwert, die Eltern würden lieber Holzbausteine kaufen. Warum klaffen die Vorstellungen über gutes Spielzeug oft weit auseinander?
Kinder stellen sich ganz konkret vor, was genau sie mit einem Spielzeug machen könnten. Vielleicht haben sie es schon bei Freunden gesehen oder aus einer Fernsehserie heraus etwas im Kopf, das sie als Rollenspiel nachspielen möchten. Bei Eltern dagegen spielen oft Aspekte wie die Ästhetik von Spielzeug eine Rolle, die Sicherheit oder der Preis.
Bei Waffen kommt ja auch noch eine ethisch-moralische Ebene dazu.
Sicher haben Eltern auch bei der Auswahl von Spielzeug eine gewisse Erziehungsaufgabe. Aber es lohnt sich auch hier, die Perspektive des Kindes zu sehen und es zu fragen: Was willst du mit dem Spielzeug denn genau machen? Was fasziniert dich daran? An Nerfs beispielsweise begeistert viele der Mechanismus, der die Schaumstoffpfeile auslöst, oder die Frage, wie gut sie damit treffen können. Und wenn eine Kindergruppe damit durch die Nachbarschaft zieht und sich dazu Regeln und Rollen überlegt hat, sehe ich da auch interessante Spielmöglichkeiten und Spielwert.
Aber braucht es für Rollenspiele wirklich realistisch nachgebildete Waffen?
Ich kann als Eltern natürlich den Standpunkt vertreten, dass das Kind zwar eine Wasserpistole bekommt, aber keine, die aussieht wie eine echte Waffe. Dass ein Kind beispielsweise aus einem Ast ein Laserschwert macht, ist hingegen kaum zu verhindern. Und sicher gibt es auf dem Spielemarkt auch Angebote, die moralisch fragwürdig sind.
Zum Beispiel?
Ich habe meinen Studierenden mal die Aufgabe gestellt, nach möglichst schlechtem Spielzeug zu recherchieren. Eine Studentin hat im Internet dann ein Russisch-Roulette-Spiel für Kinder entdeckt. Am Plastikrevolver war ein Luftballon befestig, den man sich an den Kopf halten sollte. Und in einer der Kammern dann eine Nadel.
Das ist sicher nicht das, was sich Eltern unter pädagogisch wertvollem Spielzeug vorstellen.
Nein. Allerdings finde ich den Begriff grundsätzlich etwas schwierig. Das pädagogisch Wertvolle ist ja eigentlich das Spielen selbst– dass Kinder dabei die Zeit vergessen dürfen, völlig in ihrem Spiel versinken und je nach Alter dabei ganz nebenbei beispielsweise ihre Motorik schulen, Rollenspiele erleben, konstruieren oder Spielregeln kennen lernen. Habe ich nun ein Spielzeug, welches die Kinder – aus welchen Gründen auch immer – gar nicht anrühren, dann kann es als noch so pädagogisch wertvoll verkauft werden, sein Potenzial wird es nicht entfalten. Mir ist das mal mit Kapla-Steinen passiert.
Erzählen Sie.
Ich dachte, die Steine wären total toll für unsere Kinder, weil man damit ohne Grenzen bauen kann. Und dann konnten sie zunächst gar nichts damit anfangen. Irgendwann habe ich dann selbst angefangen, damit zu bauen. Kurz darauf ist der Funke auch auf die Kinder übergesprungen, denn sie haben plötzlich gesehen, wie das Spielzeug funktioniert. Manchmal brauchen Kinder einen kleinen Motivations-Anschub oder einen Ideen-Impuls, um sich mit Spielzeug zu beschäftigen oder vermeintlich langweilig gewordenes Spielzeug wiederentdecken zu können. Computerspiele nutzen dieses Motivationsprinzip übrigens perfekt aus.
Wie meine Sie das?
Sie werden ja mit Absicht so programmiert, dass es immer neue Herausforderungen und Anreize gibt, dass die Motivation ständig neu geweckt wird. Und wenn es an einer Stelle mal nicht weitergeht, bekomme ich oft auch eine Hilfestellung. Das können Eltern durchaus auch bei klassischen Spielzeugen nachzuahmen versuchen. Gleichzeitig nutzen Kinder Spielzeug ja auch, um sich zu entwickeln. Wenn eine Entwicklung abgeschlossen ist oder die Spielfähigkeiten sich weiterentwickelt haben, dann ist es nur logisch, dass manche Dinge irgendwann langweilig werden. Die meisten Spielzeuge haben ihre Lebensdauer. Eine Ausnahme bilden manche Brettspiele, die es schaffen, Generationen zu verbinden.
Bei vielen Erwachsenen hat man das Gefühl, sie freuen sich richtig darauf, mit den Kindern als Alibi, wieder Lego bauen zu dürfen.
Spielen ist eigentlich etwas, was bis ins hohe Alter hinein sehr wichtig sein kann für uns Menschen, weil es Stress abbaut, einen körperlich, geistig, kreativ oder sozial fordert. Leider haben wir irgendwann nicht mehr so viel Zeit dafür wie Kinder, die den Großteil eines Tages damit verbringen dürfen. Deshalb macht es vielen Eltern dann ja auch so viel Spaß, Spielzeug für den Nachwuchs zu kaufen – weil sie dann endlich selbst wieder mit einem ferngesteuerten Auto fahren oder puzzeln können. Wir haben uns neulich Spielzeugwerbung aus den 60er Jahren angeschaut. Da haben meist die Papas mit den Modelleisenbahnen gespielt – und die Kinder durften zuschauen.
Welches Spielzeug wird die nächsten Jahre in die Kinderzimmer kommen?
Die meisten Arten von Spielzeug gibt es schon sehr lange – vom Ball über Puppen und Spielfiguren bis hin zu Brett- und Gesellschaftsspielen. Neuheiten sind meist eher Variationen dieser bereits bestehenden Spielzeugarten. Über die Künstliche Intelligenz könnte jetzt allerdings tatsächlich eine ganz neue Spieldimension in die Kinderzimmer kommen. Teddybären beispielsweise, mit denen man echte Gespräche führen kann. Das ist auf jeden Fall ein spannendes, aber auch sehr heikles Feld. Denn wer hat Zugriff auf die Daten? Wie sicher sind sie? Was wird damit gemacht? Und wer kann mit dem Kind auf diesem Weg Kontakt aufnehmen?
Der Pädagoge
forscht an der Universität Augsburg zum Thema Spielzeug und Spielen. Unter anderem untersucht er, welche Kriterien für Eltern und Kinder bei der Auswahl von Spielzeug eine Rolle spielen.