Sport im Stadtbezirk Stuttgart-Nord Eine Altherrenriege mit sportlichem Ehrgeiz

Von Eva Funke 

Das Durchschnittsalter in der Altherrenriege des MTV liegt bei 80. Die Senioren beweisen: Auch im Alter kann man fit sein.

Die Sopranisten Gudrún Ingimarsdóttir zeigt den Senioren  wie Yoga geht. Foto: Eva Funke
Die Sopranisten Gudrún Ingimarsdóttir zeigt den Senioren wie Yoga geht. Foto: Eva Funke

Stuttgart-Nord - An diesem Tag ist es anders als sonst: Sonst wird nach 40 Minuten Gymnastik zum Aufwärmen, Prellball gespielt. Diesmal geht es mit Prellball los. Und anschließend hat die Altherrenriege des Männerturnvereins (MTV) Stuttgart nicht Gymnastik, sondern Yoga. Unterrichtet wird die Gruppe von der Opernsängerin Gudrún Ingimarsdóttir. Die Yoga-Stunde ist ein Geschenk von Vereinskamerad Herbert Boll. Mit 70 gehört der Mediziner zu den Jüngeren in der Altherrenriege. Die meisten sind über 80. Der Älteste ist Gerhard Öhring mit 88, der Jüngste ist Robert Jütte. Der 63-Jährige trainiert die 22-köpfige Mannschaft auch. Viele sind wie Jütte seit Jahrzehnten dabei. „Wir sind zusammen alt geworden, aber durch den Sport jung geblieben“, stellt der fest.

Die Ziele des 1843 gegründeten MTV, idealisierte männliche Tugenden wie Gehorsam, Härte, Wehrfähigkeit und Wehrbereitschaft, wurden längst von der Freude am Sport abgelöst. Seit 1897 machen in dem Männerturnverein „gegen starke Bedenken der älteren Mitglieder“, wie es in der Vereinschronik heißt , auch Frauen mit. Bis es soweit war, hat es allerdings neun Jahre gedauert. Der Antrag, Frauen aufzunehmen, wurde bereits 1888 gestellt.

Eiserne Disziplin, die früher ebenfalls gefordert wurde, bringen die Altherren auch heute noch mit: Nur im Notfall lassen sie das Training am Montagabend ausfallen. Und einige treiben noch weitere Sportarten: Günther Mohn (86) ist erst vor Kurzem von einem Surf-Urlaub an der Ostsee zurückgekommen. Keine Frage, dass er nicht nur zugeguckt hat, sondern selbst gesurft ist. Er ist seit 1973 dabei, war bis zum vergangenen Jahr in einer anderen Männerriege und hat 2018 gewechselt. „Meine Riege wurde leider aufgelöst, weil die Teilnehmer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr regelmäßig trainieren konnten“, sagt er. Bei der Gymnastik macht er mit, um seine Beweglichkeit und sein Gleichgewicht zu trainieren. Prellball spielt er, weil es Spaß macht und die Schnelligkeit und Ausdauer fördert. „Er ist exzellent im Spielaufbau“, lobt der Trainer Jütte.

Einige Altherren kennen sich seit der Schulzeit

Erhard Baumann (83) ist erst seit fünf Jahren beim MTV, hat sich in seinem Sportlerleben bereits 50 goldenen Sportabzeichen erkämpft und bezeichnet sich selbst als „vielseitigen Nichtskönner“, der privat noch drei mal pro Woche Rad fährt, walkt oder wandert.

Einige der Altherren kennen sich schon aus der Schulzeit. Karl Marquardt stieß im fortgeschritteneren Alter zur Männerriege. Seine Sportkameraden erinnern sich noch heute, dass er während der Schulzeit im Dillmann-Gymnasium „der Unsportlichste“ war. Lange vorbei. Den Ball prellt er so stark mit der Faust auf den Boden, dass die Gegner keine Chance haben, die Kugel beim Hochspringen anzunehmen. „Auf den Prellball kann man kräftig draufhauen und seine Aggressionen loswerden“, sagt der Trainer Jütte – und bescheinigt seinen Spielern „enormen Ehrgeiz“.

Nach dem Prellball-Match ist Yoga angesagt: Keiner hat es je ausprobiert, doch alle sind neugierig: nicht nur auf das Yoga, sondern auch darauf, wie eine Opernsängerin Yoga-Lehrerin wird. Nach zwei Hörstürzen hat Gudrún Ingimarsdóttir mit Yoga angefangen. Zu unterrichten war nie ihre Absicht. Doch da sie fleißig geübt hat und die vielen Übungen bald gut beherrschte, bat ihre Lehrerin immer öfter, sie zu vertreten. Irgendwann hat sie dann die Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht, weil es ja „nicht schaden kann, zwei Standbeine zu haben“. Das Fazit der Gruppe nach der Stunde: Anstrengend, trotzdem sollte man es regelmäßig machen.

Bei der Männerriege, alles honorige Herren, viele mit Doktor-Titel, ist Verstärkung willkommen: „Der Status spielt bei uns überhaupt keine Rolle. Jeder kann bei uns mitmachen“, stellt Jütte fest, selbst zweifacher Doktor und Professor. Und er versichert. „Wir trainieren nicht mit Stoppuhr. Bei uns muss sich niemand beweisen.“ Nach Prellball und Gymnastik kommt der gemütliche Teil: ein Abstecher ins Vereinsrestaurant.

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