Spon-Chef Florian Harms Vom Kräherwald an die Spiegel-Spitze

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Einst fuhr Florian Harms als Praktikant der Leonberger Kreiszeitung mit seiner Ente von Termin zu Termin. Heute leitet der Stuttgarter die Redaktion von „Spiegel Online“. Ein Besuch im Hauptstadtbüro des „Spiegels“.

Florian Harms, der Chefredakteur von „Spiegel Online“, bei der Lektüre seiner Lieblingszeitung aus Stuttgart. Foto: Ingmar Volkmann
Florian Harms, der Chefredakteur von „Spiegel Online“, bei der Lektüre seiner Lieblingszeitung aus Stuttgart. Foto: Ingmar Volkmann

Berlin - Es ist ein weiter Weg von der Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart bis zur „Spiegel“-Kommandozentrale in Hamburg. 654 Kilometer trennen den Rudolf-Steiner-Weg 10 in der deutschen Feinstaubhauptstadt von der sagenumwobenen Ericusspitze in der Hansestadt. In Karriereleitersprossen gesprochen ist der Weg vom Praktikanten bei der „Leonberger Kreiszeitung“ bis zum Chef von „Spiegel Online“ vielleicht noch weiter.

Florian Harms hat die hier skizzierten Wege genommen. Der gebürtige Stuttgarter ist seit über einem Jahr Spiegel-Online-Chefredakteur. An einem sonnigen Montag im Mai, bei strahlend blauem Himmel wie aus dem Katalog für all die Touristen in der zeitgeschichtlichen Disney World mit Namen Berlin Mitte, bittet der 42-Jährige im Hauptstadtbüro des „Spiegels“ zum Gespräch. Der Pariser Platz ist nicht der schlechteste Ort, um einen Gast aus der Provinz zu empfangen. Das Brandenburger Tor grüßt lässig herab. Harms, weißes Hemd, blaue Jeans, knallrote Turnschuhe, silberner Armreif am rechten Handgelenk, leitet seit Januar 2015 die Geschicke von „Spiegel Online“. Gemeinsam mit Klaus Brinkbäumer, dem Chef des gedruckten „Spiegel“, hat er beim Nachrichtenmagazin in der Post-Büchner-Ära das Sagen. Wolfgang Büchner war von September 2013 bis Dezember 2014 Chefredakteur des „Spiegels“. Seine Amtszeit war für Außenstehende die unterhaltsamste in der Historie der Medienmarke, so publikumswirksam öffentlich zerfleischte sich das Haus selbst.

Florian Harms arbeitet an der Revolution von Oben beim „Spiegel“

Seit sich Brinkbäumer und Harms die Bälle zuspielen, geht es beim „Spiegel“ wieder ruhiger zu. Zumindest nach außen hin. Im Inneren wird der Medienriese gerade nach allen Regeln der Kunst auf links gedreht. Eine Kostprobe davon konnte man kürzlich im Spiegel-Innovationsreport nachlesen, der dem SWR zugespielt worden war. Brinkbäumer und Harms haben interdisziplinäre Arbeitsgruppen gebildet, die den Spiegel fit für den Medienwandel machen sollen. Kritiker sahen in dem geleakten Dokument die Forderung einer Revolution von Unten. Dem widerspricht Florian Harms. „Nein, der Prozess wird klar von den Chefredaktionen und der Geschäftsführung gesteuert. Wir geben die Struktur vor, aber wir wollen eben möglichst viele Kollegen einbeziehen“, so Harms, den man sich am Newsdesk in Hamburg ohnehin nicht als cholerischen Sklaventreiber vorstellen kann. Nicht umsonst ist sein Lieblingswort mit handgezählten fünf Nennungen in diesem Gespräch partizipativ.

Der zweite Begriff, der ihm gleich mehrmals über die Lippen geht, ist wohlfeil. Dieses von der Duden-Redaktion auf die Liste der bedrohten Wörter gesetzte Synonym für billig oder abgedroschen verrät eine Menge über die bildungsbürgerliche Familiengeschichte von Florian Harms. Sein Urgroßvater ist der bis heute angesehene Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Harms. Sein Onkel Jörg Menno Harms war Deutschland-Chef bei Hewlett-Packard.

Der Vater Klaus B. Harms war Kulturchef der Stuttgarter Nachrichten

Die prägende Figur für Florian Harms war aber Klaus B. Harms, sein Vater. Klaus B. Harms war Kulturchef der „Stuttgarter Nachrichten“, journalistisches Vorbild für Florian Harms einerseits und Opfer eines Kultur-Ränkespiels andererseits. Klaus Harms hatte ein Theaterstück („Alles Theater“) geschrieben und dieses dem damaligen Leiter des Stuttgarter Schauspiels, Friedrich Schirmer, zur Beurteilung oder Aufführung zugeschickt. Schirmer, heute Intendant an der WLB in Esslingen, machte diesen Vorgang öffentlich. Der Theatermacher warf Harms vor, als Kritiker eine Grenze überschritten zu haben. Die „Stuttgarter Nachrichten“ trennten sich von Klaus B. Harms.

