Spiritualität Die Leichtigkeit des Seins

Reportage: Robin Szuttor (szu)


Im Tarisha stellt Eric Baer den schriftlichen Aufnahmeantrag. Nach ein paar Monaten kommt die postalische Antwort aus Poona mit Eric Baers neuem Namen: "Dhyan Tura", was so viel wie "Stärke durch Meditation" bedeutet. Osho hat ihm den Namen gegeben - über eine Frau, die in geistiger Verbindung mit ihm steht. Zunächst ist der neue Sannyasin nicht angetan von "Tura" und "Stärke". Er hätte sich einen Namen gewünscht, der mit Liebe zu tun hat. Denn er liebt gerne. Und er will "wie ein Alchimist jedes Erlebnis in Liebe verwandeln". Heute sieht er es etwas anders. "Liebe hat - ohne Bewusstsein und Meditation - auch viel mit Hormonen und Illusionen zu tun."

1994 wandelt Tura erstmals im Ashram von Poona, wo die Asche des Meisters beigesetzt ist. Alles groß und schön bepflanzt. Um 6 Uhr beginnt die dynamische Morgenmeditation mit Atemtechniken, die in der Katharsis münden: dem Spannungsabbau durch Schreie oder Schläge in Kissen. In Gruppen zur Heilung des inneren Kinds wird geweint, gekichert, gespielt. Es gibt Malgruppen. Oder die Kundalini-Meditation, bei der sich durch Schütteln des Körpers Energiesperren lösen. Tura öffnet seine Chakren, die Türen zum Körper, gibt jedem Chakra einen Summton. Er schaut stundenlang in eine Kerzenflamme - "eine sehr machtvolle Meditation".

Die meisten Ashrambesucher sind Deutsche, Japaner, Amerikaner. "Das ganze Zentrum war deutsch organisiert, alles sehr sauber." Wer nicht auf die Minute genau zur Meditation erscheint, darf nicht mehr mitmachen. Tura zeigt Fotos vom Ashram: er in roter Robe, mit roter Brille. Anand, ein krebskranker Deutscher, dessen Werte nach den Meditationen besser wurden. Magela, eine Argentinierin aus sehr reichem Haus. Jalal aus Indien, ein völlig ausbalancierter Mensch. Nicole, eine wunderschöne Engländerin. Tura lädt sie zum Abendessen ein. "But I am so boring", sagt sie - "ich bin so langweilig". "A rose doesn't say", antwortet er - "eine Rose sagt so etwas nicht". Es wird ein unendlich langweiliger Abend.

"Es gibt keinen Platz, wo ich wirklich hingehöre."


Heute ist es ruhiger geworden um Oshos Jünger. Vielleicht, weil die westliche Welt spiritueller geworden ist. Vielleicht, weil die Sannyasins nicht mehr so radikal sind und ihr Rot kaum mehr aus dem bunten Esoterikgarten hervorsticht. Bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sieht man bewusstseinserweiternde Meditationen nach wie vor mit Skepsis. Im Westen sozialisierte Menschen, so heißt es, würden durch diese Form der Ich-Auflösung wohl eher geschädigt.

Vor allem im Winter ist Pune, wie Poona heute heißt, immer noch Sammelplatz für alte und junge Jünger. Die meisten reisen heute aus China und den GUS-Staaten an. Sannyasin zu sein ist eine individuellere Angelegenheit geworden. Das internationale Netzwerk wird dezentral über Youtube, Facebook, Twitter gepflegt. Die "Osho Times", ein Hochglanzmagazin, erscheint in Deutschland und Italien. Weltweit gibt es Meditationszentren wie das Osho Ketan in der Stuttgarter Reinsburgstraße.

Mai 1994. Nach zwei Monaten Poona ist Dhyan Tura zurück in Deutschland. Aber es fällt ihm schwer, wirklich anzukommen. Sein Weg führt ihn nach Lanzarote, wo er sechs Jahre bleibt, bis er wieder Sehnsucht nach Schnee verspürt. Er zieht in die WG von Elisabeth, die er auf den Kanaren kennenlernte: "Starkholzbach ist ein schöner Ort", sagt er. Vielleicht bleibt er noch lange. Vielleicht geht er bald wieder. "Es gibt keinen Platz, wo ich wirklich hingehöre." So wichtig nimmt sich Dhyan Tura nicht. "Das Leben ist eine Seifenblase", sagt er. "Irgendwann zerplatzt sie, und wir werden wieder Teil des großen Ozeans."




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