Sportlehrer schlagen Alarm Bewegung als Statusfrage

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Kinder in der Stadt ohne Kontakte zu Vereinen laufen Gefahr, zu Bewegungsmuffeln zu werden. Die Schule kann das nicht ausgleichen, weil das Fach selbst ins Hintertreffen gerät, klagen die Sportlehrer.

Kinder aus sozial benachteiligten Familien könnten im Sport an den Rand gedrängt werden, befürchtet der Sportlehrerverband. Foto: dpa
Kinder aus sozial benachteiligten Familien könnten im Sport an den Rand gedrängt werden, befürchtet der Sportlehrerverband. Foto: dpa

Stuttgart - In den Städten wird Bewegung und gesunde Lebensweise zunehmend zu einer sozialen Frage, konstatiert Heinz Frommel. „Sozial schwache Kinder im städtischen Bereich bräuchten mehr Bewegung“, sagt der Vorsitzende des Sportlehrerverbands Baden-Württemberg. Kinder auf dem Land hätten schon aufgrund ihrer Umgebung mehr Möglichkeiten, Söhne und Töchter aus besser situierten Elternhäusern eher Zugang zu Vereinen und Sportclubs. Um so wichtiger wäre der Schulsport, finden die organisierten Sportlehrer.

Jede vierte Sportstunde fällt aus

Doch der Unterricht könne die Defizite nicht ausgleichen, weil das Fach selbst immer wieder ins Hintertreffen gerate. Der Philologenverband, die Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, hatte kürzlich beklagt, dass ein Viertel der Sportstunden nicht gehalten werden könne. Schlechter steht nur noch die Kunst mit Ausfällen von 31 Prozent da.

Das liegt natürlich in erster Linie an fehlenden Fachlehrern. Dem Fach fehlt aber die Wertschätzung, die es nach Meinung der Sportlehrer verdient hat. „Der Schulsport ist das Fach, in dem für die körperliche und geistige Entwicklung der Schüler am meisten geleistet wird“, hebt Frommel hervor. Als Beispiel führt er an, dass die Persönlichkeit entwickelt werde wenn man in Spielen lerne, nicht auszurasten. Umso empörter ist sein Verband, dass das Kultusministerium den Sportunterricht unberücksichtigt ließ, als es an einigen Gymnasien wieder neunjährige Züge einrichtete.

„Sport glatt vergessen“

„Man hat die dritte Sportstunde für die Klasse elf an G 9 glatt vergessen“, klagt Heinz Frommel. Das hat den Sportlehrerverband sofort auf den Plan gerufen. „Was einmal weg ist, kriegen wir nie mehr zurück“. Rechnet man die verwaltungstechnischen Größen Kontingentstundentafeln und Poolstunden durch, dann komme am Ende heraus, dass schon ab Klasse sieben nur noch zweistündig Sport erteilt werde. Und das, obwohl Grüne und SPD in ihrem Koalitionsvertrag ausdrücklich versprechen, sie wollten „die kulturellen und sportlichen Angebote an den Schulen ausbauen“.

Der Sportlehrerverband „protestiert aufs Äußerste gegen diese Benachteiligung des Faches Sport“ und fordert das Ministerium auf, „eine sofortige Korrektur vorzunehmen“. Durchgängig drei Stunden in den weiterführenden Schulen lautet seine Forderung. Das Ministerium rechnet ebenfalls. Die Stunden und die Stundentafeln seien „das Ergebnis eines schulischen Abstimmungsprozesses in den Gremien, an dem Lehrkräfte, Eltern und Schüler beteiligt waren“, führt ein Sprecher aus. Je nach Schwerpunkt könnten die G 9- Schulen 16 bis 18 Wochenstunden Sport über die Stundenpläne der neun Schuljahre verteilen. G 9-Schüler bekämen zwölf Stunden zusätzlich zum G8-Kontingent. Die sollten laut Kabinettsbeschluss zwar „insbesondere“ für Deutsch, Mathematik und die Fremdsprachen verwendet werden, es sei aber nicht ausgeschlossen, dass die Stunden auch für andere Fächer verplant werden könnten.

Angst vor „Billigmachern“

Auch was die Lehrer angeht, beobachtet der Sportlehrerverband Veränderungen, „denen sofort Einhalt geboten werden muss“. Die dritte Sportstunde werde „an einem Gymnasium in Nordwürttemberg“ nicht mehr von ausgebildeten Sportlehrern, sondern von Übungsleitern geleitet. So würden „Billigmacher“ an Schulen geschleust, die das System aufweichten.

Das hält die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW für einen Einzelfall. Doch sieht auch sie ein Problem darin, dass relativ viel Sportunterricht ausfällt. In den Fächerverbünden der Hauptschule komme das Fach häufig zu kurz. Ein wesentliches Problem ist, dass die Sportstunden nicht so einfach von anderen Lehrern vertreten werden können. In der Lehrerausbildung führe der Schulsport ein Schattendasein. Der qualifizierte Nachwuchs sei knapp, bedauert ein Sprecher der GEW: „Es gibt Fortbildungen für Klettern und Mountainbike, aber nicht zum allgemeinen Sportunterricht“. Der Sportlehrerverband zieht am gleichen Strang: „Im Kernsportbereich gibt es zu wenige Fortbildungen“, sagt Heinz Frommel.

Schwimmer auf dem Trockenen

Aber auch mit den Räumlichkeiten hapert es zunehmend. Besonders wenn es ans Schwimmen geht, sitzen viele Schulen auf de Trockenen. Zum Beispiel Bad Mergentheim. „Dort wird gerade das Schwimmbad renoviert. Dann fällt für die ganze Region über Monate der Schwimmunterricht aus“, klagt der Sportlehrerverband. Viele Grundschüler könnten wohl schon nicht mehr schwimmen. Das Ministerium bescheinigt dem Land zwar rein zahlenmäßig eine überdurchschnittlich Infrastruktur. 18 500 der 127 000 Sportstätten in Deutschland werden in Baden-Württemberg verortet. Doch sei „ein breiter Sanierungsbedarf nicht zu verkennen“. Die meisten Anlagen sind 30 bis 40 Jahre alt. Das Land will die Sanierung in den kommenden beiden Jahren mit jeweils zwölf Millionen Euro unterstützen. Aber auch mit dem Handstand oder sogar mit dem Rückwärtslaufen hapert es schon länger. Das Ministerium will besonders an den Grundschulen ansetzen. Seit drei Jahren könnten sich Grundschullehrer für den Fächerverbund „Bewegung, Spiel und Sport“ fortbilden. An den Ganztagsschulen werde besonderer Wert auf Bewegung gelegt. Dort werden aber häufig Ehrenamtliche eingesetzt.

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