Auch in den Chefsesseln der städtischen Beteiligungsbetriebe und der Stadtverwaltung sind Frauen eher dünn gesät, das zeigt der jüngste Beteiligungsbericht. In technisch geprägten Betrieben magert der Frauenanteil ab. Bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) erreichte er 2019 wie beim Flughafen rund 18, bei der Abfallwirtschaft 12,5, der Landesmesse neun Prozent. Bei der Stadtentwässerung, den Märkten, der Veranstaltungsgesellschaft und Stuttgart Netze sucht man Frauen bis zur dritten Führungsebene (Abteilungsleiter/Direktor) vergeblich. Beim Klinikum aber liegt er bei 45 Prozent, bei den Heimen sogar bei 61 Prozent.
Bei den SSB nur vier Frauen im Aufsichtsrat
In den Kontrollgremien verhält es sich nicht wesentlich anders. Bei den SSB sind von 20 Aufsichtsräten vier Frauen, im VVS sind es drei von 26, bei den Stadtwerkern drei von 15, bei Stuttgart Netze zwei von 19 – gegenüber 2018 eine Steigerung um hundert Prozent. Auch beim Flughafen hebt der Frauenanteil nicht ab. Drei sitzen neun Männern gegenüber, bei der Messe und der SWSG kontrollieren je vier Frauen und neun Männer. Einzig in der Hafen Stuttgart GmbH haben die Frauen mit vier von sieben Mitgliedern das Ruder übernommen.
Die neue gesetzliche Regelung trifft die Stadt nicht, nur die SSB ist AG. Sie erfüllt mit Arbeitsdirektorin Sabine Groner-Weber seit 2015 den geplanten Anteil. Die Landesbank (LBBW) hat mit der Berufung von Stefanie Münz im Januar in den siebenköpfigen Vorstand erstmals eine Frau in eine Topposition gehoben.
Die Stadt will mit der Anpassung ihrer Regeln zum Public Corporate Governance, dem Musterkodex zur guten Führung öffentlicher Unternehmen, reagieren. Dort soll bei der Vergabe von Aufsichtsratsmandaten nicht mehr nur auf eine „angemessene Beteiligung von Frauen“, sondern auf ein „ausgewogenes Verhältnis“ geachtet werden. Bei der Besetzung von Führungsfunktionen solle auf Vielfalt geachtet und dabei „insbesondere ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern“ angestrebt werden. Die Grünen und die Fraktion Plus im Gemeinderat fordern nicht nur Ausgewogenheit, sondern „gleiche Anteile“.
Finanzbürgermeister will keine „ganz strenge Regelung“
„Formaljuristisch trifft das Gesetz auf uns nicht zu, aber wir wollen was ändern“, sagt Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU), in dessen Ressort die Beteiligungen fallen. Parität herzustellen sei „bei manchen Gesellschaften“ schwierig, so Fuhrmann. Bei der Nachfolgeregelung für die Stadtwerke habe sich für den Technischen Geschäftsführer nur eine Frau beworben, „eine Juristin“, sagt Fuhrmann, der selbst Jurist ist. Gewählt wurde Peter Draussnig, der Elektrotechnik studiert hat und bei drei Energieversorgern tätig war. „Ich weiß nicht, ob eine ganz strenge Regelung sinnvoll ist“, so Fuhrmann. Den Frauenanteil zu erhöhen sei ein langwieriger Prozess, Chefverträge liefen in der Regel fünf Jahre. In den Aufsichtsräten könnte der Gemeinderat durch die Entsendung von mehr Frauen schneller einwirken.
Eine geradezu sensationelle Frauenquoten von 47 Prozent in Führungspositionen konnte die Stadt anfangs in ihren Personalberichten vorweisen. Doch die Anteile waren geschönt. „Da waren Kita-Leitungen mitgezählt, nur weil es ‚Leitung‘ hieß“, sagt Claudia Häußler, die Vorsitzende des Gesamtpersonalrats. Betrachtet man die ersten drei statt sechs Führungsebenen, lag der Frauenanteil 2019 bei 36 Prozent. Um ihn zu heben, fordert der Personalrat geteilte Leitungen und dauerhafte Stellvertretungen. „Damit sich Frauen leichter tun“, so Häußler. Sie moniert eine „Beharrungskultur“, gestützt von männlicher Dominanz in Aufsichtsräten. „Es gibt noch etliches zu tun, bis sich etwas in Richtung Parität bewegt“, so Häußler.