Sportvereine in Stuttgart: Energiekrise Angst vor „kaltem Lockdown“

Gehen im Sport bald die Lichter aus? Viele Vereine ächzen unter den hohen Energiekosten. Foto: Avanti/Ralf Poller

Die Energiekrise als Existenzbedrohung: Auch hiesige Sportvereine zählen zu den fast 600 Unterzeichnern eines offenen Briefes an die Landesregierung.

Gehen in den Sporthallen bald die Lichter aus? Können in den Schwimmbädern mangels Wasser nur noch Trockenübungen gemacht werden? Schließen die Fitnessstudios ihre Türen? Szenarien, die den Sportfan schaudern lassen, die aber durchaus denkbar sind. Denn die Energiekrise trifft auch den organisierten Sport. Dessen Situation spitzt sich zu. Konkrete Unterstützungsmaßnahmen sind durch die Politik noch nicht in Sicht.

 

Aus diesem Grund haben jüngst knapp 600 Sportvereine aus Baden-Württemberg – darunter der tus Stuttgart, die SportKultur Stuttgart, der MTV Stuttgart, die Sportvg Feuerbach und der TSV Bernhausen – in einer mit den drei baden-württembergischen Sportbünden abgestimmten Aktion einen offenen Brief der SV Böblingen mitgezeichnet. Initiator ist deren Geschäftsführer Harald Link.

Der Sport scheint nur schwer Gehör zu finden

In dem Brief fordern die Vereine, dass sie schnellstmöglich staatliche Unterstützung erhalten. Andernfalls drohe ein „kalter Lockdown“, sprich: eine erhebliche Einschränkung der Sportangebote oder die Schließung gleich ganzer Hallen und Sportzentren. Auch müsse die Politik Maßnahmen ergreifen, um die Energiepreise wieder auf ein bezahlbares Niveau zu bringen. Wie schon in der Coronakrise scheint der organisierte Sport, der größte nicht-staatliche Akteur in der Kinder- und Jugendarbeit, mit seinen großen Problemen nur schwer Gehör zu finden. „Dabei stapeln sich bei den Vereinen inzwischen die Krisen“, sagt Benjamin Haar, der Geschäftsführer der Sportvg Feuerbach.

Eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge schiedet aus

Konkret geht es um eine Vervielfachung der Kosten für Strom und Gas, was besonders die großen Vereine mit eigenen Hallen, Sportzentren oder Bädern vor die Frage stellt, wie sie die explodierenden Preise bezahlen sollen. Eine massive Erhöhung der Mitgliedsbeiträge scheidet nach einhelliger Meinung aus, da das dem sozialen Auftrag widerspreche. „Damit würde man eher die Mitglieder vergraulen. Zudem soll der Sport für alle leistbar sein“, sagt Thomas Frey, der Vorsitzende des tus Stuttgart.

Die Sauna im Fitnessstudio des tus Stuttgart ist Luxus

Im vergangenen Jahr hat der Verein aus Degerloch, der mehr als 4000 Mitglieder hat, 78 000 Euro für Gas ausgegeben. „Im ersten Halbjahr 2022 waren es schon 170 000 Euro“, sagt Frey. Gehe es so weiter, werde Ende des Jahres eine Kostensteigerung von 400 Prozent zu Buche stehen. „Wir sind bedient“, sagt Frey, der seinen Verein mit einem mittelständischen Unternehmen gleichsetzt. Die Energieanbieter haben die Verträge mit dem tus inzwischen gekündigt, die Suche nach neuen Vertragspartnern gestaltet sich schwierig. Um Kosten zu sparen, soll nun die Sauna im vereinseigenen Fitnessstudio geschlossen werden. „Das ist purer Luxus, außerdem ist die Auslastung nicht sehr hoch“, sagt Frey. Überdies soll die Lichtsteuerung durch Bewegungsmelder in den Gebäuden optimiert werden. „Wir hoffen, dass die Politik die Probleme der Vereine wahrnimmt. Wir können nur mit den Mitgliedsbeiträgen wirtschaften. Mehr geht nicht“, sagt Frey.

