„SprachFit“ in Stuttgarter Schulen Grundschüler zu schlecht in Deutsch – Neues Programm für Kitakinder soll helfen

Sprachförderung beim Tanzen, Singen, Reimen: Lehrerin Viola Spreng mit drei ihrer „SprachFit“-Kinder. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Viele Kinder, die in die Schule kommen, können nicht richtig Deutsch. Mit dem Programm „SprachFit“ will das Land gegensteuern. Wie läuft es ab? Das zeigen Emanuele, Kani, Asmin und die anderen „SprachFit“-Kinder der Stuttgarter Reisachschule.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Schlange – das ist Emanueles Stichwort. Schnell legt er seine „Schlangi“ auf den kleinen Tisch vor Frau Spreng, neben die Zeichnung des Kriechtiers. Der Sechsjährige hat das grün-blaue Stofftier heute mit in die „SprachFit“-Gruppe gebracht. „Bekommt Schlangi auch neue Haut?“, fragt Kani, die ihm gegenübersitzt, und kichert. „Nein!“, sagt Emanuele entrüstet. „Die ist doch nicht echt!“

 

Und schon geht es weiter mit dem Lied „Immer wieder kommt ein neuer Frühling . . .“. „Wer wacht noch alles auf in dieser Jahreszeit?“, fragt Viola Spreng und zeigt weitere Bilder. „Ein Hase“, sagt Asmin. „Ein Krokus“, sagt Uljana. „Eine Meide“, sagt Kareem. „Meise“, korrigiert die Lehrerin sanft. Dann steht sie auf, um eine Kiste zu holen, in der Frühjahrsblüher in kleinen Töpfchen stehen.

Vier Stunden Förderung pro Woche

Es ist ein Mittwochmorgen, kurz nach 8 Uhr, im Erdgeschoss-Raum 03 der Reisachschule in Stuttgart-Weilimdorf. Fünf Vorschulkinder sitzen im Kreis um Viola Spreng. Mit dem Kaufladen, der Kinderküche, den Malsachen, Brettspielen und Bausteinen erinnert das Zimmer eher an die Kitas, die die Kinder normalerweise besuchen. Aber die grüne Tafel an der Wand und die Tischreihe deuten an, dass es für sie hier schon Richtung Schule gehen soll.

Jeden Mittwoch und Donnerstag werden Emanuele, Kani und die anderen von ihren Eltern hierhergebracht. Vier Stunden pro Woche sollen sie die deutsche Sprache besser lernen. Spielerisch, ohne Druck, Tests oder gar Noten, aber doch mit einem Ziel: fit werden für die erste Klasse. Dass sie Unterstützung dabei brauchen, haben die umliegenden Kitas der Reisachschule gemeldet. Erstmals startete zum Schuljahr 2024/25 hier in Weilimdorf – wie in sieben anderen Stuttgarter Grundschulen – das „SprachFit“-Programm des Kultusministeriums. Vier Gruppen mit insgesamt 29 Kindern hat die Reisachschule dafür gebildet.

„SprachFit“ ist Teil der großen Bildungsreform des Landes und eine Art Lieblingsprogramm von Ministerin Theresa Schopper an der Schnittstelle zwischen Kindergärten und Grundschulen. Bei einer Auftaktveranstaltung dazu auf der Bildungsmesse Didacta sagte sie dieses Jahr, „SprachFit“ sei ein wichtiger Beitrag, „um Bildungserfolg von der Herkunft zu entkoppeln“. Motiviert dazu hätten ihr Ministerium nicht zuletzt die schlechten Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2022, der zeigte, dass 40 Prozent der Grundschulkinder im Land in Klasse vier nicht die Regelstandards erreichen. Landesweit sind nun die ersten 350 Gruppen aktiv. Bis zum Schuljahr 2027/28 sollen es flächendeckend 4200 sein.

Etwa ein Drittel hat sprachlichen Förderbedarf

Sabine Andreae, die Leiterin der Reisachschule, freut sich, dass ihre Einrichtung als eine der ersten dabei war. Auch die langjährige Pädagogin kann bestätigen, dass viele Erstklässler sprachlich gefördert werden müssen. „Etwa ein Drittel“, schätzt sie – und das bestätigen auch die Zahlen aus den aktuellen Schuleingangsuntersuchungen. Ihr Kollegium sei sehr offen gewesen, schnell hätten sich vier Kolleginnen gefunden, die sich schulen lassen und die insgesamt 16 zusätzlichen Wochenstunden übernehmen wollten. Die Reisachschule machte schon beim Modellprojekt „Schulreifes Kind“ mit und verfügt deshalb über die notwendigen Strukturen.

Um die Kinder auszuwählen, bat die Schule umliegende Kitas um Hilfe, machte Infoveranstaltungen für die Eltern jener Kinder, die vorgeschlagen wurden. „Fast alle waren einverstanden“, sagt Sabine Andreae. Noch ist das Programm freiwillig, ab 2027 sollen die Kinder über die Schuleingangsuntersuchungen des Gesundheitsamtes (Esu) verpflichtend ausgewählt werden.

Anhand von Bildern und Blumen wiederholt Viola Spreng mit den Kindern Begriffe zum Thema Frühling. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Auch Lehrerin Viola Spreng war gleich angetan, eine Gruppe zu übernehmen und sich dafür am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) fortzubilden. Zwar gebe es ein Rahmenkonzept und Material vom ZSL, aber inhaltlich sei sie sehr frei, erzählt Viola Spreng, könne sich auf das jeweilige Niveau der Kinder einstellen. Mit Bildergeschichten, Sing-, Bewegungsspielen und Reimen hat sie mit den Kleinen schon Themenfelder wie Körperteile oder das Klassenzimmer erarbeitet. An diesem Tag dreht sich alles um den Frühling, der durch die Fenster des hellen Raumes scheint.

