Spitzenkandidaten Eine Schicksalswahl für Stefan Mappus

Von Reiner Ruf 

Stefan Mappus stößt im Wahlkampf auf Skepsis, doch die CDU setzt auf ihre Regierungsbilanz: brummende Fabriken und stabile Finanzen.

Machtmensch Mappus: Wer die Macht scheue, sei falsch in der Politik, sagt der Ministerpräsident. Foto: APD
Machtmensch Mappus: Wer die Macht scheue, sei falsch in der Politik, sagt der Ministerpräsident. Foto: APD

Stuttgart - Es sind noch 22 Tage bis zur Wahl, und es kann noch besser werden. So ist die Lage, als Stefan Mappus am vergangenen Samstag aus seinem Wahlkampfbus steigt, um beim Stuttgarter Starkbieranstich seines Amtes als Ministerpräsident zu walten. Die jüngste Umfrage sieht Rot-Grün und Schwarz-Gelb gleichauf, die CDU nachlassend, die FDP steigend. Das ist der Guttenberg-Effekt, der nach der Plagiatsaffäre zulasten der Union ausfällt. Aber wenigstens bleiben die Stimmen im bürgerlichen Lager. "Das holen wir wieder auf", heißt es im Wahlkampfbus. Man trägt orangefarbene Westchen, die Farben der CDU, und man zeigt Zuversicht. Die ist allerdings auch nötig.

27 Schläge, manche zählen gnädig nur 25, bedarf es, bis Mappus - für seine Verhältnisse geradezu gehemmt - den Fassanstich erfolgreich bewältigt hat. "In Bayern müssten Politiker zurücktreten wegen so was", frotzelt hinterher sachkundig die "Süddeutsche Zeitung." Wolfgang Schuster hat auf dem Cannstatter Wasen das Bierfass auch schon mit einem satten Hieb angezapft. Aber über den Stuttgarter OB will der Ministerpräsident in diesen Tagen lieber nicht reden. Das besorgt Christoph Sonntag in der Rolle des Fastenpredigers Barnabas. "Was ist ein Tsunami?", fragt der Kabarettist in die Runde des Joppe tragenden Publikums. Die Antwort gibt er selbst: "Wenn man vor der Wahl seinem Parteifreund nicht auf die Schulter klopft, sondern ein blaues Auge schlägt." Selten so gelacht, mag Mappus grimmig denken. Und: wer zuletzt lacht, lacht am besten.

"Mappus regiert, als habe er nie etwas anderes gemacht - einfach desaströs."

In Winnenden strahlt die Sonne, nicht aber der Ministerpräsident. Das Trillern der Stuttgart-21-Gegner empfängt ihn. Mappus beachtet es scheinbar nicht. Auf der anderen Straßenseite steht die Oldtimerversion eines Wasserwerfers. "Mit Hochdruck gegen Bürger und Demokratie", steht auf einem Plakat zu lesen. In der Hermann-Schwab-Halle warten 140 Leute auf den Regierungschef. Die CDU-Prominenz der Gegend ist da, dazu auffällig viel Silberhaar - die über 60-Jährigen sind eine sichere Bank für die CDU, bei ihnen verfügt sie über die absolute Mehrheit. Auch ein paar Handvoll Stuttgart-21-Kritiker gesellen sich dazu. "Mappus weg", rufen sie dann und wann, werden aber von den Ordnern zur Räson gebracht. Eine ältere Dame erhebt sich, marschiert mutig zu einem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Paar, das ein durchgestrichenes Stuttgart-21-Schild schwenkt, redet streng auf die beiden ein und kehrt wieder zu ihrem Stuhl zurück. Die Nebensitzerin tätschelt ihr zustimmend das Knie.

Mappus spricht nicht sehr lange in Winnenden. Die Stimmung in der Halle ist gedämpft. In Cannstatt spielt der VfB gegen Schalke, durch das nahe Waiblingen tobt der Faschingsumzug. Die Stimme des Ministerpräsidenten kratzt. Draußen blasen die Bahnhofskritiker Guggenmusik, jedenfalls klingt es drinnen so.

So einen wie Stefan Mappus hat man in Baden-Württemberg lange nicht gesehen. Sein Vorgänger Günther Oettinger galt als argumentationsstark, aber wehe, es wurde ihm eine Entscheidung abverlangt. Ganz anders Mappus. "Der Oettinger war bis zu seinem letzten Arbeitstag nicht wirklich im Staatsministerium angekommen", sagt ein CDU-Mann aus der Beletage der Stuttgarter Ministerialbürokratie, "Mappus aber geriert sich seit dem ersten Tag so, als habe er nie etwas anderes gemacht." Er sei entsetzt, wie Mappus regiere, "einfach desaströs", sagt der Beamte und bezieht sich dabei namentlich auf die Umstände des Rückkaufs des Karlsruher Energiekonzerns EnBW. Nicht nur das Parlament habe der Regierungschef übergangen, sondern auch den Finanzminister Willi Stächele, der über das Notbewilligungsrecht verfügt. "Ich verstehe nicht, dass der Willi nicht zurücktritt."