Sport im Kreis Ludwigsburg Vom Laufen in Corona-Zeiten

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Triathlontraining ist eine zeitaufwändige Sache, bietet jetzt aber die Chance, nicht alles sein lassen zu müssen. Warum eine Runde beim Monrepos-See aber immer länger wird und der sonst so belebende Flug der Gedanken kaum noch entspannend ist.

Jogger halten mehr Abstand als gewöhnlich am Durchlass zur Seeschlossallee hinauf zum  Favoritepark. Foto: factum/Andreas Weise
Jogger halten mehr Abstand als gewöhnlich am Durchlass zur Seeschlossallee hinauf zum Favoritepark. Foto: factum/Andreas Weise

Kreis Ludwigsburg - Ich muss los. Raus. Laufen, radfahren. Schwimmen, nun ja, irgendwann wieder. Trotzdem: Ich bin froh, dass es im Ländle keine Ausgangssperre gibt und ich Sport treiben kann.

Also schlüpfe ich nahezu täglich, wie bisher auch, in meine Laufschuhe. Öffne die Tür in die mit Coronaviren verseuchte Außenwelt und renne los. Der kalte Wind füllt die Lunge, die Frühlingssonne wärmt die Haut unter der schwarzen Laufhose – traumhaft. Es ist später Vormittag, die Straßen sind ausgestorben, die Fußgängerampeln überflüssig. Nach anderthalb Kilometern bin ich am Monrepos-See.

Kein See zum Schwimmen, die flache Entengrütze. Aber auch der Badesee bei Plüderhausen, wiewohl sauber und tiefer, taugt nicht mehr. Ein Teamkollege ist dort kürzlich mit dem Neoprenanzug ins neun Grad kalte Wasser gestiegen. Nach einer halben Stunde haben ihn Ordnungskräfte rausgeschickt und den See gesperrt. Top-Athlet hin oder her.

Jeder Einzelne ist ein Risiko

Der Anlaufschmerz in den Kniegelenken verfliegt, eine Entenfamilie kreuzt den geschotterten Weg, ein paar fast ausgetrocknete Pfützen. Doch nichts ist wie immer. Ich weiche aus. Nicht nur dem Matsch. Ich vermeide Begegnungen. Um Spaziergänger muss ich sonst auch einen Bogen machen – da mein Tempo drosseln, dort über eine Hundeleine springen.

Nun ist jeder Einzelne ein Risiko. Je näher er mir kommt, desto größer die Gefahr. Ich hülle ihn ein in einen weiten Mantel voller bösartiger Strahlung, eine Tabu-Box. Zunächst ist es ein Spiel. Das Pärchen, das am Ende meiner Geraden auftaucht, kann ich umkurven, indem ich ins holprige Maulwurfshügel-Grün längs des Wegs steuere. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass beide Kapuze oder Mütze tief ins Gesicht gezogen haben. Auch ich gelte als Risiko.

Auf den Äckern bei Freiberg stoppt ein älteres Ehepaar, macht ein Dutzend Schritte nach links in ein Erdbeerfeld. Die beiden warten, bis ich vorbei bin. Wieder bin ich ein Risiko.

Ein Stich im Sprunggelenk, zwei Schleuderbewegungen später ist der Schmerz wieder weg. Wir Sportler sollen jetzt Waghalsiges unterlassen, haben uns nicht nur die Spitzenfunktionäre des Triathlonverbands ermahnt. Ärzte haben wahrlich anderes zu tun. Das gilt auch für Autofahrer, die aufs Gaspedal treten, als gäbe es keine Bettennot in den Kliniken.

Noch eine Extra-Runde

Die Familie, Mama, Papa und zwei Laufroller-Kinder, begegnet mir ausgerechnet auf der anderen Seite der Unterführung zur Seeschlossallee. Ich drehe eine Extra-Runde um einen Froschteich, bis das Quartett den Tunnel passiert hat.

Noch gibt es keine Laich-Wolken in dem Tümpel. Aber bald ist Ostern. Und dann 1. Mai – diesmal ohne Klopapier an Autoaußenspiegeln. Himmelfahrt, Pfingsten – wie lange noch? Das Gesundheitssystem darf nicht kollabieren. Die Krise aber auch nicht 18 Monate dauern.

Der Helm von Jonathan auf dem Laufrad ist verrutscht, Papa muss sofort kommen. Ich drehe eine zweite Extra-Runde. Wenn sicher ist, dass 50 Millionen Deutsche infiziert sein werden, bevor das Virus besiegt werden kann, gibt es dann bald Pläne, seinem exponentiellen Wüten ein geordnetes Ansteckungsverfahren entgegenzusetzen? Jüngere zuerst, da sie das Virus meist gut verkraften und dann niemanden mehr infizieren können?

Meine Gedanken heben nicht entspannt ab. Mein Rennen erhält Züge einer Flucht. Ich schlage Haken, nicht wie sonst, um aus lauter Freude oder Übermut noch ein paar hundert auspowernde Meter dranzuhängen. Sondern weil mein Weg versperrt ist von einem Jogger, den ich nur zäh überholen könnte. Ich biege ab, es wird eine längere Runde. Beim nächsten Jogger wechsle ich auf seine dem Wind zugewandte Seite, schließe den Mund und halte die Luft an.

Schuldig gefühlt beim Laufen

Urplötzlich, auf dem Planetenweg, taucht in einer Staubfahne ein blau-silberner Mercedes-Kombi hinter mir auf: Polizei. Die beiden Beamten kommen näher – und rollen vorbei. Ich atme durch, fast auf. Warum eigentlich?

Statt 75 Minuten war ich 90 unterwegs, als ich wieder zuhause bin. Selten habe ich mich beim Laufen so schuldig gefühlt.

Noch ein Wort: Ich trainiere keineswegs munter weiter als wäre nichts. Schwimmen fällt flach, Radfahren in der Gruppe ist abgesagt, Wettkämpfe bis zum Sommer auch. Oder, wie der Steinheimer Triathlon, optimistisch vom Mai auf den 13. September verlegt. Es leben die alternativen Bewegungsformen an den Zugseilen und auf der Isomatte im Keller. So wie das Homeoffice statt des Bürojobs. So wie das vermehrte Üben des Orchestergeigers in der Einliegerwohnung. Von Trainingsverbot hat niemand was gesagt. Sondern von Abstand. Auch wenn der zuweilen in einem Slalomlauf mündet.

Über den Autor:

Redakteur Christhard Henning betreibt seit 25 Jahren Triathlon. Er trainiert wöchentlich bis zu 25 Stunden. Der 59-Jährige startet für den VfL Waiblingen und ist deutscher Meister über die Sprintdistanz im Triathlon.




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