Sportler-Protest Das Schweigen der iranischen Athleten hat ein Ende

Der kurdischstämmige Abwehrspieler Vouria Ghafouri (links) wurde während der Fußball-WM 2022 wegen seiner Kritik am Regime verhaftet. Foto: imago/GEPA pictures

Im Iran sind immer wieder Sportler festgenommen und hingerichtet worden. Dennoch erheben bei den aktuellen Protesten auch Boxer, Fußballer, Ringer ihre Stimme.

Der iranische Kraftsportler Mehdi Zatparvar präsentierte in sozialen Medien gern seine Muskeln und Trainingspläne. Aber zuletzt war ihm das offenbar nicht mehr so wichtig. „Wir wollen nur unsere Rechte“, schrieb der zweimalige Bodybuilding-Weltmeister in der vergangenen Woche auf Instagram. Und weiter: „Die Stimme, die seit vierzig Jahren unterdrückt wird, muss laut werden.“ Es war der letzte Post von Mehdi Zatparvar. Am Freitag ist der Sportwissenschaftler bei Protesten in der Stadt Rascht, im Nordwesten des Iran, erschossen worden. Er wurde 39 Jahre alt.

 

Die Massenproteste und Streiks, die sich seit dem 28. Dezember in der Islamischen Republik ausgebreitet haben, dauern an. Trotz einer tagelangen Internetsperre gibt es ernst zu nehmende Meldungen aus dem Land, wonach Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Menschen von den Sicherheitsorganen getötet wurden. „Auch Sportler nutzen ihre Reichweite und solidarisieren sich mit den Demonstrierenden“, sagt der deutsch-iranische Journalist Farid Ashrafian, der seit vielen Jahren den iranischen Sport beobachtet. „Das ist schon bemerkenswert, denn viele Sportler im Iran haben davor lange geschwiegen.“

Der Boxer Ali Habibi-Nejad rief im Netz zu Protestmärschen auf

Die Athleten bringen ihre Ablehnung unterschiedlich zum Ausdruck. Das iranische Futsal (Hallenfußball)-Nationalteam der Frauen sagte ein Trainingslager ab. Der Boxer Ali Habibi-Nejad rief im Netz zu Protestmärschen auf. Der Basketballer Saleh Foroutan postete auf Instagram folgende Botschaft: „Ihr haltet Gewehre in den Händen und zeigt keine Gnade, egal ob jung oder alt, und wir sollen glauben, dass ihr Nuklearenergie nur für friedliche Zwecke nutzen wollt?“ Auch mehrere Ringer aus dem iranischen Nationalteam veröffentlichten kritische Kommentare zu der aktuellen wirtschaftlichen Lage.

Der iranische Basketballer Saleh Foroutan postete auf Instagram: „Ihr haltet Gewehre in den Händen und zeigt keine Gnade, egal ob jung oder alt, und wir sollen glauben, dass ihr Nuklearenergie nur für friedliche Zwecke nutzen wollt?“ Foto: privat/Instagram

„Der Spitzensport im Iran ist eng mit den Revolutionsgarden verknüpft“, sagt Farid Ashrafian, der unter anderem für die Deutsche Welle arbeitet. „Athleten, die sich politisch äußern, stehen massiv unter Druck.“ Wie das aussehen kann, zeigte sich jetzt bei der U-23-Fußball-Asienmeisterschaft in Saudi-Arabien. Vor ihrem ersten Spiel gegen Südkorea in der vergangenen Woche hielten sich die iranischen Spieler in den Armen und verweigerten das Singen der Hymne. Vor ihrem zweiten Spiel gegen Usbekistan und ihrer dritten Partie gegen Libanon sangen sie dann die Hymne wieder.

Der Fußball steht in der Islamischen Republik besonders im Fokus. In einer gespaltenen Gesellschaft galt das iranische Nationalteam lange als ein Symbol, mit dem sich die unterschiedlichen politischen und konfessionellen Gruppen identifizieren konnten – im Inland und in der Diaspora. „Diesen Kredit haben die Nationalspieler verspielt, weil sie sich während der Proteste im Jahr 2022 nicht klar positioniert haben“, sagt Farid Ashrafian.

Nach dem gewaltsamen Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini entluden sich im September 2022 die am längsten andauernden Proteste seit der Islamischen Revolution 1979. Mehrere Hundert Menschen wurden getötet und rund 15 000 Personen festgenommen.