Schlaflose Nächste beim Gedanken an die nächsten Vertragsgespräche

Beim MTV Stuttgart mit mehr als 8700 Mitgliedern bewahrt man derzeit noch die Ruhe. „Unsere Energieverträge laufen noch“, sagt Peter Kolb, der Geschäftsführer Technische Betriebe. Allerdings habe er „jetzt schon schlaflose Nächte, wenn ich an die nächsten Gespräche mit den Energieversorgern denke“. Zuletzt haben sich die eigenen Energiekosten im Jahr auf 200 000 Euro belaufen. „Vereine mit vielen Kindern und Wettkampfsportlern brauchen Entlastungskonzepte“, sagt Kolb. Müsste man die kostenintensiven Wettkampfangebote vor allem im Kinder- und Jugendbereich zurückfahren, wäre das aus seiner Sicht „ganz bitter, ja ein Gau“.

Ein Glück: die veraltete Öltechnik

Auch bei der SportKultur Stuttgart ist der Aufschrei fürs Erste nicht ganz so groß. Die Stromverträge laufen noch, überdies hat der 2800 Mitglieder starke Verein in seinen Gebäuden noch eine veraltete Öltechnik. Zwar hat sich auch der Ölpreis verdoppelt, „aber natürlich längst nicht so dramatisch“, sagt der Vorsitzende Ulrich Strobel. Für Kurse, die nicht in der eigenen kleinen Turnhalle stattfinden, hat der Klub Privaträume zu einem Festpreis angemietet oder er nutzt städtische Hallen. „Schlimm wäre es für uns nur, wenn die Stadt die Hallen schließen würde, weil sie diese nicht mehr heizen will“, sagt Strobel. Ein Szenario, an das er allerdings nicht glaubt. Schon in der Pandemie sei der Verein dank der Hilfen von Stadt und Bund gut durch die Zeit gekommen. „Deshalb denken wir jetzt auch positiv“, sagt Strobel.

In Filderstadt zahlt die Stadt

Ganz gelassen ist man derweil beim TSV Bernhausen. Der Filder-Verein mit 2300 Mitgliedern hat keine eigenen Immobilien, die Energiekosten in den genutzten Sporthallen zahlt die Stadt Filderstadt. Und die Befürchtung, dass die Stadt bald den Riegel vorschieben wird, ist gering. Dass die Bernhausener, obwohl von der Energiekrise nicht direkt betroffen, den offenen Brief dennoch mitgezeichnet haben, hatte eine andere Intention. „Wir wollen, dass das Land die Kommunen unterstützt, die ja genauso unter den Energiekosten ihrer Einrichtungen ächzen“, sagt der TSV-Vorsitzende Jochen Köker.

TSV Musberg: in komfortabler Position

Auch der TSV Leinfelden ist von der Krise nicht dramatisch betroffen, wie der Vorsitzende Jörg Holzschuh berichtet. „Wir sind in einer recht komfortablen Position. Es gibt sicherlich Vereine oder auch einzelne Personen, die deutlich mehr betroffen sind als wir“, sagt er. Die einzige Immobilie des Vereins ist der Kunstrasenplatz. Und dort verursachen in der nahenden kalten Jahreszeit vor allem die vier Flutlichtmasten Kosten. „Die werden uns aber nicht an den Rand des Ruins treiben, auch wenn wir das Geld natürlich gerne anderweitig investieren würden“, sagt Holzschuh.

Sportvg: vor zwei Jahren einen Energiemanager angestellt

Auch die Sportvg Feuerbach hofft, dass sie mit einem blauen Auge davonkommt. „Unser Gasvertrag läuft noch bis zum Frühjahr 2024“, sagt deren Chef Benjamin Haar. Anders sieht es indes beim Strom aus. Hier rechnet Haar mit Mehrkosten im mittleren fünfstelligen Bereich. Der Verein im Stuttgarter Norden mit zahlreichen Liegenschaften und einem Jahresumsatz von 2,5 Millionen Euro hat sich schon vor der Krise mit dem Thema Energie beschäftigt und deshalb vor zwei Jahren einen Energiemanager eingestellt. „So können wir natürlich ganz gezielt Maßnahmen ergreifen“, sagt Haar. Eine davon ist, dass die kleine Sauna und das Dampfbad im eigenen Fitnessstudio Vitadrom vorerst geschlossen bleiben und die große Sauna im täglichen Wechsel zwischen 80 Grand und 90 Grad betrieben wird.

„Wir versuchen einfach, durch einen geringeren Gasverbrauch die erhöhten Stromkosten etwas auszugleichen“, sagt Haar. Beim Thema Sparen sollen allerdings auch die Mitarbeiter und Mitglieder sensibilisiert werden. „Eine stundenlange Siegesfeier unter der warmen Dusche wäre in der jetzigen Zeit einfach total daneben“, sagt Haar.

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