Sportphilosoph Gunter Gebauer über Sport und Politik „Autoritäre Staaten werden attraktive Bewerber bleiben“

Präsidenten unter sich: Fifa-Boss Gianni Infantino (links) und Kreml-Chef Wladimir Putin, dessen Land die vergangene Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtete. Foto: imago/ITAR-TASS/Alexei Nikolsky

China, Russland, Katar: Viele Gastgeber großer Sportveranstaltungen stehen wegen ihres Umgangs mit Menschenrechten in der Kritik. Der Sportphilosoph Gunter Gebauer erklärt, warum Sport gar nicht unpolitisch sein kann.

Sport: David Scheu (dsc)

Berlin - Im kommenden Jahr stehen mit den Olympischen Winterspielen in China und der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gleich zwei sportliche Großereignisse an. Beide Gastgeberländer werden wegen ihres Umgangs mit Menschenrechten und Minderheiten schon seit Längerem von vielen Seiten kritisiert.

 

Der Soziologe und Sportphilosoph Gunter Gebauer erklärt, warum politische Statements von Athleten auch während der Wettkämpfe erlaubt sein sollten – und weshalb autoritär regierte Staaten für Sportverbände dennoch attraktive Bewerber bleiben werden.

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Herr Gebauer, die olympische Charta untersagt politische Äußerungen im Rahmen der Wettkämpfe. Müsste diese Regel geändert werden?

Auf jeden Fall. Die Grundidee des Sports ist ja, dass man sich im Wettkampf unabhängig von der Herkunft oder Hautfarbe misst. Das ist in einem universalen Sinn politisch. Deshalb muss es natürlich auch erlaubt sein, bei Sportveranstaltungen für Menschenrechte und Gleichberechtigung einzutreten.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Der Protest von Tommie Smith und John Carlos gegen rassistische Diskriminierung bei Olympia 1968. Sie sind für Gleichbehandlung und Menschenwürde eingetreten. Dass sie im Anschluss aus dem US-Team ausgeschlossen wurden, war ein Unding. Sie hätten viel mehr Anerkennung verdient gehabt.

Neben Athleten wie Smith und Carlos nutzen aber auch Staaten immer wieder Sportveranstaltungen als politische Bühne.

Das liegt ein Stück weit in der Natur der Sache. Vor allem auf internationaler Ebene ist Sport meist stark mit nationalen Symbolen aufgeladen. Die Hymne wird gespielt, die Flagge gehisst, oft sind Staatschefs anwesend oder eröffnen sogar die Veranstaltung. Sport ist eine Projektionsfläche für die Nation. Ihre Mitglieder finden sich im emotionalen Mitfiebern zusammen.

Ist das positiv oder problematisch?

Das kann in beide Richtungen gehen. Wir müssen dafür gar nicht ins Ausland schauen. 1936 hat das Hitler-Regime die Olympischen Spiele als Bühne zur Inszenierung der nationalsozialistischen Ideologie und Überlegenheit genutzt. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat die deutsche Bevölkerung nationale Symbole dagegen in einem weltoffenen Sinn angenommen und ist ein Stück weit freier mit dem schuldbelasteten Verhältnis zum eigenen Land umgegangen.

Also hat Sport nicht nur in autokratischen Staaten eine politische Dimension?

Überhaupt nicht. Im Übrigen haben auch Demokratien schon Sportereignisse inszeniert. Bei Olympia 1932 in Los Angeles wurde ein westlicher Lebensstil propagiert, auch unter der Beteiligung Hollywoods. Und die Spiele in München 1972 sollten ganz bewusst das Bild Deutschlands in der Welt korrigieren und die Demokratie von ihrer weltoffenen Seite zeigen. Dabei hat man die Polizei so weit zurückgefahren, dass Terroristen die Spiele zerstören konnten.

Die kommenden beiden Olympischen Sommerspiele wurden an Frankreich und die USA vergeben. Erwarten Sie, dass der Trend hin zu demokratischen Staaten als Gastgeber anhält?

Da bin ich mir nicht sicher. Einerseits haben Menschenrechte gerade Konjunktur in den Medien. Andererseits werden autoritär regierte Staaten für internationale Sportverbände attraktive Bewerber bleiben, weil sie schnelle Entscheidungen ohne externe Kontrolle garantieren und oftmals viel Geld investieren. Ich glaube nicht, dass sportliche Großereignisse künftig ausschließlich in Demokratien stattfinden.

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