Sprachforschung in Tübingen Der schwäbische Dialekt hat Zukunft

Von Michael Schoberth 

Die Universität Tübingen analysiert die Entwicklung des schwäbischen Dialekts und kommt dabei zu ziemlich überraschenden Erkenntnissen.

Der schwäbische dialekt stirbt nicht aus - er wandelt sich. Foto: dpa
Der schwäbische dialekt stirbt nicht aus - er wandelt sich. Foto: dpa

Tübingen - Die eher unscheinbaren Buchstabenkombinationen ou, ie, ei oder uu können Auskunft über die Geschichte der Schwaben geben. Ein Team von Sprachwissenschaftlern der Uni Tübingen ist seit zwei Jahren dem Schwäbischen auf der Spur und erhofft sich nähere Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Dialekts - und damit auch der Geschichte der Schwaben. Der Professor Hubert Klausmann und seine Studenten haben ihre bisherigen Ergebnisse im Landesmuseum Württemberg vorgestellt und zur Erleichterung des Publikums verkündet: Schwäbisch wird auch in der Zukunft gesprochen.

Seit 2009 analysiert das Team im Rahmen des Forschungsprojekts "Sprachalltag, Dialekt und Alltagssprache" am Ludwig-Uhland-Institut der Kulturwissenschaften den hiesigen Dialekt. Schwerpunkt ihrer Untersuchungen ist Nord-Baden-Württemberg. "Eine für uns sehr spannende Region", sagte Klausmann.

Schwäbische und fränkische Ausdrücke in einem Satz

Denn zwischen Stuttgart und Heilbronn vermischen sich der schwäbische und fränkische Dialekt. In den vergangenen zwei Jahren haben die Studenten in 140 Ortschaften 550 ausgewählte Bewohner, die noch Dialekt sprechen, ausführlich befragt. Wichtige Worte wurden zur Dokumentation auch aufgezeichnet. So entstand mit der Zeit ein Sprachatlas, auf dem die Sprachgrenzen zu erkennen sind.

Das Ergebnis ist überraschend, denn bisweilen verwenden die Bewohner in ein und dem selben Satz schwäbische und fränkische Ausdrücke. Durch genauere Analysen hat sich gezeigt, dass der schwäbische Dialekt immer weiter in den Norden in den einst rein fränkischen Dialektraum vordringt, sagte Klausmann.

Wurzeln im Mittelhochdeutschen

Während Schwäbisch seine Wurzeln im Mittelhochdeutschen hat und auf die zweite Lautverschiebung im 6. und 7. Jahrhundert zurückgeht, ist das Hochdeutsche eine reine Kunstsprache, die ursprünglich nur zur schriftlichen Verständigung verwendet worden ist. "Dennoch ist sie sehr wichtig für die Entstehung unserer Gesellschaft", sagte Klausmann. Doch dann fingen die Leute an, diese Schriftsprache zu sprechen. Daher komme auch der Ausdruck "nach der Schrift sprechen". Wird Schwäbisch also aussterben, fragte besorgt das Publikum.

Doch die Forscher konnten Entwarnung geben: "Der Dialekt wandelt sich, der stirbt aber nicht aus." Schon vor 200 Jahren hätte man das Ende der schwäbischen Sprache befürchtet. Die Rettung des Dialekts heute beruhe auf einer Fähigkeit der Schwaben - und anderer Menschen - Sprache vielfältig anzuwenden. Der Schwabe verwende je nachdem mit wem, wann und über was er spricht entweder Hochdeutsch oder eben seinen eigenen Dialekt.