Spitzenköche auf Kreuzfahrtschiffen Smutje mit Stern
Immer mehr Spitzenköche arbeiten für Kreuzfahrtunternehmen. Meist handelt es sich um eine Art Patenschaft. Kevin Fehling, Drei-Sterne-Koch aus Hamburg, möchte mehr als nur seinen Namen geben.
Immer mehr Spitzenköche arbeiten für Kreuzfahrtunternehmen. Meist handelt es sich um eine Art Patenschaft. Kevin Fehling, Drei-Sterne-Koch aus Hamburg, möchte mehr als nur seinen Namen geben.
Hamburg - Die Geschichte liest sich ein bisschen wie das Drehbuch eines romantischen Freitagabendfilms in der ARD: Junger Koch aus dem Oldenburger Land heuert an Bord eines Kreuzfahrtschiffes an. Er fährt fast zwei Jahre um die Welt. Arbeitet sich vom Hilfskoch zum Souschef hoch. Zurück an Land bildet er sich unter anderem im deutschen Gourmetmekka Baiersbronn fort und macht rasant Karriere. Aus dem Stand gibt es für sein erstes eigenes Lokal vom Guide Michelin die Höchstnote drei Sterne. Er katapultiert sich unter die Top Ten in Deutschland. Ein paar Jahre später bietet ihm sein ehemaliger Arbeitgeber an, an Bord des Schiffes, auf dem alles begann, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Happy End.
Kevin Fehling (42) steht nun im The Globe, dem von ihm bis ins kleinste Detail selbst designten schwimmenden Lokal, vergräbt die Hände in den Taschen seiner Chinohose und schaut ein bisschen so, als könne er es selbst gar nicht fassen: „Ich habe genau hier mal mit Salat putzen angefangen.“ Kopfschütteln. Schweigen. Die Zeit an Bord sei hart gewesen, sagt der dreifache Familienvater und erzählt, wie er sich damals hin und wieder für einige Minuten im Bauch des Schiffes ins minus 20 Grad Celsius kalte Vorratslager gestellt hat. „Das bringt den Kreislauf in Schwung und macht wach.“
Doch trotz aller Anstrengungen – die Zeit als Smutje war für seine Karriere entscheidend: „Die Farben, Düfte und Aromen, die ich während der Reisen erleben durfte, sind bis heute meine Inspiration und Teil meiner Philosophie. Jetzt schließt sich der Kreis“, sagt der gebürtige Niedersachse – er kommt aus Delmenhorst bei Bremen und wurde übrigens nach dem englischen Fußballspieler Kevin Keegan benannt.
Egal, wo er geht oder steht: Kevin Fehling hält immer die Augen, Ohren und vor allem die Nase offen. Jedes noch so kleine oder absurde Erlebnis kann ihn auf die Idee zu einem Gericht bringen. „Meine große Tochter hat mal eine Parfümflasche fallen lassen. Der zerbrochene Flakon und der ausströmende Duft haben mich zu einem Dessert inspiriert.“ Als Schiffskoch ging er in jedem Hafen von Bord und irgendwo essen, er streifte über Märkte oder einfach nur durch die Straßen.
Auch seiner zweiten Leidenschaft konnte er an Bord bestens nachgehen: der Astronomie. Die Sterne haben es Kevin Fehling schon immer angetan. Während seiner Zeit auf der „MS Europa“ schlief er viele Nächte auf einem der Crew vorbehaltenen Außendeck, um nachts in Ruhe das Firmament zu beobachten. „Ich lag da einfach in eine Decke gewickelt auf dem Boden. Einmal hat mich versehentlich jemand mit dem Wasserschlauch nass gespritzt, der das Schiff außen reinigen wollte“, erzählt der 42-Jährige im Rückblick. Im Restaurant The Globe sieht man eine Projektion der Milchstraße an der Wand, als Reminiszenz an das Hobby.
Die filmreife Lebensgeschichte von Kevin Fehling erzählen cartoonartige Bilder auf der anderen Seite des Raumes. Gemalt wurden die Szenen von der auf Märchen-Darstellungen spezialisierten Londoner Illustratorin Sonja Christoph. Im The Globe will der Koch den Gästen ein synästhetisches Erlebnis bieten. Die Augen erblicken die Lichtprojektion der Sterne an der rauen, mit Zement verputzten Wand. Die Ohren hören speziell vom Koch ausgesuchte Musik, chillige Klänge. Der Gaumen schmeckt seine Kreationen – fremde Gewürze, unterschiedliche Texturen von cremig bis knusprig vereinen sich auf dem Teller zu essbaren Kunstwerken.
Das neue Restaurant wurde im Zuge eines Werftaufenthalts bei Blohm und Voss in Hamburg in diesem Herbst eingerichtet. Zum 20. Geburtstag durfte das Schiff auf die Schönheitsfarm. Die Frischzellenkur umfasst nicht nur die Modernisierung verschiedener öffentlicher Bereiche wie Restaurants oder Atrium. Bei der Gegebenheit wurden auch die feste Sitzordnung und feste Tischzeiten abgeschafft und die Kleidungsvorschriften gelockert. Zum neuen legeren Lifestyle an Bord passt der Generationswechsel an der kulinarischen Speerspitze: Zehn Jahre lang konnte man auf der „MS Europa“ im Restaurant von Drei-Sterne-Koch Dieter Müller (71) essen. Nun übernimmt der fast 30 Jahre jüngere Fehling.
Kreuzfahrttouristen legen Wert auf gutes Essen. Daher bemühen sich die Reedereien um kulinarische Vielfalt. Viele gehen Partnerschaften mit berühmten Köchen ein. Meistens stellen die Sterneköche jedoch nur ihren Namen und ihr Wissen zur Verfügung, sie erarbeiten spezielle, oft aufpreispflichtige Menüs, mit denen die Schiffe dann werben. Die meisten davon richten an Bord nie auch nur einen einzigen Teller an.
Der Besuch im The Globe ist im Reisepreis enthalten. Serviert werden drei verschiedene Fünf-Gänge-Menüs, die wöchentlich wechseln. „Es sind die gleichen Produkte wie im Restaurant The Table“, sagt Kevin Fehling. Der Spitzenkoch wird seine beiden Restaurants parallel betreiben. Geplant ist, dass er an 20 Tagen im Jahr auf dem Kreuzfahrtschiff mitfährt. Währenddessen wird das Lokal an Land geschlossen. Er will keiner von diesen Fernsehköchen sein, die überall auf der Welt herumspringen und nie selbst am Herd stehen. „Ich möchte konzeptionell und bei der Umsetzung Maßstäbe setzen“, sagt Fehling. Der Meister selbst und sein Souschef gingen direkt nach der Werft an Bord und fuhren mehrere Wochen mit, um sicherzustellen, dass die Mannschaft in der Bordküche die Vorgaben genau umsetzt. Und nebenbei sammelte er wieder viele Inspirationen für neue Gerichte.