Sportdirektor des VfB Stuttgart Sven Mislintat geht – und damit die letzte Figur des neuen VfB

Das war’s – Sven Mislintat wird seinen Vertrag beim VfB Stuttgart nicht verlängern. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Mit Sven Mislinats Abgang endet beim VfB Stuttgart eine Ära, die den Bundesligisten von anderen unterscheiden sollte. Nun ist der AG-Boss Alexander Wehrle gefordert, den Club aus seiner Starre zu befreien, meint unser Redakteur Carlos Ubina.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Jetzt herrscht also Klarheit: Sven Mislintat wird den VfB Stuttgart verlassen. Sofort – und mit dem Sportdirektor verschwindet beim Fußball-Bundesligisten die letzte Figur, die sich vor dreieinhalb Jahren auf den Weg gemacht hat, um eine neue VfB-Mannschaft zu bauen. Erst ging der ernüchterte Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger, dann folgte die Trennung von Cheftrainer Pellegrino Matarazzo und jetzt ist Mislintat weg. Zurück bleibt ein Club, der sportlich und finanziell ums Überleben kämpft, und auch ein Club, der an Identifikation verloren hat.

 

Der VfB entwickelt sich wieder zurück zu einem gewöhnlichen Erstligisten, der sich den Marktmechanismen unterwirft – und keiner weiß so recht, für was der Club in Zukunft stehen wird. Mislintat hatte anderes im Sinn und einen entsprechenden Masterplan entworfen. Dieser beruhte auf der Überzeugung, dass die junge Mannschaft ihre beste Zeit noch vor sich hat. Doch dem VfB ist einmal mehr die Gegenwart dazwischen gegrätscht. Abstiegskampf pur bedeutet das. Zum zweiten Mal nach dem Wiederaufstieg 2020.

Verlorenes Vertrauen

Nur eine erfolgreiche Saison gab es seither im Oberhaus – zu wenig für die Traditionalisten im Verein für Bewegungsspiele von 1893. Sie fordern mehr. Und in der Tat spricht die sportliche Bilanz nicht für Mislintat, seine Transferbilanz unter dem Strich aber schon. Allerdings kosteten die Spielerverkäufe das Team jedes Mal Substanz. Eine positive Entwicklung wurde so aufs Spiel gesetzt, zumal die Mittel und Möglichkeiten des VfB mittlerweile beschränkt sind.

Die Stuttgarter wollen zwar gerne wie der einst arme SC Freiburg sein, doch die Breisgauer haben den württembergischen Rivalen auf allen Ebenen überholt. Das zeigt sich auch in der strategischen Ausrichtung. An der Dreisam bestimmt seit Jahrzehnten personelle Kontinuität das Tun. Am Neckar wurde es versäumt, bereits im vergangenen Sommer zu entscheiden, wie es in der Sportdirektor-Frage weitergehen soll – ein Jahr vor Vertragsende.

Alexander Wehrle verschob die Verhandlungen immer wieder. Womöglich aus für ihn guten Gründen. Und zuletzt hat der Vorstandschef Mislintat einen Vertragsentwurf vorgelegt, der von dem eigenwilligen Westfalen nicht anzunehmen war. Denn Mislintat gibt es nur ganz oder gar nicht. Andererseits gingen Wehrle die Kompetenzen des Sportdirektors zu weit. An Mislintat vorbei hat er deshalb ein Modell mit seinen Beratern Sami Khedira und Philipp Lahm installiert, Christian Gentner soll schon bald als Leiter der Lizenzspieler nah am Team arbeiten.

Vertrauen hat dieses Vorgehen nicht geschaffen. Nach der Hängepartie samt Machtkämpfen und taktischen Manövern beim VfB ist es nun an Wehrle, den Verein für Bewegungslosigkeit, als der sich der VfB in den vergangenen Monaten präsentiert hat, aus seiner Starre zu befreien. Der AG-Boss braucht nun kein Vakuum, sondern schnell einen neuen Sportdirektor und womöglich einen neuen Trainer. Denn ansonsten muss sich Wehrle der Kritik stellen, auf die heraufbeschworene Situation schlecht vorbereitet gewesen zu sein – ein Punkt, der Mislintat nach der Trennung von Matarazzo vorgeworfen wurde.

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