Sportvereine in Not Wie viel erträgt die Solidargemeinschaft?

Von Gregor Preiß 

Wegen den Sport-Stopps in Folge der Corona-Pandemie fürchten viele Vereine im Land um ihre Existenz. Der Ruf nach Finanzhilfen wird laut, doch es gibt auch kreative Ansätze wie das Beispiel MTV Stuttgart zeigt.

Sportliches Stillleben: Turnhallen und Sportplätze sind wegen der Ausbreitung des Coronavirus gesperrt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 9 Bilder
Sportliches Stillleben: Turnhallen und Sportplätze sind wegen der Ausbreitung des Coronavirus gesperrt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Karsten Ewald hat den Verein komplett „auf null gefahren“, wie er sagt. Kinderschwimmkurse, Wirbelsäulengymnastik, Fußballtraining – auch beim MTV Stuttgart geht seit Tagen nichts mehr. Was für viele der 9150 Mitglieder in Stuttgarts größtem Breitensportverein eine Enttäuschung bedeutet, stellt die Verantwortlichen vor ein echtes Problem. Strukturell, organisatorisch, aber vor allem: finanziell.

Geschäftsführer Ewald macht die Rechnung auf: Die Einnahmen aus dem MTV-eigenen Fitnessstudio – rund 58 000 Euro im Monat – decken ein Drittel der gesamten Personalausgaben des Vereins. Bezahlt werden müssen 48 Festangestellte, 70 Minijobber und über hundert freiberufliche Trainer und Betreuer. Das Fitnessstudio mit seinen 1350 Mitgliedern bildet die größte Einnahmequelle, mit dem Geld werden viele Angebote speziell für Kinder quersubventioniert. Von den bereits eingezogenen Beiträgen kamen bisher keine Rückforderungen seitens der Mitglieder, doch das kann sich bald ändern. „Wir erwarten eine größere Welle“, sagt Ewald. „Dann wird es eng.“

Die Angst vor der Gebühren-Rückerstattung

Der MTV steht mit diesen Sorgen nicht alleine da. Auch andernorts drohen Vereinen unabsehbare finanzielle Folgen durch Mitglieder, die auf Rückerstattung ihrer Gebühren für Aerobic-Kurse, Kindersportschulen oder Fitnessstudios pochen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie durch die Corona-Krise selbst finanzielle Einbußen in Kauf nehmen müssen. Reine Vereinsbeiträge hingegen sind nicht rückerstattungsfähig. „Derzeit ist noch nicht absehbar, ob es sich nur um eine Momentaufnahme handelt oder ob es sich zu einem Flächenbrand auswächst“, sagt die Präsidentin des Landessportverbandes (LSV), Elvira Menzer-Haasis. Stuttgarts Sportbürgermeister Martin Schairer sendete deshalb bereits den dringenden Appell an alle organisierten Sportler: „Sehen sie von Rückforderungen ab. Unsere Solidarität ist jetzt gefragt.“ Andernfalls fürchtet nicht nur er das große Vereinssterben.

Knapp 3,8 Millionen Mitglieder zählten die über 11 000 Sportvereine in Baden-Württemberg nach Angaben des LSV zuletzt. Die meisten von ihnen sind im Turnen und Fußball aktiv. Menzer-Haasis blickt vor allem auf die größeren Vereine mit ihren vielfältigen Angeboten mit Sorge. Die kleineren, glaubt sie, könnten aufgrund ihrer ehrenamtlichen Strukturen der Krise flexibler begegnen.

Notfall-Fond für den Breitensport?

Ob groß oder klein – die Budgets sind meist auf Kante genäht. Größere Ansparungen sind nicht vorhanden, da sonst die Gemeinnützigkeit flöten geht. So werden die Vereinskassen vielerorts mit Sommerfesten und Hocketsen gefüllt – die in diesem Jahr wohl wegfallen werden. „Ich befürchte, dass Vereine in Schieflage geraten können“, sagt Menzer-Haasis. Sie erinnert an den Verein als „hohes Kulturgut“ und nimmt die Politik in die Pflicht. Auch Andreas Felchle vom Württembergischen Landessportbund (WLSB) fordert: „Wir brauchen zügig einen Notfallfonds, mit dem wir die Folgen für den Breitensport abfedern können.“

MTV-Chef Ewald denkt schon jetzt über Kurzarbeit ab April nach. Über 180 Kurse, insgesamt etwa 1300 Wochenstunden, sind von heute auf morgen entfallen. Was also tun? Am Stuttgarter Kräherwald haben sie kreative Alternativen ersonnen. Die Fitnesstrainer haben Videoclips für das Heimtraining zusammengestellt, andere Abteilungen haben sich bereit erklärt, für Ältere Einkäufe zu erledigen, aus den Vorräten der MTV-Gaststätte werden kostenfrei einfache Gerichte geliefert. Nicht zuletzt hat der MTV eine „Trost-Hotline“ eingerichtet. „Viele wollen einfach nur reden und sind darüber unglaublich dankbar“, berichtet Ewald, der in den wenigen Tagen der Krise eines gelernt hat: „Nur jammern und betteln hilft nichts. Wir müssen uns als Verein auch selbst helfen.“

„Was hält eine Solidargemeinschaft aus?“

Denn auch er weiß: Beim Geld hört bei vielen die Freundschaft auf. Weshalb sie beim MTV darüber nachdenken, ihren Mitgliedern insoweit entgegenzukommen, Zusatzbeiträge etwa fürs Fitnessstudio als Spende zu deklarieren. Karsten Ewald ist selbst gespannt, wie die Leute in dieser Ausnahmesituation reagieren. „Das ist ein Gradmesser für Vereinsidentifikation“, sagt der langjährige Geschäftsführer. Die große Frage für ihn lautet: „Was hält eine Solidargemeinschaft aus?“

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