Nicht nur das SSB-Blasorchester war vor Ort, das mit der Zacke einfuhr, um den legendären Nirvana-Song „Smells Like Teen Spirit“, aus dem das Zitat stammt, zu spielen, sondern alles drehte sich rund um Performance, Tanz und Kunst. Die Theaterstätte im Süden eröffnete geradezu ein ganzes Universum künstlerischen Schaffens. Die Rampe, die für Performancekunst und Innovation steht, zeigte sich einmal mehr in ihrem Facettenreichtum. Übergeordnetes Thema für die kommende Spielzeit ist „Verteilungsgerechtigkeit“ – es werden Fragen an die Gesellschaft und an das solidarische Zusammenleben gestellt.
Neben dem Bewährten, das die Rampe als Theater so einzigartig macht, wie etwa die Bar Rakete, finden sich im ehemaligen Depot der Stuttgarter Zahnradbahn nun auch einige Neuerungen. Schon beim Gang ins Foyer fällt auf, dass der Raum nun offener ist. Die Wandtafel, die den Blick vom vorderen Bereich auf die Zacke-Gleise trennte, ist nicht mehr da, und es finden sich Tische und Barhocker zum Verweilen. Ein Bodenleitsystem schafft für Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung.
Als künstlerischer und kultureller Begegnungsort hat nun ganz neu der „Eckladen“ seine Türen geöffnet. Ein Raum für Projekt- und Jugendgruppen und für den kreativen Austausch. An diesem Abend findet dort die Performance „Nein, einfach Nein“ von Jonathan Schmidt-Colinet statt, bei der es darum geht, die Wut herauszulassen, indem man ein Wort oder einen ganzen Satz in eine Marmorplatte schlägt. Dafür wird man mit Meißel und Gehörschutz ausgestattet, unter Anleitung darf man loslegen. Das kann bis zu zwei Stunden dauern, sagt Schmidt-Colinet. Einige Gäste sind bereits am Hämmern. Wo die Platte später aufgestellt sein soll, darf man sich wünschen. So findet sich etwa schon eine am Mittelmeer, die die Flüchtlingskrise thematisiert.
Die Rampe ist seit 30 Jahren ein bedeutsamer kultureller Standort in der Stadt
Als Produktions- und Koproduktionshaus für freies Theater ist die Rampe seit 30 Jahren ein bedeutsamer kultureller Standort in der Stadt. Gemeinschaft und Verbindendes sind eine der prägenden Eigenschaften der Kulturstätte. So lobte am Abend Staatssekretär Arne Braun die Rampe für ihr kulturelles Schaffen und Marc Gegenfurtner vom Kulturamt Stuttgart die angewandte Qualitätskultur, die dort stattfindet. Wie eine große Umarmung solle Theater sein und auch ein bisschen weh tun und quälen, sagt Bastian Sistig.
Eine Besonderheit der Rampe war und ist es, nicht nur das Innen, sondern auch das Außen zu betrachten. Zuletzt wurde das sichtbar durch die Kollaboration mit dem chilenischen Künstlerkollektiv MIL M2 und seinem „Question Project“. An mehreren Weinbergen, verteilt über die Stadt, waren große Banner angebracht, auf denen Fragen zu lesen waren. Diese kamen von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt und wurden so in den öffentlichen Raum gestellt. MIL M2 wollen so einen Dialog schaffen. Mit ihren Projekten arbeiten sie weltweit, angepasst an die jeweilige Stadt. In Stuttgart ging es um den Umgang mit Ressourcen. Auch im Rampe-Foyer hängt am Abend eine Frage: „Warum hast du mich noch nicht berühmt gemacht?“.
Im Theatersaal gab es die interaktive Vorstellung „Colonastics“ des Kollektivs Tischkau&Hampe – eine Parabel an den Fitnesskult der Gegenwart als weiße Kulturpraxis. „Geh beim Schlager HIIT bis an deine Grenzen, besiege bei der Total Body Schranzformation den Beat, lass dich auf eine tiefenentspannende post-rassistische Traumreise entführen“, heißt es im Einführungstext. Bei „Colonastics“ findet sich ein sarkastischer Ausflug in die Fitnesswelt, die in einem Tanz-Happening mündet. Um dabei zu sein, sollte man Fitnesskleidung tragen, denn man würde leicht ins Schwitzen geraten, heißt es am Einlass.
Frech, laut, engagiert, motiviert und innovativ – dafür stand und steht die Rampe und die neue Spielzeit wird wohl einiges zu bieten haben, was das unter Beweis stellt. Geplant sind Gemeinschaftsarbeiten mit der Tanzkompanie Backsteinhaus Produktion oder etwa im November das Format „We all came out of a Pussy, did we?“ des Feministischen Frauengesundheitszentrums Stuttgart.