Spielzeug-Ausstellung in Welzheim Der Gäules-Munz – ein früher Global Player

Von Annette Clauß 

Das erste Industrieunternehmen Welzheims war eine Spielwarenfabrik. Schon vor dem ersten Weltkrieg hat die Firma Munz ihre naturgetreuen Schaukelpferde und Wiege-Giraffen in alle Welt verkauft. Eine Ausstellung im Museum Welzheim erinnert nun an diesen frühen Global Player.

Lederzaumzeug, Sattel, Steigbügel – die Spielzeugtiere der Firma Munz waren bestens ausgestattet. Die Außendienstmitarbeiter präsentierten das Warenangebot in Musterkoffern wie dem auf unserem Foto. Foto: Stoppel 6 Bilder
Lederzaumzeug, Sattel, Steigbügel – die Spielzeugtiere der Firma Munz waren bestens ausgestattet. Die Außendienstmitarbeiter präsentierten das Warenangebot in Musterkoffern wie dem auf unserem Foto. Foto: Stoppel

Welzheim - Hoppe, hoppe Reiter – und zwar quer durch die gute Stube, auf einem Holzpferd, das nicht nur sehr naturgetreu aussieht, sondern sich dank einer ausgeklügelten Mechanik auch so bewegt. Diesen und andere Kinderträume hat die Firma Munz schon vor dem Ersten Weltkrieg wahr gemacht. Dem Unternehmen, das bis zum Kriegsbeginn eine große Nummer in Sachen Holzspielwaren war, widmet der Historische Verein Welzheimer Wald nun im Museum Welzheim unter dem Titel „Holzspielzeug für alle Welt“ eine Sonderausstellung, die an diesem Sonntag um 14.30 Uhr eröffnet.

Ganze 46 Mark habe das eingangs erwähnte Holzpferd gekostet, erzählt Günter Brecht vom Historischen Verein. Das auch nach Übersee exportierte „Rocking Horse“ findet man in historischen, dreisprachigen Werbeprospekten in der Ausstellung, in denen auch eine „Wiegen-Giraffe“ angepriesen wird – als „äußerst originell und vollkommen naturgetreu“. Ein Gutverdiener habe damals im Monat rund 76 Mark Lohn erhalten, sagt Günter Brecht: „Der normale Bürger konnte sich das nicht leisten.“

Von Galanteriewaren zum Spielzeug

Angefangen hat alles eher bescheiden: Im Jahr 1889 entstand Welzheims erster Industriebetrieb aus dem Gemischtwarengeschäft von Friedrich Wilhelm Munz. Zur Produktpalette gehörten Drechselwaren wie Wellhölzer und Holzschüsseln, nach und nach wurde das Angebot um „Galanteriewaren“ erweitert – Notenständer, Kerzenleuchter und Garderoben. Auch das ein oder andere Steckenpferd wurde produziert, wobei die ersten Modelle, die auch gezeigt werden, noch wenig realistisch wirkten. Sieben Jahre nach der Gründung produzierte Munz dann schon vorwiegend Spielwaren. Zunächst waren das vor allem Schaukelpferde und Pferde- oder Ochsengespanne mit Wagen im Schlepptau, was der Firma den Namen „Gäules-Munz“ einbrachte.

Das sollte sich ändern, als Otto Munz, der Neffe des Gründers in die Firma eintrat. „Er war nicht nur Fabrikant, sondern auch ein Künstler“, sagt Dietrich Frey, der Vereinsvorsitzende. Otto Munz besuchte die Kunstschule im thüringischen Sonneberg, die einst als „Weltspielzeugstadt“ galt. Dort betrieb er eifrig Anatomiestudien, fertigte dazu Tierfiguren aus Ton, von denen zum Beispiel ein Schakal gezeigt wird, und notierte in seinem Tagebuch, dass er sich gerade auch mit „menschlichen Proportionen“ beschäftige. Dass der Aufwand sich lohnte, zeigen die Spielzeugtiere, die immer realistischer, ja fast lebendig wirkten und zum Teil auch mit echtem Fell bezogen wurden.

Zu den Pferden gesellten sich Löwen, Giraffen und Kamele

Nach und nach gesellten sich exotische Tiere zu Pferden und Ochsen. In Welzheim kann man ein Zebugespann aus Indien sehen, zudem ein Schaukelkamel und einen Elefanten, der eine ceylonesische Kutsche mit kunstvoll geflochtenem Dach zieht. „Otto Munz ist extra nach Hamburg in den Tierpark Hagenbeck gefahren. In Welzheim wusste ja damals keiner, wie eine Giraffe aussieht“, sagt Günter Brecht.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs war es mit der Spielzeugherrlichkeit vorbei – nun war anderes gefragt. „Da wurde die Firma vergattert, für die Rüstungsindustrie Munitionskisten zu produzieren“, berichtet Brecht – mit der Holzverarbeitung kannten sich die zeitweise mehr als 100 Mitarbeiter der Spielwarenfabrik, in der 1889 vermutlich die erste Glühbirne Welzheims ihr Licht verströmte, ja aus.

Nach 1918 sattelte die Firma um: statt Spielzeug wurden Hand- und Leiterwagen hergestellt, ab 1929 unter dem Namen „Flottweg“. Der „Gäules-Munz“ wurde zum „Wägeles-Munz“ und nahm nun auch Rodelschlitten ins Sortiment auf, die allerdings, so erzählt Günter Brecht, zum Großteil auswärts gefertigt wurden. Im Jahr 1979 kam es zur freiwilligen Liquidation – nach 90 Jahren machte der erste Industriebetrieb Welzheims dicht.

Hier ist die Ausstellung zu sehen

Die Ausstellung „Holzspielzeug für alle Welt“ ist bis 1. September im Museum Welzheim in der Pfarrstraße 8 zu sehen. Sonntags ist sie von 11 bis 17 Uhr geöffnet, zudem am 30. Mai, am 10. und 20. Juni. Der Eintritt ist frei.