Sport mit Defibrillator Nach Herzstillstand: Göppinger fährt wieder Rad-Marathon
Karlheinz Deuschle brach in der Firma zusammen. Herzstillstand. Der Göppinger kämpfte sich zurück ins Leben. Heute fährt er wieder den Radmarathon Alb Extrem.
Karlheinz Deuschle brach in der Firma zusammen. Herzstillstand. Der Göppinger kämpfte sich zurück ins Leben. Heute fährt er wieder den Radmarathon Alb Extrem.
Der 14. Juli 2022. Es war ein ganz normaler, sehr heißer Tag, erinnert sich Karlheinz Deuschle. Der Lastwagenfahrer hat gegen 15 Uhr seine letzte Tour beendet, das Fahrzeug gewaschen und betankt. Er ging duschen – und brach danach aus heiterem Himmel wegen eines Herz-Kreislauf-Stillstands zusammen. Ab hier setzt die Erinnerung aus. „Kollegen haben mich gefunden, einer von ihnen ist bei der Feuerwehr und hat gleich den Defi geholt“, weiß Deuschle aus Erzählungen seiner Retter. Der andere setzte den Notruf ab, der Notarzt war schnell vor Ort. „Die Rettungskette hat in diesem Fall optimal funktioniert“, sagt Stefan Rauch, Leitender Arzt der Intensivmedizin im Göppinger Alb-Fils-Klinikum. Deuschle wurde ins künstliche Koma versetzt.
Für seine Angehörigen begann eine Zeit des Hoffens und Bangens. „Die große Frage war: Überlebt er und wenn ja, wie überlebt er?“, sagt Rauch. Wenn das Herz stehen bleibt und die Atmung aussetzt, könne man am Anfang nie genau sagen, welche Schäden der Patient davontragen wird und wie er sich von diesem Ereignis erholt, erklärt der Mediziner.
Ein Herz-Kreislauf-Stillstand kann zu schweren neurologischen Schäden führen, insbesondere wenn das Gehirn über einen längeren Zeitraum nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. „Die Phase danach ist ein Prozess, der Tage, Wochen oder auch Monate dauern kann und über dessen Verlauf wir anfänglich nur selten eine genaue Prognose abgeben können“, sagt Rauch. „Die Frage ist oft auch: Wird der Patient überhaupt wieder richtig wach?“
In der Intensivmedizin gebe es nach einer Reanimation eine standardisierte Diagnostik und Behandlung. Macht der Patient die Augen auf und atmet wieder, schaue man, ob er den Kopf zuwendet und auf Ansprache reagiert oder die Hand drücken kann. „Ob er schreiben, lesen oder sprechen kann, das sieht man erst später.“ Die Bandbreite, inwieweit ein Betroffener nach einer Reanimation wieder am Leben teilhaben kann oder nicht, reiche vom Vollpflegefall mit schwersten Beeinträchtigungen bis hin zur fast vollständigen Genesung. Und: Es gibt auch den Fall, dass eine Reanimation nicht gelingt.
Karlheinz Deuschle gehört zu jenen, die einen Schutzengel hatten. „Glücklicherweise ist das in der Firma passiert und nicht auf der A 8 am Steuer“, denkt der Göppinger laut nach. „Das hätte für mich und möglicherweise auch für andere anders ausgehen können.“ Weil ihm schnell geholfen wurde, kam er schnell wieder auf die Beine und ist heute „körperlich und geistig wiederhergestellt“, wie er sagt. Deuschle ist überzeugt, dass die gute Betreuung im Alb-Fils-Klinikum und auch sein unbändiger Wille dazu beigetragen haben, wieder fit zu werden. Und er ist sich sicher, während des Komas, im Unterbewusstsein, Gespräche und Berührungen wahrgenommen zu haben.
Ein paar wenige Einschränkungen gibt es jedoch: „Ich darf nicht mehr Lastwagen fahren. Aber das konnte ich sehr gut akzeptieren.“ Sein Arbeitgeber, die Baufirma Leonhard Weiss, habe für ihn eine andere Aufgabe im Lagermanagement gefunden. Überhaupt ist Karlheinz Deuschle dem Unternehmen sehr dankbar. Er hatte erst am 1. Juli 2022 dort den neuen Job angetreten, zwei Wochen später brach er zusammen. Als er auf der Intensivstation wieder zu sich kam, sei die Sorge um den Arbeitsplatz groß gewesen: „Aber die Firma hat sofort den Druck vom Kessel genommen.“ Er konnte sich auf seine Genesung konzentrieren. Dazu gehörte auch das Einsetzen eines Defibrillators, eines kleinen Geräts, das zum Erkennen und Therapieren lebensbedrohlicher Herz-Rhythmus-Störungen dient, wie sie Deuschle hat. Nach 14 Tagen Intensivstation und weiteren Tagen auf der Normalstation standen auch eine dreiwöchige Reha und anschließend die Wiedereingliederung auf dem Programm. Am 1. Oktober hat Karlheinz Deuschle wieder die Arbeit aufgenommen, im Jahr 2023 machte er eine Ausbildung zum Ersthelfer.
„Es ging auch um die psychische Komponente“, sagt der Göppinger. In der Reha sprach er mit einem Psychologen und machte bei der Gruppentherapie mit, um das Erlebte aufzuarbeiten. „Viele andere Teilnehmer hatten unheimlich viel Angst“, erzählt er. „Eine post-intensivmedizinische Belastungsstörung“, erklärt der Arzt. Diese könne auch mit deutlicher Verzögerung auftreten, „bei manchen Menschen kann es Monate oder Jahre dauern, bis sie nach einem solchen Erlebnis wieder Fuß fassen“. Ein Intensivtagebuch helfe hier, die traumatische Erfahrung zu verarbeiten. „Das war für mich eine wunderbare Sache, ich konnte die Tränen beim Lesen nicht immer unterdrücken“, erinnert sich der 59-Jährige. Dass Patienten wie Deuschle heute wieder nahezu vollständig im Leben stehen, sei eher die Ausnahme, meint Rauch: „Das ist das beste Ergebnis, das man haben möchte.“
Und wie sieht das Leben des einstigen Intensiv-Patienten heute aus? „Mir geht’s gut. Ich habe nicht großartig was umgestellt in meinem Leben“, sagt der Göppinger, der vor dem Vorfall nie Probleme hatte. In diesem Jahr ist er beim Radsport-Event Alb Extrem mitgefahren (95 Kilometer und 1460 Höhenmeter), pro Jahr spult er mit dem Mountainbike 8000 bis 9000 Kilometer runter – „egal bei welchem Wetter“. Radeln ist sein großes Hobby, genauso wie die Handball-Profis von Frisch Auf Göppingen anzufeuern. In regelmäßigem Rhythmus stehen Kontrollen beim Arzt an. Karlheinz Deuschle vertraut auf seinen „Wächter“ in der Brust, den Defibrillator. Einmal habe das Gerät gute Dienste geleistet. „Es gab einen Knall, einen Schmerz. Ich war wohl kurz bewusstlos“, erzählt er. Der Defi brachte mit einem Stromstoß sein Herz schnell wieder in den richtigen Rhythmus: „Der Testlauf hat funktioniert. Super.“