Sport in der Corona-Krise Fitnessbranche muss sich neu erfinden

Frauen nutzen oft die Programme von Influencerin Pamela Reif. Foto: imago/Future Image

Die Pandemie verändert auch die Fitnessbranche: Viele Studios kämpfen ums Überleben. Influencer und Anbieter von Online-Kursen profitieren.

Stuttgart - Hanteln, Fitnessbänder und Crosstrainer waren ausverkauft. Auch Tischtennisplatten, Basketballkörbe und Fußballtore – bis weit in den Sommer hinein waren viele Sportartikel europaweit nicht lieferbar. Sportbegeisterte, die Fitnessstudios in den vergangenen Monaten wegen der Corona-Pandemie gemieden und ihren Sport nach draußen oder nach Hause verlegt haben, bestellten online Fitness-Geräte und -zubehör. Die Menschen wollten etwas für ihre Gesundheit tun und sich bewegen, sich körperlich fit halten, um das Immunsystem in den Pandemiezeiten zu stärken.

 

„Durch den Lockdown hat sich die Art der Sportausübung in Deutschland verändert, Fitness ist noch beliebter“, sagt Matthias Scholz, verantwortlich für den deutschen Fitnessmarkt beim Marktführer Decathlon, der mit Filialen in ganz Europa vertreten ist. „Die Nachfrage nach Fitness-Material ist signifikant gestiegen.“ Konkrete Zahlen will er nicht nennen. Branchenkenner sprechen aber von einem Wachstum von bis zu 500 Prozent. Heimtrainer, Laufbänder, Trainingsbänke, Hanteln – die Produktion konnte mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Vor allem zu Pandemie-Beginn lag der Fokus auf dem Online-Handel, der 2020 enorm gewachsen ist, erzählt Scholz. Selbst seit der Wiederöffnung der Fitnessstudios im Juni sei die Nachfrage nach Zubehör für zuhause anhaltend hoch. Die Erklärung des Vertriebsexperten. „Viele haben gemerkt, wie gut ihnen Fitness zuhause tut und dass Training mit einfachen Mitteln auch zuhause möglich ist.“

In vielen Fitnessstudios herrscht unterdessen Krisenstimmung – vor allem mit Blick auf die Herbst- und Wintermonate, steigende Infektionszahlen und wieder strengere Corona-Regeln. Viele der insgesamt 11,6 Millionen Klub-Mitglieder in Deutschland nutzen das Angebot der Studios nicht mehr so stark wie zuvor und wollen nicht gemeinsam mit anderen in geschlossenen Räumen schwitzen. Jeder Fünfte will laut einer Studie des Deutschen Industrieverbandes für Fitness und Gesundheit (DIFG) gar nicht mehr ins Studio zurückkehren. Und viele Mitglieder verlegen derzeit ihren Sport nach draußen oder nutzen verstärkt Online-Trainingsangebote, die sie zeitlich flexibel abrufen können.

Die Fitnessstudios müssen neue Geschäftsmodelle entwickeln

Ein Trend, den der Branchenexperte Ralph Scholz seit längerem beobachtet: „Die Menschen wollen körperlich aktiv sein und wünschen eine Kombination aus Kursen im Studio, Home- und Onlinetraining“, sagt der DIFG-Vorsitzende. „Die Fitnessstudios müssen sich neu aufstellen und neue Geschäftsmodelle entwickeln: die Menschen wollen ganzheitlicher und flexibler zwischendurch auch zuhause trainieren“, analysiert der Düsseldorfer, der Unternehmen aus der Branche berät. Im vergangenen Jahr 2019 hatte die Fitnessbranche einen Jahresumsatz von fünf Milliarden Euro. In diesem Jahr rechnet der Verband allerdings mit einem Umsatzrückgang von zehn bis 15 Prozent.

Die Branche steht vor einem Umbruch. Vor allem was die digitalen Angebote betrifft. Die meisten Studios haben während des Lockdowns kostenlose Online-Kurse via Livestream angeboten, was bei den Mitgliedern gut ankam. Laut einer Umfrage des DIFG wollen 73 Prozent der Mitglieder die Online-Angebote auch weiter zuhause nutzen. Die Herausforderung sei es nun, „den kostenlosen Inhalt in kostenpflichtige Inhalte zu transformieren“, sagt Scholz, der die größte Hürde kennt: „Die wenigsten wollen für Online-Angebote zahlen.“

Das Problem der Liquidität wurde vertagt

Überhaupt die Finanzen: Bisher profitieren die Studios nicht von den Hilfsprogrammen der Politik, da sie bisher keine Ausfälle bei den Mitgliedsbeiträgen verkraften mussten. Den Mitgliedern wurden Beiträge während der Schließzeit bis Juni weiter abgebucht und die Gegenleistung für später gutgeschrieben. Das Problem der Liquidität wurde vertagt. Fünf bis zehn Prozent der Studios werden wohl zeitversetzt aufgeben müssen, so die Schätzung des Verbandes. Das Fazit von Ralph Scholz lautet deshalb: „Der Fitnessmarkt wird noch lange zu kämpfen haben. Ein weiterer Lockdown würde vielen Studios den Todesstoß versetzen.“

Wer den digitalen Fitnessmarkt auf allen Social-Media-Kanälen bereits perfekt bedient, sind Fitness- und Lifestyle-Influencer wie Pamela Reif. Die Fitnessqueen aus Karlsruhe gehört zu den wichtigsten Figuren im internationalen Geschäft: Die 24-Jährige, die im Oktober 2019 auf dem Titelblatt des „Forbes“-Magazin erschien, steigerte ihre Instagram-Followerzahl während des Lockdowns auf mehr als sechs Millionen. Laut „Forbes“ streicht sie pro Beitrag Summen bis zu 40 000 Euro ein. Noch lukrativer gestalten sich ihre Youtube-Videos, die bis zu 200 000 Euro einbringen. Dort hat die 24-Jährige aus Karlsruhe inzwischen 4,4 Millionen Abonnenten. Die knapp 10-minütigen Workouts des Fitnessmodels mit 1,0-Abitur sind sportlich durchaus anspruchsvoll und vor allem bei Mädchen und jungen Frauen gefragt.

Fitness ist nicht nur ein Lifestyleprodukt

Eine Zielgruppe, die neben der steigenden Zahl an Senioren, die Fitnessstudios im Blick haben. „Fitness ist nicht nur ein Lifestyleprodukt, das bei immer mehr Menschen an Bedeutung gewinnt, es wird auch immer wichtiger als Teil des Gesundheitssystems – vor allem in Pandemiezeiten“, sagt DIFG-Vorstand Ralph Scholz. Als größten Trend für 2021 sieht er Trainingsprogramme für besseren Immunschutz und Gesundheitsprävention. 2020 sei zwar ein Katastrophenjahr, dennoch ist er optimistisch, dass seine Branche gut aus der Krise kommt. Und ein Gutes kann er der Pandemie abgewinnen: „Der Drang zu Bewegung hat bei vielen zugenommen – die Wertschätzung von Sport und Bewegung ist deutlich gestiegen.“

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