Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)

Spitzensport ist Quotenkönig im Fernsehen, allen voran natürlich Fußball, Deutschlands größter gemeinsamer Nenner. Aber der Sport ist keine politische Kraft. Sport mobilisiert Menschen, aber er mobilisiert sie nicht als kraftvolle Lobby. Und damit ist er auch kein politisches Thema. Er spielt in Wahlkämpfen anders als etwa das Thema Kultur keine Rolle, obwohl er mit Abstand die größte gesellschaftliche Bewegung des Landes ist. Sport? Ist nebensächlich. Klaus Tappeser (CDU), der langjährige Chef des Württembergischen Landessportbundes, hat dazu einmal süffisant gesagt: „In jeder Talkshow können Sie damit kokettieren, dass Sie im Sport eine Flasche waren.“

Wenn der Schulsport ausfällt, klagt keiner, obwohl angesichts der Verdichtung im Schulleben Bewegung ein wichtiger Faktor ist. Oder sein könnte. Oder sein müsste. Der Professor und Hirnforscher Manfred Spitzer fordert mehr Bewegung an den Schulen und verweist darauf, dass Sport einen positiven Effekt auf das Lernverhalten hat. Der Sportlehrerverband kämpft seit Jahren für die tägliche Sportstunde, aber schon der Status quo mit zwei bis drei Stunden pro Woche ist kaum zu halten, laut etwas älteren Zahlen fällt jede dritte Sportstunde aus.

Laut einer Studie der Techniker-Krankenkasse geben 20 Prozent der Deutschen an, „Antisportler“ zu sein, 32 bezeichnen sich als „Sportmuffel“. Experten sprechen von der „Generation Chips“. Die Zahlen für Diabetes des Typs 2, der vor allem durch Bewegungsmangel verursacht wird, steigen unter Jugendlichen massiv. Krankenkassen warnen vor einer Lawine, die auf das Gesundheitswesen zurollt. Milliardenkosten, verursacht durch Bewegungsmangel. Jeder Vierte leidet laut einer Studie der Techniker-Krankenkasse an Rückenschmerzen. Unter der Gruppe, die mindestens eine Stunde Sport pro Woche macht, sind es 15 Prozent. Nach Untersuchungen der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) sterben in Europa jährlich 600 000 Menschen an den Folgen von Bewegungsmangel, eine Million an Übergewicht und Adipositas.

Gesundheitsprävention. Bewegung. Fitness: Das ist nicht so massenkompatibel und liefert auch keine so schönen Bilder wie Olympia-Gold von Fabian Hambüchen am Reck – aber es ist die andere Seite der Medaille. Die andere Seite des Sports.

Wer den Zustand dieses deutschen Sports sehen will, muss nicht zu Olympischen Spielen schauen, sondern nur in die lokale Turnhalle blicken. Es tropft durch Dächer, Duschen funktionieren nicht, Böden sind rutschig, das Licht ist miserabel oder in Teilen kaputt, manche Heizung funktioniert im Winter leidlich – selbst in einer so reichen Stadt wie Stuttgart ist manche Schulsporthalle in einem traurigen Zustand. Die Verbände schieben einen Berg an Sanierungen vor sich her. Die Infrastruktur des Sports sei einst weltmeisterlich gewesen, heute tendiere sie zur Kreisklasse, heißt es beim DOSB. 70 000 Sportstätten gelten als unzureichend, der DOSB beziffert die Sanierungskosten auf 42 Milliarden Euro. Geld, das weder die Kommunen noch die Länder noch der Sport haben. Wenn es unten bröckelt, kommt oben irgendwann nichts mehr an – da hilft keine Reform.

Spitzensport ist Quotenkönig im Fernsehen, allen voran natürlich Fußball, Deutschlands größter gemeinsamer Nenner. Aber der Sport ist keine politische Kraft. Sport mobilisiert Menschen, aber er mobilisiert sie nicht als kraftvolle Lobby. Und damit ist er auch kein politisches Thema. Er spielt in Wahlkämpfen anders als etwa das Thema Kultur keine Rolle, obwohl er mit Abstand die größte gesellschaftliche Bewegung des Landes ist. Sport? Ist nebensächlich. Klaus Tappeser (CDU), der langjährige Chef des Württembergischen Landessportbundes, hat dazu einmal süffisant gesagt: „In jeder Talkshow können Sie damit kokettieren, dass Sie im Sport eine Flasche waren.“

Wenn der Schulsport ausfällt, klagt keiner, obwohl angesichts der Verdichtung im Schulleben Bewegung ein wichtiger Faktor ist. Oder sein könnte. Oder sein müsste. Der Professor und Hirnforscher Manfred Spitzer fordert mehr Bewegung an den Schulen und verweist darauf, dass Sport einen positiven Effekt auf das Lernverhalten hat. Der Sportlehrerverband kämpft seit Jahren für die tägliche Sportstunde, aber schon der Status quo mit zwei bis drei Stunden pro Woche ist kaum zu halten, laut etwas älteren Zahlen fällt jede dritte Sportstunde aus.