Wiederholung ist wichtig bei der Sprachförderung

Mittlerweile hat Viola Spreng die Kiste mit den Frühblühern vor sich abgestellt, einige davon hat die Gruppe schon beim letzten Mal gesehen, als sie einen Spaziergang draußen machte. Nun wird wiederholt, ein wichtiges Prinzip der Sprachförderung „Wie heißt die gelbe Blume?“ – „Narzisse“, sagt Uljana. „Ich habe viele Blumen zu Hause“, sagt Emanuele. „Ich auch“, meint Kani, „die machen, dass wir atmen können.“ Und Uljana sagt: „Wir haben keine Blumen. Ich wohne oben. Heute habe ich ein Polizeiauto gesehen.“ – „Jetzt essen wir aber mal!“, sagt Emanuele. So kommen sie hier oft von einem zum anderen Thema. Alles kann ein Anlass sein, ins Gespräch zu kommen. „Sprachbad“ heißt das im Fachjargon.

Von außen betrachtet sprechen die fünf Kinder – drei fehlen heute – recht gut Deutsch, auch wenn ihre Alltagssprache daheim oft Russisch, Arabisch, Italienisch oder Bulgarisch ist. Hin und wieder fehlt ein Begriff, ist ein Artikel der falsche, rumpelt die Satzordnung durcheinander, passt die Grammatik nicht. „Ich merke, dass sie sich verbessert haben, mehr Wörter kennen, sich trauen, etwas zu sagen“, erzählt Viola Spreng. Ohnehin seien die Kinder „gewachsen“. Anfangs musste „Frau Spreng“ noch mit allen aufs Klo gehen, mittlerweile findet jeder seinen Weg allein. Auch die Fahrt mit den Taxis, die sie von der Reisachschule nach der „SprachFit“-Klasse zurück in ihre Kitas bringen, meistern sie souverän. Schule – das ist für diese Kinder nun ein Begriff, unter dem sie sich etwas vorstellen können.

In dieser Doppelstunde werden sie noch beim Memory Gegenstände benennen, wie Häschen durch den Raum hoppeln, sich wie Krokusse der Sonne entgegenstrecken und in einem Bewegungsspiel ihre Haare, Schultern, Augen, Münder, Füße, Augenbrauen, Ohren, Wackelzähne und Popos aufwecken. Auch das Vesper wird nicht nur gegessen, sondern besprochen: Einem Jungen schmecken Tomaten mit Waffeln, seiner Nebensitzerin Gurken und Croissant, einem dritten Mädchen überbackener Käsetoast – und einer ist noch vom Nutella-Frühstück satt.

Ganz am Ende gibt es noch eine kleine Streiterei. Aber auch das muss man ja erst mal auf Deutsch können.

Sprachförderung an Kitas und Grundschulen

Stuttgart
An acht Grundschulen der Landeshauptstadt läuft „SprachFit“ bereits mit insgesamt 19 Gruppen seit diesem Schuljahr. Im Herbst soll die Zahl der Gruppen auf 56 in Schulen und dann auch Kitas steigen, sagt Claudia Scherer vom Staatlichen Schulamt Stuttgart. Wenn die Teilnahme ab 2027/28 verpflichtend wird, soll es an etwa jeder dritten Schule eine Gruppe geben. Eine Herausforderung sieht die Schulrätin darin, die notwendigen Strukturen vor Ort aufzubauen und genug Personal für die zusätzlichen vier Wochenstunden pro Gruppe bereitzustellen.

Eine von mehreren Säulen
Das Programm „SprachFit“ ist laut Ministerium ein Unterstützungsangebot für alle Kinder, die bei der Einschulungsuntersuchung (Esu) des Gesundheitsamtes einen sprachlichen Förderbedarf zeigen. Es umfasst Sprachfördergruppen im Jahr vor der Einschulung und Juniorklassen für Kinder vor der ersten Klasse. Auch Kinder, die keine Kita besuchen, sollen teilnehmen. Wer direkt eingeschult werden kann, aber dennoch Unterstützung braucht, soll in den Klassen 1 und 2 jeweils zwei Wochenstunden Sprachunterricht bekommen. Insgesamt investiert das Land 2025 und 2026 257 Millionen Euro.

Juniorklassen
Schulpflichtige Kinder, die sprachlich noch nicht fit sind oder in anderen Bereichen Entwicklungsbedarf haben, „besuchen künftig nach der Kita zunächst ein Jahr lang eine Juniorklasse“, in der sie 25 Stunden pro Woche gefördert werden, so die Kultusbehörde. Zunächst bestehende Grundschulförderklassen sollen vom 1. August 2026 an zu Juniorklassen weiterentwickeln werden, danach das Angebot ausgedehnt werden.

30-Millionen-Wörter-Gap
Wie wichtig eine frühe Sprachförderung ist, verdeutlichen unter anderem Studien, die ergeben haben, dass Kinder aus bildungsnahen Milieus bis zum Alter von drei Jahren ungefähr 45 Millionen Wörter gehört haben, wohingegen Kinder aus bildungsfernen Milieus gerade mal 15 Millionen Wörter wahrnehmen. Forscherinnen sagen außerdem, dass Kinder bis zum Grundschulalter die wesentlichen sprachlichen Meilensteine bereits erreicht haben. Zwischen zwei und sechs Jahren lernen sie etwa sieben bis 14 neue Wörter pro Tag. Danach gehe es eher um die systematische Entwicklung und Stabilisierung von Wort und Satzbildungsregeln.

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