Sportpolitik in Fellbach Zwei Seiten der Medaille: Landespolitiker über klamme Kassen und marode Hallen
Trotz hoher Landesmittel für den Sport bleibt vieles marode. Landtagskandidaten im Kreis Waiblingen diskutieren, wie es weitergehen soll.
Trotz hoher Landesmittel für den Sport bleibt vieles marode. Landtagskandidaten im Kreis Waiblingen diskutieren, wie es weitergehen soll.
Sport ist mehr als Bewegung und Wettstreit und seine gesellschaftliche Bedeutung über alle Parteigrenzen anerkannt. Statt zu attackieren, spielten sich Siegfried Lorek (CDU), Swantje Sperling (Die Grünen), Roman Bondarew (Die Linke), Bettina Süßmilch (SPD), Jürgen Braun (AfD) und Julia Goll (FDP) am Mittwoch im Restaurant Stadio im Fellbacher Stadtteil Schmiden in nahezu mannschaftlicher Geschlossenheit die Bälle zu.
Marode Sporthallen, Schwimmbäder und Vereinsanlagen in Zeiten klammer kommunaler Kassen fordern Sport und Politik heraus. Der SV Fellbach, der TSV Schmiden und der TV Oeffingen hatten deshalb am Mittwoch Landtagskandidatinnen und -kandidaten des Wahlkreises Waiblingen zum „Dialog mit dem Sport“ eingeladen. Als Moderator und Interviewer fungierte Reinhold Sczuka. Der Präsident des Sportkreises Rems-Murr und Bürgermeister von Althütte kennt beide Seiten der Medaille. Die drei Fellbacher Vereine stünden für 13 000 Mitglieder und Multiplikatoren, unterstrich Sczuka mit Blick auf die Landtagswahlen im März die Bedeutung der sportpolitischen Begegnung.
In der Aufwärmrunde erfuhren die rund 40 Zuhörenden, darunter viele ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter der drei gastgebenden Vereine, mehr über die sportlichen Vorlieben der Podiumsteilnehmer. Dass Swantje Sperling im Hundesport eine nicht nur lokale Größe ist, Jürgen Braun früher Handballtorwart war, und die fünffache Mutter Julia Goll den „Modernen Familienfünfkampf“ beherrscht. Oder, dass Siegfried Lorek bereits ein sportliches Erfolgserlebnis in Fellbach hatte. „Ich bin seit Kurzem Mitglied bei den Locken, und die haben am Neujahrstag im Besenhockey die Glatzen besiegt.“
Weniger erfreulich ist der Zustand vieler Sportstätten. Jürgen Braun fordert, die Vorschriften bei Bau und Erhalt zu erleichtern und für dringend notwendige Investitionen in den öffentlichen Haushalten auf allen Ebenen beim Personal einzusparen. „Ob es um einen Kunstrasenplatz für junge Fußballer oder um fehlende Hallenkapazitäten geht, da muss Geld umgeschichtet werden, anders geht es nicht.“
Swantje Sperling, die kommunalpolitische Sprecherin der Grünen, erklärte, Sportstätten seien Teil der sozialen Infrastruktur, die es auch in schwierigen Zeiten zu halten gelte. 2025 und 2026 habe das Land über die kommunale Sportstättenförderung 25,5 Millionen Euro eingestellt. Im Solidarpakt Sport IV mit Schwerpunkten unter anderem auf Sportschulen, Kooperationen Schule/Verein, Schwimmfähigkeit speziell für Kinder, Leistungssport, Vereinsförderung und Sportstättenbau, der noch bis 2026 laufe, steckten 130 Millionen Euro, und 40 Millionen Euro seien zusätzlich bewilligt worden, so die Landtagsabgeordnete. „Im Nachtragshaushalt sind auch noch 160 Millionen für den Sport drin. Die Zahlen zeigen, dass es Mittel gibt, die das Land investiert hat. Aber Fakt ist auch, wir müssen sparen.“
Der Solidarpakt müsse auf alle Fälle verlängert werden, sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Siegfried Lorek. „Wir müssen die Kommunen so ausstatten, dass sie ihre Sanierungsaufgaben wahrnehmen können.“ 59 Prozent der Kommunen hätten generell Probleme mit Sportflächen, und bei Wasserflächen seien es noch mehr. Deshalb habe man aus dem Sondervermögen, das eigentlich Schulden des Bundes seien, zwei Drittel an die Kommunen weitergereicht. „Für Fellbach sind das etwa 25 Millionen Euro.“
Bei 1101 Städten und Gemeinden im Land bleibe trotzdem für die einzelne Kommune nicht viel übrig, erklärte Julia Goll von der FDP. Noch mehr Förderprogramme seien aber keine Lösung. „Wir müssen die Finanzierung unserer Kommunen grundlegend ändern.“ Mit einer Sanierungsoffensive will derweil die SPD-Kandidatin Bettina Süßmilch dem Sanierungsstau begegnen und eine „gemeinsame Nutzung der Sportstätten durch Schulen und Vereine“ forcieren.
Bei der Verteilung der Mittel wollte niemand den Breitensport gegen den Leistungssport ausspielen. Der Spitzensport sei ein immenser wirtschaftlicher Faktor, schaffe Vorbilder und Identifikation, lautete die einhellige Meinung. Für Swantje Sperling besitzt der Breitensport aber eine „Querschnittsaufgabe“ für Gesundheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Teilhabe. Roman Bondarew, der Kandidat der Partei Die Linke, wagte sich ein wenig mehr aus der Deckung. „Wenn wir nur begrenzte Kapazitäten haben, und es um die Entscheidung geht, Sportstätten für den Breitensport oder explizit den Spitzensport zu fördern, priorisieren wir den Breitensport.“
Bettina Süßmilch betonte den hohen Stellenwert von Breitensport für Zusammenhalt, Inklusion und Integration, wollte aber keine Rangliste aufstellen. Julia Goll sah die Tugenden und Werte wie Teamgeist, Fairplay und Vielfalt, die der Sport in jedem Fall vermittle, und wünschte sich eine „passgenauere Förderung“ beider Bereiche.
Mit mehr als 46 Prozent der Baden-Württemberger, die ehrenamtlich tätig sind, steht das Land überdurchschnittlich gut da. Mehr Anerkennungskultur, eine weitere Erhöhung der Übungsleiterpauschale, die derzeit bei 3300 Euro im Jahr liegt, sowie Vereinfachungen und Abbau von Bürokratie seien aber nötig, um die Bereitschaft zum Ehrenamt zu erhalten, so die Kandidatinnen und Kandidaten unisono. „Und auch der gemeinsame Spaß im Verein ist wichtig“, sagte Swantje Sperling.