Nachdem das Konzept für ein Tier steht, beginnt die Arbeit zunächst mit einem groben Knetmodell. Die Figur, in diesem Fall ein Hannoveraner-Hengst, hat bis dahin weder Augen noch eine Mähne oder einen Schweif. Lediglich die Proportionen sind erkennbar. Die Knetfigur wird dann mit Silikon umschlossen und wieder aus der Form entfernt, der Hohlraum mit einem speziellen Wachs ausgegossen. Dadurch entsteht ein Rohling, den Travner mit filigranen Werkzeugen bearbeiten kann.
Ein Hund dauert ein bis zwei Wochen, ein Dinosaurier bis zu acht
Wie lange das Modellieren dauert, hängt von der Größe ab: Ein Hund dauert ein bis zwei Wochen, ein Pferd etwa drei und ein Dinosaurier schon mal bis zu acht Wochen. Wichtig ist, dass die Figur dem realen Vorbild so nah wie möglich kommt. Deswegen arbeitet Schleich eng mit Experten von außen zusammen, etwa Zoologen, Züchtern oder Paläontologen. Ein Beispiel: Je nach Kopf- oder Beinstellung treten unterschiedliche Muskelpartien hervor. Diese Detailgenauigkeit ist ein Alleinstellungsmerkmal der Schleich-Figuren gegenüber der Konkurrenz: „Je authentischer unsere Tiere sind, desto mehr Anerkennung finden wir bei den Kindern und ihren Eltern“, sagt Geschäftsführer Dirk Engehausen.
Der 53-jährige gebürtige Hamburger blickt von seinem Büro im zweiten Stock auf ein herrliches Panorama der Drei-Kaiser-Berge. Engehausen stand mehr als zwanzig Jahre in Diensten des Marktführers Lego, unter anderem als Deutschland- und Europachef. Seit er 2014 zu Schleich gekommen ist, hat das mittelständische Unternehmen seinen Umsatz von 113 auf 156 Millionen Euro gesteigert und ist zur Nummer sieben unter den größten Spielwarenanbietern in Deutschland aufgestiegen. Dass der Mehrheitseigentümer, die französische Beteiligungsgesellschaft Ardian, auch mit den Renditen zufrieden ist, deutet Engehausen zumindest an.
Schleich konkurriert mit Lego und Playmobil
Die jüngsten Erfolge basieren ihm zufolge auf erweiterbaren Spielewelten, mit denen Schleich zunehmend in Konkurrenz zu Herstellern wie Lego oder Playmobil tritt, und geschickter Vermarktung. „Kinder spielen gerne Geschichten nach und entwickeln sie weiter. Wir geben ihnen eine Plattform dafür“, sagt Engehausen. Sechs verschiedene Welten sind bereits auf dem Markt, etwa Reiter- und Bauernhof, Wildnis sowie Urzeitriesen. Das Unternehmen verdient nicht nur an den Figuren selbst, sondern auch am umfangreichen Zubehör, etwa an Gebäuden oder Fahrzeugen. In die Sets könnten auch Figuren, die es teils seit Jahrzehnten in den Haushalten gibt, integriert werden. Ein Abflauen der Wachstumskurve sieht der Chef nicht, im Gegenteil, verspricht er sich neben dem deutschsprachigen Markt, wo Schleich etwa die Hälfte seines Umsatzes erwirtschaftet, vor allem in Ländern wie Frankreich, Großbritannien und den USA weitere Zuwächse. „Kinder können gar nicht genug Tiere haben“, ist der Manager überzeugt.
Daher entstehen in Schwäbisch Gmünd Jahr für Jahr rund 100 neue Figuren. Die Designer sind gelernte Maskenbildner, Zahntechniker, Goldschmiede, Bildhauer, Graveure oder – wie Corinna Travner – Modelleure. Seit etwa zehn Jahren können sie Modelle auch digital erstellen. Das Prinzip ist das gleiche, nur dass die Werkzeuge wie Nadeln, Feilen oder Messer durch einen digitalen Stift ersetzt werden, mit dem die Designer die Figur virtuell bearbeiten: Sie fahren damit durch die Luft, und das Modell nimmt am Bildschirm konkrete Formen an, bevor es im 3-D-Druck in echt entsteht. Ob sie diese oder die klassische Methode verwenden, nach der seit den 1950er Jahren bei Schleich Figuren entwickelt werden, ist den Designern überlassen.
Bei der Gussform kommt es auf Hundertstel-Millimeter an
Wenn das Wachsmodell fertig ist und verschiedene Tests überstanden hat, wird ein Prototyp aus Kunstharz gegossen. Um diesen herum fertigen Uwe Finck und sein Team die Werkzeugformen für die Serienproduktion. Es dauere rund 200 Arbeitsstunden, bis eine Aluminium-Zink-Gussform fertig ist, in die später 175 Grad heißer Kunststoff eingefüllt wird, erklärt der 60-jährige Leiter des Werkzeugbaus. „Das ist etwa zu 75 Prozent Handarbeit, der Rest geschieht automatisiert, im Automobilbau ist es genau umgekehrt.“
Finck und seine Kollegen müssen bei ihrer Arbeit mehr als genau vorgehen: „Die Fläche muss auf einen hundertstel Millimeter passen. Ein menschliches Haar ist vier bis sieben hundertstel Millimeter dick.“ Finck ist seit 37 Jahren bei Schleich. „Hier lernt man jeden Tag noch etwas dazu“, sagt er. So habe er einmal moniert, dass ein Zebra, das mit gesenktem Kopf an einer Wasserstelle steht, die Ohren nach hinten abklappt. „Das stimmt aber, weil die Tiere sich so vor Löwenangriffen schützen.“
Ihren Anstrich bekommen Neuheiten unter anderem bei Verena Rieß in der Mustermalerei. Die junge Frau im weißen Kittel sprüht dem Hannoveraner zunächst mit einer feinen Airbrush-Düse die Fellfarben auf den Leib. Für Details wie Augen, Nüstern oder Hufe kommen anschließend feinste Pinsel zum Einsatz. Um winzige Unterschiede zwischen zwei fertigen Pferdchen zu erkennen, muss man schon genau hinschauen, es gibt sie aber. „Es wird nie exakt identisch sein“, sagt Rieß. Doch genau die Einzigartigkeit mache eben auch den Reiz der handbemalten Figuren aus.