Spitzensport Hätten Sie eine neue Idee für den Anti-Doping-Kampf?

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Clemens Prokop: Wenn die Zulassung von Sportlern zu Olympischen Spielen oder internationalen Meisterschaften davon abhängen würden, dass sie einem funktionierenden Dopingkontrollsystem unterliegen und eine Mindestanzahl an Dopingkontrollen vorweisen, würden viele Länder sehr rasch Geld investieren, um diese Zulassungsbedingungen zu erfüllen.

Marius Breucker: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel: Statt des repressiven, ineffektiven und unterfinanzierten Ansatzes des Nachweises positiver Dopingproben durch die Wada und die nationalen Anti-Doping-Agenturen sollten sich die Athleten und deren Verbände präventiv durch den Nachweis ihrer Dopingfreiheit entlasten. Ähnliches kennen wir in anderen Bereichen, etwa wenn Gewerbetreibende anhand bestimmter vorgegebener Kriterien den Nachweis ihrer Zuverlässigkeit erbringen müssen. Begleitend müssten natürlich weiterhin Kontrollen durchgeführt werden, welche die Verlässlichkeit der von den Verbänden und Sportlern eingereichten Nachweise überprüfen.

Fritz Sörgel: Wir sind derzeit in einer Art Zwischenphase: Spektakuläre Fälle bleiben aus, alle haben angeblich den Anti-Doping-Kampf verstärkt, es ist ruhig. Und Russland wird leider auch bald niemanden mehr interessieren. Als Pharmakologe würde ich mir mehr Informationen zur Wirksamkeit von Dopingmitteln wünschen und die Nachweismethoden verfeinern, vor allem aber im investigativen Bereich erhebliche Mittel einsetzen. Die Tätigkeit von Journalisten hat viele Erfolge gezeitigt – nur so können wir die nächste Stufe im Anti-Doping-Kampf beschreiten.

Hajo Seppelt: Der Sport müsste komplett umdenken. Er ist in der Ausreizung der Leistungsgrenzen des menschlichen Körpers so weit gekommen, dass er anerkennen muss: So kann es nicht weitergehen. Es ist schon lange logisch, dass Athleten allzu oft über die Grenzen des Erlaubten hinausgehen müssen, wenn sie sportlichen Erfolg monetarisieren wollen. Um solche Anreize zu reduzieren, würde ich für bestimmte Sportarten einen radikalen Vorschlag machen – etwa Leichtathletik oder Schwimmen: Ich würde die Zeitmessung abschaffen. Ein 100-m-Lauf funktioniert aus Sicht des Zuschauers auch, wenn die Zeit nicht mitläuft. Dann würde es wieder um das gehen, was den Sport ursprünglich ausgemacht hat: das Duell.

Perikles Simon: Geringere Strafen für dopende Sportler, höhere Strafen (Einschränkung der Mittelzuweisungen, Sperre und Ausschluss von Sportveranstaltungen) für nachweislich ineffektiv im Anti-Doping-Kampf arbeitende Verbände, Länder und Sportorganisationen.

Ines Geipel: Dass alle, die von der Dopingkette profitieren, genau dieselbe Strafe erhalten müssen wie der Athlet: der Trainer, der Arzt, der Sportfunktionär, der Politiker, der Pharmakonzern, der wissende Sponsor, indolente Journalisten, wo es indolente Journalisten gibt.

Hans-Michael Holczer: Da kann ich nur mit Ironie antworten: Ich würde im Kampf gegen Doping genau die Maßnahmen ergreifen, die so wunderbar dafür gesorgt haben, dass es in unserer Gesellschaft keine Straftaten mehr gibt.

Andrea Gotzmann: Es ist enorm wichtig, dass die etablierten Nationalen Anti-Doping-Organisationen in der aktuellen Diskussion stärker einbezogen werden. Sie beschäftigen sich 365 Tage im Jahr professionell mit der Problematik und haben ein enormes Know-how aufgebaut. Sie führen weltweit die meisten Präventionsveranstaltungen und rund 70 Prozent aller Kontrollen durch. Niemals vergessen werden darf der einzelne Athlet. Der Schutz der Gesundheit ist oberstes Gut, auch dies ist im staatlichen russischen Dopingsystem sträflich missachtet worden. Hier hilft der Blick in die deutsch-deutsche Geschichte: Wir sehen, welch gravierende Gesundheitsschäden durch systematisches Doping hervorgerufen werden. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.

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