Stuttgart - Nein, auch in diesem Herbst ist längst noch nicht alles normal. Zumindest die großen Feste fallen wieder aus: Es gibt keinen Wasen und keine Wiesn, und das bedeutet auch: keine Karussells, keine Loopings, keine Achterbahn. Aus die wilde Maus! Aber immerhin: Das Volksfest namens Fußball-Bundesliga wird nach und nach wieder eins. Zuschauer sind in Teilen erlaubt, und auch wenn das für alle Schausteller und Volksfestliebhaber ein schwacher Trost sein mag – der große Rummel Bundesliga bietet nach den ersten Spieltagen und mit Blick in den Herbst ein paar ungeahnte neue Attraktionen.
Denn die Liga begibt sich auf die Fahrt. Auf den Rängen, wo der Krach zurück ist. Und unten, auf dem Platz, wo viele Clubs es auf die wilde Tour versuchen. Wo sie ein bisschen Anarchie reinbringen. Wo sich das Wechselspiel mit den Zuschauern zu einigen emotionalen Achterbahnfahrten mit ungeahnten Wendungen während der Partien ausweitet.
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So etwas passierte etwa beim jüngsten Gastspiel des VfB Stuttgart bei Eintracht Frankfurt, bei dem es nach zähen ersten 75 Minuten plötzlich vogelwild wurde, bei dem das berüchtigte Frankfurter Publikum einen großen Teil zur emotionalen und hektischen Schlussphase beitrug (was sämtliche Beteiligte nach dem 1:1 am Ende so betonten).
Das vergangene Heimspiel des VfB gegen den SC Freiburg (2:3) war vorher zumindest in den ersten 45 Minuten ein ähnlicher Höllenritt der Emotionen – etwas Ähnliches wiederum passierte zuletzt auch beim nächsten VfB-Gegner Bayer Leverkusen, der sich beim 3:4 in seinem Heimspiel mit Borussia Dortmund eine Art Wettfahrt auf der Achterbahn lieferte und schwindelerregenden Fußball bot.
Fußball und Anti-Fußball
Viele Fesseln, das ist ein Eindruck, scheinen mit der Rückkehr der Fans gelöst zu sein auf dem Platz. Dass das aber längst noch nicht in jeder Partie so ist, liegt in der Natur der Sache. Und an Teams wie Greuther Fürth, dem FC Augsburg oder Hertha BSC, die Fußball qua mangelnder Qualität teils als Verhinderungssport ansehen müssen (Fürth) – oder es so wollen, weil die Übungsleiter offenbar nichts anderes vermitteln wollen (Augsburg mit dem Trainer Markus Weinzierl, Hertha mit dem Trainer Pal Dardai).
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Der allgemeine Trend aber geht zum Offensivgeist und zum Risiko – und diese streng subjektiven Eindrücke werden belegt durch objektive Fakten. So haben die Experten vom Institut für Spielanalyse in Potsdam nun herausgefunden, dass in dieser Saison im Vergleich zum gleichen Zeitraum der vorherigen nach vier Spieltagen weniger Tore nach Standards fielen und mehr aus dem Spiel heraus (neun mehr). Ebenso gab es insgesamt mehr Treffer nach Kontern (sechs mehr) und mehr Torschüsse insgesamt.
Der Überfall also hat im Gegensatz zu den statischen Standards eher Konjunktur – das Chaos ist aktuell, wenn man so will, ein fester Bestandteil des Spiels. So halten die Teams den Ball laut Statistik in dieser Saison im Schnitt nur noch 20 Minuten und 50 Sekunden kontrolliert in ihren Reihen. In der Vorsaison dauerte das pro Partie noch mehr als eine Minute länger. Ergo: Es gibt mehr unkontrollierte, spontane Ballaktionen der Profis und damit mehr Hektik auf dem Platz.
Mehr Risiko
Obendrein belegen die Experten der Spielanalyse in Potsdam, dass die Kugel in dieser Runde öfter direkt und steil nach vorne gepasst wird als im Vorjahr – und das öfter von den Heimmannschaften. Hier kommen nun die zurückgekehrten Zuschauer wieder ins Spiel, die ihre Teams (subjektiver Eindruck!) unten auf dem Platz mit ihren Anfeuerungen offenbar zum Risiko und zum schnellen Umschalten animieren – und die auch statistisch (objektiver Fakt!) ein Erfolgsfaktor sind: So gab es in der vergangenen Saison nach vier Spieltagen zwölf Heimsiege, in dieser Runde sind es bereits 17.
Auch Sven Mislintat, der Sportdirektor des VfB Stuttgart, hat den Trend in der Bundesliga zu mehr Action und zum Überfall erkannt – und hat dafür eine taktische Erklärung. „Dass während der ersten vier Spieltage häufig ein offener Schlagabtausch auf den Plätzen stattgefunden hat, liegt auch daran, dass sehr viele Mannschaften ein hohes Angriffspressing spielen“, sagt Mislintat – und ergänzt: „Wenn Teams sich aus diesen Drucksituationen befreien können, entstehen dahinter große Räume, die sie nutzen können. Das Spiel Leverkusen gegen Dortmund war dafür ein gutes Beispiel.“
Ein wilder Herbst?
Und weil zu den traditionell offensiv ausgerichteten Spitzenteams wie dem FC Bayern, dem BVB, Leverkusen und RB Leipzig nun auch weitere aggressive und risikofreudige Mannschaften wie etwa der 1. FC Köln unter dem Offensivverfechter Steffen Baumgart, der SC Freiburg unter dem Spielkulturverfechter Christian Streich oder auch der FSV Mainz unter dem ehemaligen Klopp-und Tuchel-Schüler Bo Svensson hinzukommen, zeichnet sich nach vier Spieltagen ein attraktives Bild der Bundesliga ab – mit der Aussicht auf einen wilden Herbst auf der fußballerischen Achterbahn.