Spielen mit den Kindern So viel Zeit muss sein

Quatsch machen, spielen, Spaß haben und dabei lernen. Foto: Adobe Stock/Jacob Ammentorp Lund

Kochen, Einkaufsladen, Raumschiff oder schon wieder einen Turm bauen? Spielen ist für Kinder lebenswichtig. Eltern sollten daran teilhaben, statt sich mit Ausreden aus der Affäre zu ziehen.

Stuttgart - Das Drei-Gänge-Menü ist angerichtet. Es gibt Matschpudding mit Grasstreuseln, Matschpudding mit Kastanien und Matschpudding mit Matschsoße. Das Restaurant ist ein viel zu kleiner Kindertisch und der steht obendrein noch draußen. Im Getränk (Matschkaffee) schwimmen echte Eisstückchen aus der Regentonne. Aber es darf natürlich noch ein bisschen mehr sein, auch wenn der Nachschlag dann auf der Hose des Gastes landet.

 

Spielen ist wichtig

Wer Kinder im Kindergartenalter hat, kommt um Rollenspiele nicht herum. Man kommt aber auch um die Frage nicht herum, ob man als Eltern da immer mitspielen muss. „Unbedingt“, lautet die sehr eindeutige Antwort von Erziehungswissenschaftler und Dozent Albert Wunsch aus Neuss. Immerhin sei Spiel für die Kinder alles andere als lustbetonte Spielerei, sondern ihr Hauptberuf, in welchem sie die Welt um sich herum und auch sich selbst begreifen lernen. Und dafür gebe es keinen besseren Weg als das Spiel.

Spielforscher gehen davon aus, dass Kinder bis zum vollendeten sechsten Lebensjahr etwa 15 000 Stunden spielen. Das sind rund acht Stunden pro Tag. Spielen ist ganz entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung. Kinder, die viel und intensiv spielen, sind später sozialer, emotional stärker, motorisch fitter und können sich besser konzentrieren.

Es geht um Kreativität und Spaß

Spielen erfordert und fördert zudem Kreativität. „Im Spiel probieren Kinder Dinge aus, die sie im echten Leben noch nicht machen können oder dürfen“, sagt Stephan Gingelmaier, Juniorprofessor im Bereich Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Also Dinge wie kochen, eine Autowerkstatt betreiben, Zahnarzt sein.

Hat man nun keine Lust, sich einer Zahnreinigung durch das Kind zu unterziehen, „nehmen wir das Spiel und damit die Entwicklung des Kindes nicht ernst und das zeugt von fehlender Wertschätzung, ja Missachtung“, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Die Antwort „Keine Lust“ würde er sowieso ganz schnell aus dem Wortschatz aller Eltern streichen. Denn: „Beim Kind kommt ,Keine Lust‘ gleichbedeutend mit ,Nein‘ an. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn das Kind ein paar Jahre später auch mit ,Keine Lust‘ antwortet, wenn es sein Zimmer aufräumen soll.“

So viel Zeit muss sein

Trotzdem haben auch die Experten ein Einsehen, wenn übermüdete Eltern zwischen Beruf, Einkauf und Waschmaschine nicht immer den Elan aufbringen, den Zahnarztpatienten oder den Restaurantbesucher zu mimen. „Aber vielleicht schafft man es, zumindest kurz mitzuspielen und die Spielenergie der Kinder dann umzulenken“, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch.

Für die Situation im Matschrestaurant könnte das Wunsch zufolge beispielsweise so aussehen: „Sie sagen dem Kind, dass Sie selbst auch ein Restaurant haben, das auf der Suche nach neuem Personal ist. Und dann kochen sie drin gemeinsam einen Tee.“ Das Kind an ein anderes Spiel heranzuführen, sei fast immer die bessere Strategie als ein starres „Nein“.

Wem selbst für ein kurzes Rollenspiel die Kraft fehlt, darf dem Kind trotzdem auch mal absagen. Denn das Zusammenspiel funktioniert Stephan Gingelmaier zufolge nur, wenn auch der Erwachsene eine spielerische Haltung annehmen kann. „Für das Kind ist das Rollenspiel in dem Moment Realität. Es merkt sofort, wenn Erwachsene nicht richtig darin eintauchen.“

„Keine Lust“ – gibt’s nicht

Statt einfach nur „Keine Lust“ zu antworten, sollte man dem Kind aber eine verständliche Erklärung liefern. „Und einen alternativen Spieltermin anbieten, der dann aber auch unbedingt eingehalten werden muss“, sagt Stephan Gingelmaier von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Gegen Ende der Kindergartenzeit hören Eltern dann ohnehin immer häufiger ein „Nein“, wenn sie sich bei einem Rollenspiel einbringen wollen. „Andere Kinder werden jetzt als Spielpartner wichtiger“, sagt Stephan Gingelmaier. Die Aufgabe der Eltern sei es dann vor allem, das Spiel der Kinder zu schützen, sprich die freie Spielzeit zu ermöglichen und nicht ständig durch Termine oder Verpflichtungen zu unterbrechen.

Als Spielpartner aber haben Eltern trotzdem noch längst nicht ausgedient. Nun kommt als neue Spielform das Regelspiel in Form von Brettspielen und Kartenspielen dazu. „Gesellschaftsspiele sind eines der besten Kommunikationsmittel in Familien bis ins Erwachsenenalter der Kinder hinein“, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch.

Gewinnen, verlieren – auch das will gelernt werden

Wer ist bei welchem Spiel besonders gut? Wie reagiert der Vater, wenn er verliert? Was machen die Eltern, wenn ich schummele? Müssen Regeln immer eingehalten werden? Und darf man das Kind auch mal gewinnen lassen? Gesellschaftsspiele bergen jede Menge wichtige Themen für Erziehung und Zusammenleben. „Insbesondere den Umgang mit Gewinnen und Verlieren zu lernen, ist unglaublich wichtig. Schließlich basiert darauf im Prinzip unser ganzes Leben“, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch.

Auch das ganze Leben lang wichtig bleibt übrigens das Thema spielen. Egal ob als Brettspiel, Theaterspiel, Computerspiel, Fußballspiel oder Musikspiel: Erwachsene spielen mehr, als ihnen bewusst ist.

Wissenschaftler haben nicht umsonst den Begriff Homo ludens eingeführt – den Menschen, der durch das Spiel seine Kreativität und seine Persönlichkeit entfalten kann. Vielleicht hilft dieses Wissen ja beim nächsten Besuch im Matschrestaurant: Es darf ruhig noch ein bisschen mehr Spiel sein – auch für Erwachsene.

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