Sportgymnastik Ein schmerzhafter Abschied

Die Beschwerden sind zu groß:  Lea  Tkaltschewitsch kann sich nicht mehr   mit der internationalen Konkurrenz messen. Foto:  
Die Beschwerden sind zu groß: Lea Tkaltschewitsch kann sich nicht mehr mit der internationalen Konkurrenz messen. Foto:  

Die neunfache deutsche Meisterin Lea Tkaltschewitsch, 18, muss ihre sportliche Karriere aus gesundheitlichen Gründen beenden.

Fellbach: Eva Herschmann (eha)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Schmiden - Lea Tkaltschewitsch blieb bei ihrer Verabschiedung am vergangenen Samstag in der Sporthalle in Schmiden äußerlich gelassen. Es war im Rahmen des Qualifikationsturniers für die ersten Weltmeisterschaften der Juniorinnen im Juli in Moskau schließlich nur der offizielle Vollzug dessen, was für die neunfache deutsche Meisterin in der Eliteklasse der Rhythmischen Sportgymnastik bereits seit geraumer Zeit Realität ist.

Die ersten Probleme traten im vergangenen Herbst auf

Diese Realität konnte die 18-Jährige allerdings erst akzeptieren, als der dritte Facharzt, ein Sportmediziner in München, die gleiche Diagnose stellte wie seine zwei Kollegen zuvor. „Wie die beiden anderen Ärzte meinte er, dass ich es mit dem Leistungssport besser bleiben lassen soll“, sagt Lea Tkaltschewitsch. Seitdem muss sie sich damit abfinden, dass es für sie keine Welt- und Europameisterschaften mehr geben wird. Und auch keine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio 2020, das war ihr ganz großer Traum.

Ursache für das frühe Aus der Sportgymnastin Lea Tkaltschewitsch von der TSG Neu-Isenburg, die 2013 in den Bundesstützpunkt nach Schmiden kam, sind zwei Gleitwirbel im Rücken. Gleitwirbel sind unnatürlich bewegliche Rückenwirbel, die ihre Position innerhalb der Wirbelsäule verlassen. Das kann unterschiedliche Symptome hervorrufen wie Schmerzen in Rücken und Beinen, dauerhaft oder nur bei bestimmten Bewegungen oder Körperhaltungen, Kribbeln, Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen.

Seitdem verbringt sie ihre Zeit statt in der Übungshalle in Schmiden beim Lernen für den Führerschein

Die ersten Probleme traten im vergangenen Herbst auf. Lea Tkaltschewitsch musste dann wegen der chronischen Beschwerden als Einzelgymnastin aufhören, wollte aber zumindest in der Nationalgruppe noch mitturnen. „Ich habe es versucht, einen Monat lang habe ich voll mittrainiert, doch die Schmerzen wurden immer schlimmer, es ging einfach nicht mehr“, sagt Lea Tkaltschewitsch. Seitdem verbringt sie ihre Zeit statt in der Übungshalle in Schmiden beim Lernen für den Führerschein oder für Klausuren an der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule in Stuttgart, einer Eliteschule des Sports, an der sie im nächsten Jahr das Fachabitur machen will. „Manchmal geh’ ich auch shoppen oder treffe mich mit Freunden.“ Das Mehr an Freizeit weiß Lea Tkaltschewitsch zu schätzen. Doch sie hat auch einiges verloren. Sie vermisst die Wettkämpfe, die Mädchen im Stützpunkt, etwa Noemi Peschel, mit der sie zwei Jahre lang für Deutschland zu internationalen Turnieren und Meisterschaften reiste.

Dass sie selbst keinen Leistungssport mehr machen kann, damit hat sich Lea Tkaltschewitsch abfinden müssen

Obwohl Lea Tkaltschewitsch im Kraftraum des Olympiastützpunkts in Stuttgart gezielt Übungen absolviert, die die Gleitwirbel in ihrer Position halten sollen, ist sie nicht beschwerdefrei. „Wenn ich in der Schule länger sitzen muss, aber auch beim Heben oder Staubsaugen, habe ich Schmerzen“, sagt Lea Tkaltschewitsch, die in Fellbach wohnt. Viel Hoffnung, dass es besser wird, machen ihr die Ärzte nicht. „Im Gegenteil, sie sagen, dass es später wahrscheinlich schlimmer wird.“ Dass sie selbst keinen Leistungssport mehr machen kann, damit hat sich Lea Tkaltschewitsch abfinden müssen, eine Rückkehr in die Trainingshalle ist dennoch nicht ausgeschlossen. „Im Moment brauche ich noch Abstand, um alles zu verarbeiten, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich bald beim Nachwuchstraining mithelfe.“

Die äußere Gelassenheit, die die 18-Jährige bei der offiziellen Verabschiedung durch Schmidens Stützpunktleiterin Kathrin Igel an den Tag gelegt hatte, hat sie ein Stück weit der Disziplin zu verdanken, die sie sich in den vielen Jahren als Sportgymnastin angeeignet hat. „Ich war schon traurig. Und es war gut, dass ich mich einige Zeit darauf vorbereiten konnte, sonst wäre es für mich noch viel schlimmer gewesen“, sagt Lea Tkaltschewitsch.




Unsere Empfehlung für Sie