Bei der Fußball-WM in Katar protestierten iranische Exilanten für Freiheit

Zwei Monate nach Ausbruch der Proteste fand in Katar die Fußball-WM 2022 statt. Vor dem Turnier traf sich die iranische Auswahl mit dem damaligen Staatspräsidenten Ebrahim Raisi. Die Spieler verweigerten vor ihrem ersten WM-Spiel gegen England das Singen der Hymne, doch vielen Fans reichte das nicht. In den katarischen Stadien hielten Exilanten Plakate mit dem Protest-Slogan „Frauen, Leben, Freiheit“ hoch. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen regimetreuen und regimekritischen Zuschauern. Letztere bejubelten sogar die 0:1-Niederlage gegen die USA.

Einer der wenigen prominenten Fußballer, die sich klar gegen Polizeigewalt aussprachen, war der kurdischstämmige Abwehrspieler Vouria Ghafouri, der bis 2019 für das iranische Nationalteam gespielt hatte. Ghafouri, der offenbar wegen seiner regimekritischen Haltung nicht für die WM in Katar nominiert worden war, wurde während des Turniers im November 2022 im Iran verhaftet. Auch das konnte man als Einschüchterung gegenüber aktuellen Nationalspielern und ihren Familien interpretieren. Vouria Ghafouri wurde schließlich nach sechs Tagen auf Kaution wieder freigelassen.

Bei den gegenwärtigen Protesten erhebt er nun wieder seine Stimme. In sozialen Medien forderte er Geschäftsleute auf, ihre Firmen und Läden aus Solidarität mit den Streiks zu schließen. Unter den aktuellen Nationalspielern verbreiteten Alireza Jahanbakhsh und Sardar Azmoun Solidaritätsbotschaften mit den Protestierenden. Und der Fußballer Mehdi Taremi, der bei Olympiakos Piräus spielt, verzichtete in der griechischen Liga nach einem Tor auf den Jubel.

Besonders auffällig war die Stellungnahme von Heshmat Mohajerani. Unter dem langjährigen Trainer hatte Iran 1978 zum ersten Mal an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen. Heshmat Mohajerani, 86 Jahre alt, der sich politisch stets zurückhielt, formulierte es nun so: „Wir stehen an der Seite der Unterdrückten. Die Demonstranten sind keine Unruhestifter.“

„Einige Nationalspieler leisteten Wehrdienst bei den Revolutionsgarden“

Werden sich auch andere Persönlichkeiten zu Wort melden? Wegen der US-Sanktionen gegen die Islamische Republik haben der iranische Fußballverband und die Vereine Probleme auf der Suche nach internationalen Sponsoren und Spielern. Die WM, die für den Iran die mit Abstand wichtigste Bühne ist, findet im Sommer ausgerechnet in den USA statt. In der ersten Amtszeit von Donald Trump hatte die US-Regierung 2019 die Revolutionsgarden als Terrororganisation eingestuft. Davon ist auch der iranische Fußball betroffen, der unter Einfluss der Revolutionsgarden steht.

„Einige Nationalspieler haben ihren Wehrdienst bei den Revolutionsgarden geleistet“, sagt der Iran-Experte Farid Ashrafian. „Es ist möglich, dass sie zur WM nicht in die USA einreisen dürfen.“ Schon zur Auslosung der Vorrundengruppen im Dezember in Washington wurden etlichen Vertretern die Visa verweigert, darunter dem iranischen Verbandspräsidenten Mehdi Taj. Die Fifa will vermitteln – und der iranische Nationaltrainer Amir Ghalenoei ist bereits auf der Suche nach Alternativspielern. Sollten die USA jedoch, wie von Donald Trump angedroht, militärisch im Iran aktiv werden, ist es schwer vorstellbar, dass die iranische Mannschaft überhaupt bei der WM antritt.

Es dürfte erst in einigen Wochen oder Monaten, feststehen, wie viele Menschen im Iran getötet und verhaftet wurden. Bereits bei früheren Protesten wurden auch Sportler in Haft genommen – und hingerichtet, etwa der Ringer Navid Afkari im Jahr 2020 und der Karateka Mohammad Mehdi Karami 2023. Aktuell droht dem Boxer Mohammad Javad Vafaei Sani, verhaftet 2020, die Hinrichtung.

Sollte sich das Regime an der Macht halten, könnte dem iranischen Sport eine Repressionswelle bevorstehen. „Diese Unruhen werden bald ein Ende haben“, schrieb jetzt die staatliche Nachrichtenagentur FARS. „Aber die eigentliche Bewährungsprobe für die Funktionäre beginnt danach – wenn sie zeigen müssen, dass Aufrufe zum Chaos eine entschlossene Reaktion nach sich ziehen.“ Es klang nicht wie eine Nachricht, sondern wie eine Drohung.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Iran Sportler Protest WM2022