InterviewSportjournalist Arnd Zeigler Kretschmann, Klinsmann und ich

Arnd Zeigler nähert sich mit Sorgfalt dem Fußball an. Foto: WDR
Arnd Zeigler nähert sich mit Sorgfalt dem Fußball an. Foto: WDR

Der Journalist Arnd Zeigler moderiert die Veranstaltung „Kehrwoche in Kalifornien“ mit Winfried Kretschmann und Jürgen Klinsmann im Theaterhaus. Im Interview spricht Zeigler über Solidarität, Vereinshymnen und Claudio Pizarro.

Wochenendbeilage : Ingmar Volkmann (ivo)
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Stuttgart - Arnd Zeigler tanzt auf vielen Hochzeiten: Der Sportjournalist verantwortet mit „Zeiglers wunderbarer Welt des Fußballs“ eine sehr unterhaltsame Fußballsendung im TV, er macht Radio, ist Stadionsprecher von Werder Bremen und Moderator. In dieser Funktion führt er am 25. März durch die Veranstaltung „Kehrwoche in Kalifornien“, bei der Jürgen Klinsmann und Winfried Kretschmann im Stuttgarter Theaterhaus über die Mehrzahl von Heimat sprechen. Im Interview erklärt Zeigler, welche Funktion Kretschmann auf dem Spielfeld hätte und wieso Klinsmann nicht peruanisch genug ist.

Herr Zeigler, zunächst zum wirklich Wichtigen: Wieso spielt Werder in dieser Saison einen wunderschönen Fußball, steht aber nicht auf einem Champions-League-Platz?

Weil Fußball nicht immer gerecht ist. Die Saison ist aber noch lang. Davon abgesehen: In meinem Herzen stehen sie immer auf einem Champions-League-Platz. Das ist wichtiger als das flüchtige Tagesgeschehen.

Der 40-jährige Claudio Pizarro spielt dabei wie ein junger Gott. Sollte der VfB Stuttgart den nur unwesentlich äl­teren Jürgen Klinsmann im Abstiegskampf reaktivieren?

Einen Versuch wäre es wert. Ich fürchte aber, dafür ist Jürgen Klinsmann nicht ­peruanisch genug.

Was ist besser: Radio, Fernsehen oder live auf der Bühne moderieren?

Es ist die Kombination! Im Fernsehen darf ich über Fußball rumspinnen, im Radio darf ich meine Lieblingsplatten auflegen. Im Stadion darf ich Werder-Fan sein und mitgehen, und auf der Bühne habe ich nach all den Jahren sehr persönliche Begegnungen mit meinen Zuschauern. Das alles ­zusammen ist ein großes Geschenk. Mehr das Hobby zum Beruf machen geht nicht.

Zur Podiumsdiskussion mit den Herren Klinsmann und Kretschmann, die Sie moderieren werden: Welche Ihrer Eigenschaften als Stadionsprecher werden Sie bei dieser Elefantenrunde einsetzen können?

Kaum eine. Als Stadionsprecher lernst du zuerst: Sprich einfach, keine Feinheiten, Ironie nur vorsichtig anwenden. Bei unserem Gespräch hoffe ich dagegen, dass wir auch mal ausführlicher werden dürfen. Es soll ja kein Small Talk werden.

Und welche Position auf dem Platz würde Winfried Kretschmann am besten ausfüllen?

Ohne dass das despektierlich klingen soll: möglicherweise Schiedsrichter?

Welchen Bezug haben Sie zu Stuttgart?

Ich war bisher viel zu selten in Stuttgart. Vor wenigen Wochen hatte ich hier einen sehr schönen Auftritt im Rahmen meiner Tour. Und dann war ich bei ein paar Auswärtsspielen meiner Bremer in Stuttgart im Stadion, die gefühlt alle 4:4 ausgingen. Vor allem aber durfte ich 1993 hier die Meisterschaft meines Vereins miterleben.

Auf dem Podium mit Klinsmann und Kretsch­mann geht es auch um das Thema Heimat: Was verbinden Sie mit dem Begriff?

Das ist schwierig. Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen, zehn Kilometer vor Bremen, wo ich heute noch sehr gerne bin. Das ist immer hochsentimental, und dieser Ort namens Kirchweyhe ist wohl auch meine Heimat. Ich bin dann aber mit 18 nach Bremen gezogen und lebe seitdem in dieser wunderbaren, unaufgeregten Stadt, die man hier „Dorf mit Straßenbahn“ nennt. Wenn ich Heimweh habe, dann eher nach Bremen. Man kann offenbar zu mehreren Orten gehören.

Also kann man mehr als eine Heimat haben?

Klar! Heimat ist nicht gleich Herkunft. Man kann eine Verbundenheit zu mehreren Orten entwickelt haben, und man kann im schlimmsten Fall an ­Orten sicher sein, in denen man nicht zu Hause ist, während man in seiner Heimat bedroht ist. Jeder Mensch sollte ein Recht auf eine Heimat haben, in der er sich zu Hause und sicher fühlt.

Machen Sie sich Sorgen um die Demokratie?

Ich mache mir Sorgen um unsere Gesellschaft. Um schwindende Solidarität, mangelnde Empathie, eine Empörungskultur in den sozialen Medien und Gleichgültigkeit größeren Werten gegenüber.

Von der Politik zum Pop: Mit der Werder-Hymne von Jan Delay und der Hommage von Flo Mega an Abwehrspieler Jonny Otten spielt Werder popkulturell um die deutsche Meisterschaft. Sollten die beiden Lieder ­Extrapunkte in der Tabelle geben?

Wir sind sehr froh darüber, dass wir so eine Fülle kreativer Vereinssongs haben. Wenn man sich hinsetzt und über eine Vereinshymne nachdenkt, stößt man immer auf dieselben Probleme: Jeder Reim wurde gemacht, jedes lokale Klischee verballert. Bei Fußballsongs kann man das Rad nicht neu erfinden. Eigentlich. Bei diesen beiden Songs ist das aber beinahe gelungen.




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