Russland, die große Gymnastiknation, bleibt ohne Goldmedaille
Vor neun Jahren dominierten in der Hauptstadt Großbritanniens fast uneingeschränkt die Vertreterinnen aus Russland die Sportart. Jewgenija Kanajewa gewann Gold, ihre Landsfrau Darja Dmitrijewa holte Silber, und auch die russische Gruppe stand – zum vierten Mal in Folge bei Olympia – ganz oben auf dem Treppchen. Vier Jahre später bot sich in Rio de Janeiro das gleiche Bild. Die Gruppe siegte, und auch in den Einzelwettbewerben waren Gold und Silber in russischen Händen und hingen bei der Siegerehrung um die Hälse von Margarita Mamun und Jana Kudrjawzewa. „Russland nimmt in der Rhythmischen Sportgymnastik eine Ausnahmestellung ein, so wie die US-Amerikaner im Basketball oder der FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga“, sagt Camilla Pfeffer. Deshalb sei es schon überraschend, dass die große Gymnastiknation in Tokio in Sachen Goldmedaillen komplett leer ausgegangen ist. Für die 28-Jährige ist der Sieg der Bulgarinnen und der Israelin Linoy Ashram vor allem ein positives Signal für die übrige Gymnastikwelt. „Die Russinnen sind nicht unantastbar und unschlagbar, wenn man gut ist, wirklich gut ist, kann man sie schlagen.“
Die bulgarische Gruppe ist bei den Olympischen Spielen die beste
Die Siegerinnen in den olympischen Gymnastikwettbewerben hatte die Gruppentrainerin schon im Vorfeld auf dem Schirm. Die bulgarische Gruppe sei das ganze Jahr stark gewesen. Mit Ausnahme der Europameisterschaften in Varna, als sie nur auf dem fünften Platz landete – hinter den Teams aus Russland, Italien, Israel und Belarus, sagt Camilla Pfeffer. „Da habe sie sich komplett verturnt. Daheim war der Druck wohl zu groß. Aber in Tokio waren die Bulgarinnen klar besser als die russische Gruppe.“
Nicht so eindeutig, aber nachvollziehbar findet die Trainerin die Entscheidung im Mehrkampf in der Einzelkonkurrenz. Die Israelin Linoy Ashram gewann vor der russischen Topfavoritin Dina Averina, allerdings mit nur 0,15 Punkten Vorsprung nach Auftritten mit Reifen, Ball, Keulen und Band. Dina Averina habe schlecht begonnen, sich dann allerdings deutlich gesteigert. Dass die russische Delegation nach beinahe jeder Wertung für sie, aber auch für deren Zwillingsschwester Arina Averina, Einspruch einlegte, kann sie nachvollziehen. „Sie wollten die Goldmedaille mit aller Macht“, sagt Camilla Pfeffer, die ahnt, wie sehr die russische Gymnastikseele durch die Niederlagen verletzt wurde. Das eine oder andere Zehntel sei wegen der Proteste dann auch noch dazu gekommen. „Aber für mich gehen Wertungen und Platzierungen in Ordnung.“
Camilla Pfeffer denkt schon an die Sommerspiele 2024 in Paris
Der Trainerin der deutschen Gruppe gefielen vor allem auch die Choreografien der Goldmedaillengewinnerin aus Israel. „Sie waren viel, viel gefälliger und besser gebaut, als die von Dina Averina.“ Überhaupt seien die Präsentationen der Russinnen bei den Olympischen Spielen „schon sehr klassisch“ gewesen, erklärt die Trainerin der deutschen Gruppe. „Man könnte auch altbacken dazu sagen. So, als ob sie die Zeit ein bisschen verschlafen hätten.“ Sowohl bei Dina Averina als auch bei Arina Averina habe ihr das Feuer gefehlt. „Es schien fast so, als seien beide erschöpft“, sagt Camilla Pfeffer.
Die Teamtrainerin hat sich natürlich auch Gedanken darüber gemacht, wie die deutschen Mädchen, die sich bei den Europameisterschaften in Varna nicht für Olympia hatten qualifizieren können, bei einer Teilnahme ausgesehen hätten. „Es gab wenige Teams, die in Tokio fehlerfrei geblieben sind. Mit einer stabilen Leistung hätten wir uns also durchaus gut positionieren und wohl auch ganz gut mithalten können. Allerdings nur, wenn wir alles abgerufen hätten, was wir können“, sagt Camilla Pfeffer. Sie jedenfalls werde immer „total motiviert“, wenn sie den Wettkämpfen bei den Olympischen Spielen zuschaue, so die Trainerin. „Und ich habe das Gefühl, jetzt packen wir es an für die Olympischen Spiele 2024 in Paris.“