Kommt Florian Harms auf seinen Vater zu sprechen, wird seine Stimme zum ersten und einzigen Mal im Gespräch leise. „Mein Vater hat meinen Lebensweg geprägt. Er war ein sehr liebevoller, charmanter, neugieriger und präsenter Mensch. Er hat mein Bild von einem Journalisten geprägt. Als Feuilleton-Chef war er ständig in der Stuttgarter Kulturszene unterwegs, oft zusammen mit meiner Mutter, die Fotografin ist.“ Würde sich Harms heute ein Stück von Friedrich Schirmer anschauen? „Natürlich würde ich mir ein Stück von ihm anschauen. Ich empfinde keinen persönlichen Groll gegen ihn. Die ganze Situation damals, die teilweise abstrusen Vorwürfe gegen meinen Vater, die Art und Weise, wie in der Redaktion mit ihm umgegangen wurde, das hat uns als Familie aber belastet.“

Ein Praktikum bei der „Leonberger Kreiszeitung“ gibt die Richtung vor

Die Karriereleiter im Journalismus hat Florian Harms dennoch in Porsche-Geschwindigkeit genommen – anfangs allerdings mit einem eher ungewöhnlichen Gefährt, dem Äquivalent zum 56-k-Modem auf vier Rädern, der Ente seiner Mutter. „Dass ich selbst Journalist werden wollte, habe ich kurz vor Beginn meines Studiums während eines Praktikums bei der „Leonberger Kreiszeitung“ herausgefunden. Das war eine großartige Schule. Ich habe jeden Tag mehrere Termine gemacht: von der Eröffnung einer Sparkassenfiliale zu einer Goldenen Hochzeit und dann zu einem Open-Air-Rockkonzert.“

Bei allem Respekt für diese Leonberger Taktung, der Tagesablauf des Spon-Chefs sieht heute etwas dichter aus. Wenn Harms nicht gerade mit der Revolution von Oben beim Spiegel beschäftigt ist, setzt er sich über seinen privaten Twitter-Kanal, im Haus-Blog oder per Mail mit seinen Lesern auseinander – und zwischendrin arbeitet er überraschender Weise auch noch, am Newsdesk. „Es ist viel, aber ich empfinde es oft als positiven Stress, ein bisschen wie auf einer Party: Man redet mit vielen Menschen, bewegt in kurzer Zeit viele Themen, trifft schnelle Entscheidungen. Wahrscheinlich kann man diesen Job aber nicht Jahrzehnte lang machen.“

Die Resilienz der Waldorf-Pädagogik hilft gegen den Stress beim „Spiegel“

Und wie geht man mit diesem Pensum um? „Man braucht ein breites Kreuz, man braucht Resilienz“, sagt Harms. Diese psychische Widerstandsfähigkeit habe er durch den starken Zusammenhalt in der Familie entwickelt, „aber auch durch meine Schulzeit auf der Waldorfschule am Kräherwald erhalten. Teil der Waldorf-Pädagogik ist es, bei den Schülern Resilienz zu entwickeln, sie zu Persönlichkeiten heranzubilden, die selbstbewusst, aber nicht arrogant im Leben stehen. Das hat mir in vielen Situationen geholfen.“

Florian Harms hält viel von der Waldorf-Pädagogik, seine eigenen Kinder hat er ebenfalls auf Waldorf-Einrichtungen in Hamburg untergebracht. Von seinen Lehrern am Kräherwald schwärmt er nachgerade, wie er überhaupt fast schon rührend nett spricht über Stuttgart, die Stadt, in der er aufgewachsen ist, bevor er zum Studium der Islamwissenschaft und Politikwissenschaft nach Freiburg gezogen ist, die Stadt, die er heute noch mindestens zweimal im Jahr wegen seiner Mutter besucht: „Die Heimat, die ich jeden Tag fühle, ist bei meiner Familie in Hamburg, bei meiner Frau und meinen Kindern. Es gibt aber noch eine Heimat, die ich tief in mir spüre, ein Gefühl, das angeregt wird, wenn ich in Stuttgart bin, wenn ich am Bahnhof ankomme, aussteige, am Brezelkörble vorbeikomme, den Dialekt höre.“

Aus Hamburger und Berliner Sicht duftet Stuttgart nach Kaffee

Zeit für die alles entscheidende Abschiedsfrage, die ausnahmsweise nicht die in Schwaben relevante kulturelle Identität abfragt (Linsen mit Spätzle oder Rostbraten? Harms bevorzugt Maultaschen und bewahrt immer eine Notfallration eines Stuttgarter Metzgers in seiner Hamburger Kühltruhe). Wenn Hamburg und Berlin von Stuttgart aus gesehen nach großer, weiter Welt riechen, wie duftet dann Ihre alte Heimat, Florian Harms? „Nach Hochland-Kaffee. Den muss mir meine Schwiegermutter immer mitbringen, wenn sie aus Stuttgart zu Besuch kommt. Wenn ich selbst in Stuttgart bin, gehe ich jedes Mal zu Hochland, komme mit einer großen Tüte wieder raus, und dann riecht der ganze ICE nach Kaffee. Oder das Flugzeug.“