Laut einer Studie der Techniker-Krankenkasse geben 20 Prozent der Deutschen an, „Antisportler“ zu sein, 32 bezeichnen sich als „Sportmuffel“. Experten sprechen von der „Generation Chips“. Die Zahlen für Diabetes des Typs 2, der vor allem durch Bewegungsmangel verursacht wird, steigen unter Jugendlichen massiv. Krankenkassen warnen vor einer Lawine, die auf das Gesundheitswesen zurollt. Milliardenkosten, verursacht durch Bewegungsmangel. Jeder Vierte leidet laut einer Studie der Techniker-Krankenkasse an Rückenschmerzen. Unter der Gruppe, die mindestens eine Stunde Sport pro Woche macht, sind es 15 Prozent. Nach Untersuchungen der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) sterben in Europa jährlich 600 000 Menschen an den Folgen von Bewegungsmangel, eine Million an Übergewicht und Adipositas.

Gesundheitsprävention. Bewegung. Fitness: Das ist nicht so massenkompatibel und liefert auch keine so schönen Bilder wie Olympia-Gold von Fabian Hambüchen am Reck – aber es ist die andere Seite der Medaille. Die andere Seite des Sports.

Wer den Zustand dieses deutschen Sports sehen will, muss nicht zu Olympischen Spielen schauen, sondern nur in die lokale Turnhalle blicken. Es tropft durch Dächer, Duschen funktionieren nicht, Böden sind rutschig, das Licht ist miserabel oder in Teilen kaputt, manche Heizung funktioniert im Winter leidlich – selbst in einer so reichen Stadt wie Stuttgart ist manche Schulsporthalle in einem traurigen Zustand. Die Verbände schieben einen Berg an Sanierungen vor sich her. Die Infrastruktur des Sports sei einst weltmeisterlich gewesen, heute tendiere sie zur Kreisklasse, heißt es beim DOSB. 70 000 Sportstätten gelten als unzureichend, der DOSB beziffert die Sanierungskosten auf 42 Milliarden Euro. Geld, das weder die Kommunen noch die Länder noch der Sport haben. Wenn es unten bröckelt, kommt oben irgendwann nichts mehr an – da hilft keine Reform.

Die Rolle rückwärts als Königsdisziplin

Wer den Zustand des deutschen Sports sehen will, darf sich auch nicht von Bildern im Fernsehen täuschen lassen, sondern sollte sich zum Beispiel mal mit Sportlehrern unterhalten. Die Klagen über einen erschreckenden Mangel an koordinativen Fähigkeiten sind kaum zu überhören. Eine Rolle rückwärts gilt bereits als Königsdisziplin. Wer im Hallenbad nicht untergeht, geht als guter Schwimmer durch. Das ist natürlich zugespitzt, aber nicht sehr weit weg von der Realität. Das alles ist Ausdruck einer zunehmenden Bewegungslegasthenie der Kinder und Jugendlichen, die sich immer weniger für Vereinssport und Bewegung begeistern lassen. Laut einer Studie der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft kann nur noch jeder zweite Zehnjährige schwimmen. Die DLRG warnt vor einem „Nichtschwimmer-Land Deutschland“. Was wiederum auch an der Schließung vieler kommunaler Bäder liegt. Eines hängt mit dem anderen zusammen. Wenn immer weniger Kinder Sport treiben, wird es mangels Talenten irgendwann weniger Medaillen geben. Wenn immer weniger Kinder schwimmen können, gibt es bei Olympia im Becken einen Untergang mit Ansage.

Und wenn es weniger medial wirksame Erfolge gibt, wird es mangels Vorbildern vielleicht noch weniger aktive Kinder geben. Kurz gesagt: Die Spitze gibt es nicht ohne die Breite, die Masse nicht ohne die Klasse. Das ist ja die große Bedeutung des Spitzensports jenseits des Entertainment – dass er nämlich Vorbilder produziert wie kein anderer gesellschaftlicher Bereich. Große Triumphe sorgen zumindest für Aufmerksamkeit – und machen im Idealfall Werbung für Bewegung. Ob im Verein oder selbst organisiert, ob draußen beim Joggen, Radfahren, Wandern oder im Fitness-Studio – das ist am Ende nicht entscheidend.

Beim Deutschen Schwimmverband (DSV) ist das Problem bereits angekommen. Der DSV hat Probleme, die jungen Kaderklassen zu füllen, deshalb wurden Kriterien aufgeweicht. „Als Bundestrainer sage ich: Je weniger Kinder schwimmen lernen, desto weniger Durchlass werden wir nach ganz oben haben“, sagt der Chefcoach Henning Lambertz der „Rheinischen Post“. „Als Elternteil sage ich: Wenn Kinder nicht mehr schwimmen lernen, begeben sie sich in große Gefahren. Es darf keine Frage des Dürfens oder Wollens sein, sondern des Müssens.“

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