Sportpolitik Wie (un)politisch darf Fußball sein?

Von Ewald Walker 

Der Mord durch das argentinische Militär an der Tübingerin Elisabeth Käsemann im Vorfeld der WM 1978 in Argentinien wird in der ARD neu aufgerollt. Was hätte der DFB bewirken können?

Was geschah mit Elisabeth K.? In Argentinien kam die Tübingerin ums Leben. Foto: ARD
Was geschah mit Elisabeth K.? In Argentinien kam die Tübingerin ums Leben. Foto: ARD

Stuttgart - In der Nacht zum 24. Mai 1977 sind in Monte Gordo, einem kleinen Ort in der Provinz Buenos Aires, Gewehrsalven zu hören. Am anderen Morgen gibt das argentinische Militär bekannt, dass 16 Terroristen getötet wurden. Unter den Toten: Elisabeth Käsemann, 30, Tochter des Tübinger Theologen Ernst Käsemann.

Die ARD zeigt am Donnerstag den Film „Das Mädchen – was geschah mit Elisabeth K.?“ Es ist ein Film, der nicht nur die deprimierende Geschichte der deutschen Studentin erzählt, sondern auch die verpassten Chancen von Politik und Sport, ein Menschenleben zu retten, anprangert. „Weder der Deutsche Fußball Bund (DFB) noch die deutsche Außenpolitik haben die Möglichkeit begriffen, die Öffentlichkeit zu binden und das Länderspiel Argentinien gegen Deutschland als Druckmittel gegen die Militärdiktatur einzusetzen“, so erhebt der Filmautor Eric Friedler (Grimme-Preisträger 2014) massive Vorwürfe. Im Film äußern sich mit Paul Breitner, Sepp Maier und Karl-Heinz Rummenigge erstmals auch drei betroffene Nationalspieler aus der damaligen Zeit zu den Ereignissen.

Die Ausstrahlung des Films erfolgt auf den Tag genau 37 Jahre nach dem Vorbereitungsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien in Buenos Aires am 5. Juni 1977. Das Spiel hat für den WM-Gastgeber von 1978 höchste Bedeutung. Die argentinischen Diktatoren wollen der Welt damit die Sicherheit des Landes vor der bevorstehenden WM vorführen.

Gefoltert im Gefängnis „El Vesubio“

Elisabeth Käsemann war im März 1977 festgenommen und verschleppt worden. Sie landete im berüchtigten Foltergefängnis „El Vesubio“, wo sie schwer gefoltert wird, wie dies im Film vom inhaftierten ehemaligen Aufseher Roberto Zeolitti detailliert geschildert wird. Genau zu dieser Zeit bereitet sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf ein Freundschaftsspiel in der argentinischen Hauptstadt vor.

Vater Ernst Käsemann interveniert mehrfach vergeblich bei der deutschen Botschaft in Buenos Aires und im Auswärtigen Amt in Bonn. Weil es anderen Nationen durch diplomatischen Druck gelungen war, ihre Landsleute freizupressen, erhebt er später schwere Vorwürfe. Ein verkaufter Mercedes wiege mehr als ein Menschenleben, stellt Käsemann verbittert fest. Er zahlt ein Schmiergeld um seine Tochter nach Deutschland überführen und in Tübingen-Lustnau beerdigen zu können. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung an der Uni Tübingen ergibt: Elisabeth Käsemann ist aus kurzer Entfernung von hinten mit vier Schüssen in Rücken und Genick hingerichtet worden.

Dass das Fußballspiel und die bevorstehende WM ein potentes Druckmittel gegen die Militärregierung gewesen wäre, ist einer der Vorwürfe gegen den DFB. Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge und Sepp Maier stützen diese Anschuldigungen mit ihren Aussagen. Der DFB habe ihnen die Situation um Käsemann vorenthalten. Sie sind überzeugt, dass Käsemann hätte gerettet werden können. „Der DFB hat nicht einmal ausgelotet, ob es eine Möglichkeit der Verhandlung gegeben hätte“, kritisiert jetzt Paul Breitner, „wenn man da nicht empört sein soll, wann dann?“

Ein Tag nach dem Länderspiel

Am 25. Mai 1977 war Elisabeth Käsemann ermordet worden. Insgesamt wurden in Argentinien zwischen 1976 und 1983 mehr als 30 000 Menschen umgebracht. Weder das Auswärtige Amt noch der DFB haben sich bis heute ihrer Verantwortung gestellt. Einen Tag nach dem Länderspiel wurde Elisabeth Käsemanns Tod bekanntgegeben.

„Es ist ein Skandal für mich, dass der DFB die deutsche Nationalmannschaft ohne jeden Protest am 5. Juni hat auflaufen lassen, obwohl man intern – auch beim Verband – bereits vom Tod der deutschen Studentin wusste“, kritisiert der Filmemacher Friedler und fragt, warum die Nachricht von der Ermordung von allen verantwortlichen Stellen bewusst bis nach dem Spiel zurückgehalten wurde. „Wenn wir da mit der Nationalmannschaft, dem DFB und der Politik gemeinsam Druck gemacht hätten, wäre es möglich gewesen, diese Frau zu befreien“, beklagt jetzt auch Karl-Heinz Rummenigge die Untätigkeit der Verbände DFB und Fifa.

Dagegen wurde damals die Argentinienreise als Riesenerfolg gefeiert. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger sah keine Veranlassung, sich für politische Häftlinge einzusetzen. „Wir sollten uns von der Politik nicht zu viel in den Sport reinredenlassen“, sagte Neuberger damals in einem TV-Interview.

Breitner fordert Entschuldigung

Im Jahr 2011 wurden zwei Militärs wegen der Ermordung an Elisabeth Käsemann zu lebenslanger beziehungsweise über 20-jähriger Freiheitsstrafe verurteilt. „Ach, das Mädchen Käsemann“ winkte der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf die Bitte des Bruders der ermordeten Deutschen nach erneuter Nachfrage in Argentinien ab. Die Schlusseinstellung des Films, der beim SWR in Käsemanns Heimatstadt Tübingen vorgestellt wurde, mit einem leeren Stuhl und einer Kamera davor, ist Symbol für die Beklemmung, die der Film auslöst. Sie wirft zudem die Frage auf: wie (un)politisch darf der Fußball sein?

Die Reduktion der Ereignisse in Argentinien vor und während der WM auf musikalische Begleittöne („Buenos Dias Argentina“) mit der deutschen Nationalmannschaft und dem Sänger Udo Jürgens und einem darin besungenen „Band der Harmonie“ wird der Verantwortung des DFB nicht gerecht. Viel angemessener ist da Paul Breitners Einschätzung: „Es wäre ein Akt der Größe, jetzt zu sagen, wir haben da als DFB versagt, wir haben Schuld auf uns geladen“.