Sportpionierin Ulrike Heitmüller Der harte Kampf fürs Frauenboxen

Eine unermüdliche Kämpferin, auch fürs große Ganze: Ulrike Heitmüller vor 25 Jahren. Foto: Baumann

Wie Theologie-Studentin Ulrike Heitmüller vor 25 Jahren zu einer Pionierin ihrer Sportart wurde.

Stuttgart - Es ist nur ein kleines Büchlein, ein bisschen vergilbt, ansonsten gut erhalten. Doch zugleich ist es ein Dokument, in dem enorm viel drinsteckt. Erinnerungen, Engagement, Erfolge. Ein Stück Lebensgeschichte. Vor 25 Jahren, am 4. September 1995, wurde der Startpass von Ulrike Heitmüller ausgestellt. Ab diesem Tag war sie, endlich, offiziell anerkannte Amateurboxerin. Und am Ziel. Nach langem Kampf.

 

Ulrike Heitmüller, 53, ist eine Pionierin des deutschen Sports. Die Athletin vom VfK Germania 1890 Stuttgart setzte den Funktionären des damaligen Deutschen Amateur Box-Verbandes (DABV) so lange zu, bis sie nach hartem Ringen Wettkämpfe für Frauen erlaubten. Dabei hatte sie selbst keine Ambitionen, Medaillen oder Titel zu gewinnen. „Ich bin nie Spitzensportlerin gewesen“, sagt sie, „ich war eher eine politische Kämpferin.“ Dies aber mit vollem Einsatz.

Die Trainer kümmern sich nicht um die einzige Boxerin

Schon als Jugendliche fand Ulrike Heitmüller Gefallen daran, sich körperlich zu messen. Sie betrieb Karate und Kickboxen, nach einer Knieverletzung blieb ihr noch das Boxen. Mittlerweile studierte sie in Tübingen Theologie, und im Ring machte sie Erfahrungen, die sie berührt haben. Sie durfte zwar beim SV 03 Tübingen als einzige Frau mitmachen, die Trainer aber kümmerten sich nicht um sie. Außerhalb des Vereins traf sie sich mit Khaled El Kurdi, einem syrischen Flüchtling, der heute Box-Abteilungsleiter beim SV 03 Tübingen ist. Er trainierte mit Ulrike Heitmüller, förderte sie, weckte die Lust auf mehr: „Ich wollte wissen, was ich wirklich kann. Und ich wollte Wettkämpfe bestreiten.“

Dass diese verboten waren? Stachelte den Ehrgeiz von Heitmüller nur noch weiter an. Ursprünglich ging es ihr ums Boxen, nun auch um Gerechtigkeit. „Wenn man unter Feminismus versteht, dass Männer und Frauen die gleichen Chancen haben“, sagte sie damals, „dann bin ich eine Feministin.“

Mit solchen Aussagen konnten die kampferprobten Funktionäre, mit denen sie im Clinch lag, nicht viel anfangen. Einen ersten Antrag von Ulrike Heitmüller, Wettkämpfe von Amateurboxerinnen zu erlauben, lehnte der DABV-Hauptausschuss im Februar 1994 ab. Doch die Tübingerin gab nicht auf.

„Mit ziemlich viel Unfug konfrontiert“

Ulrike Heitmüller setzte taktisch clever ihre Stärken ein. Die eloquente Sportlerin holte die Medien in den Ring, ging in die Offensive. Sie startete Unterschriftenaktionen, schrieb mehr als 200 Leserbriefe, gab eine dreistellige Zahl an Interviews, war Stammgast in TV-Talkshows. Die Story von der attraktiven, boxenden Theologie-Studentin, die an ihre Mission glaubt, kam an. Und die Argumente ihrer Kontrahenten, Frauen hätten eine andere Psyche als Männer, weshalb Boxen für sie zu gefährlich sei, und außerdem könnten Schläge auf die weibliche Brust Krebs auslösen, waren auch nicht schwer zu widerlegen: „Ich bin damals mit ziemlich viel Unfug konfrontiert worden.“

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Doch Ulrike Heitmüller schlug nicht nur mit Worten zu. Die Einladung zum ersten Hamburger Frauensporttag im November 1994 nutzte sie zu einem inoffiziellen Schaukampf gegen Marion Einsiedel. Das Medieninteresse war riesig, am Ende lautete das übereinstimmende Urteil der Journalisten: „Sieger nach Punkten – das Frauenboxen.“

Der Sport spielte im Leben von Ulrike Heitmüller längst die Hauptrolle. Sie wechselte zu Conny Mittermeier nach Stuttgart, der die ambitionierte, aber mittellose Studentin gratis trainierte. Auch weil er von ihrer Persönlichkeit begeistert war. „Sie ist eine unermüdliche Kämpferin“, sagt er, „wichtiger als ihre eigene Leistung war ihr, dass ihr Sport endlich anerkannt wird.“

337 Ja-Stimmen fürs Frauenboxen

Und tatsächlich begann, parallel zum Aufstieg von Regina Halmich, die von Beginn an als Profi kämpfte und mit der es kaum Berührungspunkte gab, der Widerstand zu bröckeln. Auch bei Kurt Maurath, dem DABV-Chef aus Löffingen im Schwarzwald: „Wenn sich schon eine Theologie-Studentin hinstellt und sagt, Boxen sei ungefährlich, dann muss man das ja glauben.“

Im Mai 1995 gab der DABV-Kongress in Duisburg grünes Licht – mit 337 Ja- und 269 Nein-Stimmen. „Letztlich hat sich der Verband den Medien gebeugt“, sagt Ulrike Heitmüller, die sich damals enorm gefreut hat. Für alle Frauen. Für alle Amateurboxerinnen. Und natürlich auch für sich selbst: „Ich stand voll in der Öffentlichkeit und war stolz, etwas durchgesetzt zu haben, was mir wichtig war, zumal ich dabei auch noch viel Lebenserfahrung gewonnen habe.“

2021 werden Tokio erstmals deutsche Boxerinnen an einem Olympia-Turnier teilnehmen

Beruflich hat sich Heitmüller, gestützt auf ihre Medienerfahrung, danach umorientiert. Heute arbeitet sie in Berlin und Stuttgart, wo ihr Lebensgefährte wohnt, als freie Journalistin und Autorin, schreibt über Kriminalität und Randgruppen, Sicherheitsbehörden und Datenschutz, Christlichen Fundamentalismus und evangelikale Bewegung, Kirchen und Freikirchen. Unter anderem hat sie das Buch „Jagd auf die Rocker“ verfasst, gemeinsam mit dem Fotografen Lutz Schelhorn, dem Präsidenten der Stuttgarter Hells Angels. Außerdem ist sie Jurorin bei den Stuttgarter Kriminächten. Immer noch trainiert Heitmüller gelegentlich bei Conny Mittermeier, den Boxsport verfolgt sie weiterhin. Und wenn sie darüber spricht, dass 2021 in Tokio erstmals deutsche Boxerinnen an einem Olympia-Turnier teilnehmen werden, sagt sie: „Mein Einsatz hat sich gelohnt.“

Im Startpass von Ulrike Heitmüller stehen übrigens nur zwei Kämpfe. Einer im Oktober 1996 gegen Sabine Kowalczyk, einer im Mai 1997 gegen Heidi Fischer. Beide gewann sie – doch ihren größten Sieg hat die Boxerin nicht im Ring errungen.

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