Klingt nicht nach tiefer Zäsur, soll es auch nicht. Seit der Rückkehr Friedrich Schirmers als Intendant an die Esslinger Landesbühne (WLB) im Jahr 2014 zählt Marcus Grube zum Führungsgespann – zunächst als Stellvertreter und Chefdramaturg, seit 2019 als Mit-Intendant in einer Doppelspitze. Nach dem Abschied Schirmers im Sommer 2024 wird Grube alleiniger Intendant. Klingt nach Kontinuität, soll es auch. Im Ensemble plant Grube „keine Tabula rasa“, sondern das Gegenteil: den Fortbestand in bisheriger Zusammensetzung und Form, denn die sei „sehr gut“.
In der Dynamik des Bewahrens und Entwickelns stehen gleichwohl neue Akzente an: Einen setzt der jetzt vorgestellte Spielplan 2024/25, Grubes erster als Alleinintendant. Wobei der Teamplayer Wert darauf legt, dass die ganze Dramaturgen- und Dramaturginnenriege mitkonzipiert hat. Apropos: Im Personaltableau gibt es an der Spitze keine neuen Gesichter, aber Veränderungen. Die Dramaturgin Anna Gubiani steigt mit Beginn der Spielzeit 2024/25 zur Chefdramaturgin auf. Gleichzeitig wird Laura Tetzlaff, die Leiterin der Jungen WLB, stellvertretende Intendantin in künstlerischen Angelegenheiten. Damit bekommt sie dieselbe Position wie Grube in Schirmers Anfangszeit. Tetzlaff bleibt Leiterin der Kinder- und Jugendsparte. Als Regisseurin werde sie weiterhin an der Jungen WLB inszenieren, aber auch wieder im „erwachsenen“ Spielplan.
Neue Sicht auf alte Stücke
Was ist neu am neuen Spielplan? „Wir wollen in der Stückauswahl etwas gegenwärtiger werden“, sagt Grube. Heißt: die bislang dominierende Retrospektive auf das 20. Jahrhundert, der freilich geplante wie ungeplante Aktualitätseffekte immer wieder zupasskamen, für neuere Texte und Thematiken öffnen. Das kann durchaus eine neue Sicht auf alte Stücke einschließen, etwa gleich beim Eröffnungsklassiker, Molières „Eingebildetem Kranken“, der in einer Bearbeitung von Martin Heckmanns aus dem Jahr 2019 gespielt wird. Hypochonder Argan leidet hier nicht nur unter seinen eingebildeten Krankheiten, sondern unter allem, was einen in der heutigen Gesellschaft krank machen kann. Ähnlich zielt im Spielplan der Jungen WLB Roland Schimmelpfennigs „Überschreibung“ von Andersens „Zinnsoldat“-Märchen auf die Problematik von Ausgrenzung und Eigentum. Auf ganz andere Weise erscheinen diese Themen in Ingrid Bachérs 2011 erschienenem Buch „Die Grube“ über die Vernichtung eines Dorfes durch den Braunkohletagebau, den Verlust von Hof und Heimat und einen Todesfall, den es zu erzählen gilt.
„Tannöd“, ebenfalls eine Romandramatisierung, verbindet beides: einen relativ neuen Text (von 2006) und eine Reflexion des mittleren 20. Jahrhunderts, einer Zeit des Totschweigens und Verdrängens, aufgezeigt am Fall eines grauenhaften Mehrfachmords auf einem einsamen Hof. Damit vergleichbar als Zeitgeschichtsbild: Sasa Stanisic’ Jugoslawienkrieg-Erzählung „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Jüngeren Datums ist „Jeeps“, 2021 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, eine Satire auf das wichtigste Privilegierungsinstrument der Gegenwart, das Erben. Hier zieht der Staat die Erbmassen ein und bringt sie per Los wieder unter die Leute. Klappt aber auch nicht.
Inhalt vor Ästhetik
Inhaltliche Relevanz im Spielplan ist Grube wichtiger als bloße Ästhetik. Das gilt auch für „Keinland“ von 2022, ein Stück, das gleich zwei zentrale Umweltprobleme paradox zusammenbringt: Müll- und Klimakrise. Nur dank ihrer Vermüllung trotzt eine Malediven-Insel (mit realem Vorbild!) dem steigenden Meeresspiegel.
Revolution im Reich der Grundfarben
Die Straßenmusiker-Romanze „Once“ nach dem gleichnamigen Film ist das Musical im Programm, Michael Endes „Wunschpunsch“ über den Sieg des tierisch Guten gegen das menschlich Böse das vorweihnachtliche Familienstück. Bitterernst dagegen schlägt König Alkohol in der Filmbearbeitung „Rausch“ zu, während in Nick Hornbys „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ der Untertitel „Eine Ehe in zehn Sitzungen“ den erfahreneren Paaren im Publikum freudige Wiedererkennungserlebnisse verspricht. Eine Trennung der Eltern ist allerdings auch nicht so toll, erfährt Maulina Schmitt im gleichnamigen Stück an der Jungen WLB. Zum Glück ist das Mädchen nicht auf den Mund gefallen. In „Das schrillste Blau“ geht es um eine Revolution im Reich der Grundfarben: Man kann so sein, wie man ist (zum Beispiel rosa), und sich verbinden, mit wem man will. „Himmelwärts“ schließlich wagt die Frage aller Fragen: Was ist der Tod, und was kommt nach ihm?
Alte Bekannte, neue Gesichter
Letzte Worte zum Spielplan folgen später. Nämlich: was als Freilichtstück im Sommer 2025 gespielt wird. Und: wer wo Regie führt. Nur so viel: Neben bekannten Größen will Grube neue Regisseurinnen und Regisseure nach Esslingen holen. Eben bewahren und entwickeln.
Die Premieren der Spielzeit 2024/25 an der Esslinger Landesbühne
Schauspielhaus
Der eingebildete Kranke
von Molière, übersetzt und bearbeitet von Martin Heckmanns. 21. September 2024. Die Grube
nach dem Buch von Ingrid Bachér, Bühnenfassung von Ingrid Bachér und Mirjam Neidhart. 5. Oktober 2024. Once
Musical nach dem Film von John Carney. 29. November 2024. Wie der Soldat das Grammofon repariert
nach dem Roman von Sasa Stanisic. 11. Januar 2025. Jeeps
von Nora Abdel-Maksoud. 15. Februar 2025. Rausch
nach dem Film von Thomas Vinterberg/Tobias Lindholm. 14. März 2025. Tannöd
nach dem Roman von Andrea Maria Schenkel. 23. Mai 2025.
Niemand hat gesagt, dass du ausziehen sollst
von Nick Hornby. 28. September 2024. Keinland
von Magdalena Schrefel. 8. Februar 2025.
Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich
von Finn-Ole Heinrich. Für Zuschauerinnen und Zuschauer ab zehn Jahren. 14. September 2024. Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch
von Michael Ende. Ab sechs Jahren. 16. November 2024, Schauspielhaus. Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin
von Roland Schimmelpfennig frei nach Hans Christian Andersen. Ab sechs Jahren. 8. März 2025. Das schrillste Blau
von Sergej Gößner. Ab vier Jahren. 9. März 2025. Himmelwärts
von Karen Köhler. Ab acht Jahren. 10. Mai 2025.