Wer heutzutage eine Fremdsprache lernen will, greift wahrscheinlich zunächst einmal zum Smartphone. Der Markt für Apps wie „Duolingo“ oder „Babbel“ boomt. Haben da die klassischen Kurse mit festen Orten und Zeiten überhaupt noch eine Zukunft? Ja, sagt Dorika Peart, Mitgründerin der Peart Sprachenschule, und beruft sich dabei auf ihre Erfahrung. In der inzwischen 50-jährigen Geschichte der Esslinger Firma sei die Veränderung seit jeher eine ständige Begleiterin gewesen. „Man muss immer schauen, was gerade gebraucht wird“, sagt Peart. „Und bisher ist uns das auch ganz gut gelungen.“
Ende der 1960er Jahre lernte die gebürtige Ungarin während eines Aufenthalts in London ihren späteren Mann Robert Peart kennen. Der Engländer zog daraufhin mit nach Stuttgart und arbeitete einige Jahre als Englischlehrer an einer staatlichen Bildungseinrichtung. 1974 machte er sich zusammen mit seiner Frau in Esslingen selbstständig – die Geburtsstunde der „Peart Sprachenschule“.
Die Hochphase des „Business English“
Zu den ersten Kunden gehörten die Unternehmer Hans-Peter und Wolfgang Porsche, später kamen neben Privatpersonen große Betriebe wie Daimler, Eberspächer oder Heller hinzu. Der 77-jährige Robert Peart erzählt: „Ich bin oft als Lehrer zu den Firmen gefahren, um dort den Unterricht abzuhalten.“ Einen Aufschwung erlebte der Betrieb in den 1990er Jahren. „Damals hat sich der europäische Raum für den internationalen Markt geöffnet“, kommentiert Dorika Peart. Unternehmen pflegten nun verstärkt Kontakte ins Ausland, ihre Angestellten mussten sich deshalb weltweit verständigen können. „Heute sprechen die meisten, die von der Schule abgehen, ein gutes Englisch“, sagt Dorika Peart. Vor 35 Jahren sah das jedoch ganz anders aus. Abhilfe brachte die Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten, die bei „Peart“ absolviert werden konnte. In den Kursen lernten die Teilnehmenden „Business English“, Englisch für die Wirtschaftswelt.
Die Schule bot zwischenzeitlich auch Französisch-, Italienisch- und Spanischunterricht an. Das ist inzwischen allerdings passé. „Die Leute wollen sich vor einem Urlaub in Frankreich oder Italien nicht mehr auf einen halbjährigen Kurs festlegen“, sagt Dorika Peart. In diesem Bereich wirken sich die Sprach-Apps besonders aus. Auch die Englischkurse spielen bei „Peart“ inzwischen eine deutlich geringere Rolle als früher. Die Vertrautheit der deutschen Bevölkerung mit der Sprache ist stark gewachsen, durch den Schulunterricht, aber auch durch den Alltagsgebrauch. „Viele englische Begriffe werden inzwischen im Deutschen ganz normal verwendet“, sagt Debra Peart. Die Tochter von Dorika und Robert Peart leitet die Schule inzwischen zusammen mit ihrer Schwester Alexandra Schwarz.
Neue Unterrichtsformen
Doch trotz dieser Entwicklung steht der Familienbetrieb mitnichten vor dem Aus. Einer der Hauptgründe dafür: 2006 führte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) verpflichtende Deutsch-Integrationskurse ein. Die richtet „Peart“ seitdem auch in Esslingen aus. „Am Anfange kamen vor allem Türken, Italiener und Franzosen, die schon lange hier gewohnt hatten, aber die Sprache noch nicht konnten“, schildert Dorika Peart. Eine Zäsur stellte das Jahr 2015 dar. Infolge des syrischen Bürgerkriegs flüchteten innerhalb kurzer Zeit Zehntausende Menschen aus dem arabischen Staat nach Deutschland. „Plötzlich waren die Integrationskurse voll“, erzählt Dorika Peart. Die Schule expandierte und mietete neben ihrem Hauptsitz in der Pliensaustraße weitere Räumlichkeiten an. Mit den Neuankömmlingen änderte sich auch der Unterricht. „Einige der Syrer oder Afghanen hatten zuvor noch nie eine Schule besucht, die mussten erst einmal lernen, wie man lernt“, sagt die 79-jährige Dorika Peart. Zu den Bamf-zertifizierten Kursen gehören 100 sogenannte Orientierungseinheiten. Dabei erfahren die Teilnehmenden Dorika Peart zufolge, „wie wir in Deutschland leben und wo sie sich bei Problemen hinwenden können“.
Nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine gab es eine zweite große Welle. Aber nicht nur deshalb ist sich Debra Peart sicher, dass sich die Sprachenschule auch künftig weiterentwickeln wird. „Wir überlegen gerade, in welche anderen Richtungen wir noch gehen können“, sagt die 56-Jährige. Als mögliches neues Angebot nennt sie Kommunikationskurse. Dort lerne man, Kunden- oder Personalgespräche zu führen, fügt Alexandra Schwarz hinzu. Das werde zum Beispiel für Geflüchtete interessant, die ihren Integrationskurs bereits hinter sich haben und im Beruf Fuß fassen wollen – ein wachsender Markt. „Es gibt aber auch genug Deutsche, die kommunikationsschüchtern sind“, sagt Schwarz. Debra Peart kann sich außerdem Programmierkurse vorstellen. Denkbar sei alles, „was in irgendeiner Form mit Sprache zu tun hat“. Und das ist nun einmal ein weites Feld.
Die Pearts und ihre Schule
Firma
Knapp 20 Lehrerinnen und Lehrer sind bei dem Esslinger Unternehmen angestellt. Durchgehend finden dort zwischen acht und zwölf Kursen statt. Den Großteil macht der Deutschunterricht aus, bei dem Zugewanderte in 600 bis 900 Einheiten auf Prüfungen vorbereitet werden. Daneben hat die Schule aber auch weiterhin Firmentrainings und Englischkurse für den Wirtschaftsbereich, für den Alltag sowieso für Seniorinnen und Senioren im Angebot. Gegründet wurde „Peart“ einst in der Georg-Deuschle-Straße. Heute befinden sich die Büros und die Kursräume in der Pliensaustraße 43 und in der Ehnisgasse 21.
Familie
Während Robert Peart jahrzehntelang Kurse als Lehrer gab, kümmerte sich Dorika Peart um die Leitung der Schule. Bei Finanzthemen unterstützt die 79-Jährige weiterhin ihre Töchter Debra Peart und Alexandra Schwarz. Auch Sohn Mike Peart arbeitete lange mit, lebt heute aber in England.