Sprechen im Fernsehen Wenn jedes Wort zu wichtig wird

Von Markus Reiter 

Viele Moderatoren in Hörfunk und Fernsehen betonen falsch. Dabei gibt es ein paar Tricks, wie man verständlich vom Teleprompter abliest.

Thomas Roth ist ein ausgezeichneter Journalist. Doch der „Tagesthemen“-Moderator ­betont zu viele Wörter – und manchmal die falschen. Foto: ARD
Thomas Roth ist ein ausgezeichneter Journalist. Doch der „Tagesthemen“-Moderator ­betont zu viele Wörter – und manchmal die falschen. Foto: ARD

Stuttgart - Abends um halb elf, wenn Thomas Roth die „Tagesthemen“ moderiert, überfällt so manchen Profi für Mediensprechen das Grausen. Roth mag ein ausgezeichneter Journalist sein, aber eines liegt ihm nicht: richtig zu betonen. Der ARD-Mann neigt nicht nur zu einer übertrieben starken und zu häufigen Betonung, er setzt sie auch noch auf die falschen Wörter. Das fängt bei den einfachsten Sätzen an. „Eine Lang(betont)-fassung dieses (betont) Interviews finden Sie auf tageschau(unbetont).de (betont)“, sprach er kürzlich. Während es noch sinnvoll ist hervorzuheben, dass es sich um eine lange Fassung eines gerade gesehenen Interviews handelt, ergibt die Betonung auf „dieses“ (welches sonst?) und „de“ (der Endung der meisten deutschen E-Mail-Adressen) keinen Sinn.

Gutes Sprechen in den Medien ist ziemlich anspruchsvoll, wie das Beispiel von Thomas Roth zeigt. Dies erlebt auch der Profi-Sprecher Christian Büsen. Der Professor im Fach Sprecherziehung betreut den Bereich „Mediensprechen“ an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Seine Studierenden benötigen viel Übung, um einen Text so gut zu präsentieren, dass er natürlich erzählt wirkt. „Oftmals genügt schon ein einziger, nicht sinngemäß betonter Satz, um beim Zuhörer eine inhaltliche Irritation entstehen zu lassen“, sagt Büsen.

Profi-Sprecher werden in den Medien heutzutage zunehmend bei längeren Dokumentationen im Hörfunk und Fernsehen eingesetzt. Lediglich die „Tagesschau“ und der Deutschlandfunk leisten sich eigens ausgebildete Nachrichtensprecher. Ansonsten spricht der „Redakteur am Mikrofon“ seine Texte selbst. Viele betonen gegen den Sinn, beherrschen den Sprechrhythmus und den Tempowechsel nicht gut und arbeiten weniger gekonnt mit Pausen. Sie orientieren sich nicht selten an der Art, wie ältere Kollegen sprechen. So bürgerte sich ein bestimmter Reporterton ein, der von einer stark ausgeprägten Satzmelodie geprägt ist, einer Art Nachrichten-Singsang.

Staatstragender Ton

Das führt dazu, dass Nachrichten in den anspruchsvollen Radiowellen einen staatstragenden Ton bekommen haben. Er wird oft noch verstärkt durch komplizierten Satzbau und ungewohnte amtlich klingende Ausdrücke aus Politik und Wirtschaft. Selbst erfahrene Sprecher haben dann Schwierigkeiten, die richtige Betonung zu finden. Bei den Popwellen und in vielen kleineren Privatsendern sitzen oft Moderatoren am Mikrofon, die gar keine Ausbildung im Mediensprechen haben. Sie haspeln sich dann durch den Text. Viele neigen zur Endbetonung, legen den Ton also auf das letzte Wort eines Satzes. Das kann sinnvoll sein, muss es aber nicht. „Kanzlerin Merkel nahm Wirtschaftsminister Gabriel nach China mit (betont)“, dürfte den Hörer eher verwirren, denn auf „mit“ liegt kein Sinn.

Problematisch wird es, wenn die vorgelesenen Texte vom Hörer nicht oder nicht richtig verstanden werden. Grundsätzlich gibt es einige einfache Prinzipen, um abgelesenen Texten eine Hörversion zu machen, erläutert Norbert Gutenberg, Professor für Sprecherziehung an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Zum einen müssen die Texte grammatisch hörgerecht formuliert sein. Das bedeutet, die Sätze sollten einfacher und übersichtliche strukturiert sein als zum Beispiel bei einem Zeitungsartikel. Eingeschobene Nebensätze zum Beispiel unterbrechen den Gedankenfluss der Hörer und machen einen Hörtext weniger verständlich. Um eine inhaltliche Ergänzung, die in Klammern steht, gut zu lesen, bedarf es sogar besonderer Tricks, zum Beispiel indem man diese Passagen schneller und mit tieferer Stimme liest.

Selbst wenn der Text fürs Hören gut aufbereitet ist, muss der Sprecher die Sätze in Sinnschritte unterteilen, also zusammenfassen, was gedanklich zusammengehört. In jedem Sinnschritt muss er dann eine klare Betonungsentscheidung treffen: In einem Satz wie „Gestern wurde in Stuttgart eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft“ würde es wenig Sinn ergeben, „in“ und „zweiten“ zu betonen. „Wer unsicher oder ungeübt ist, neigt dazu, zu viel zu betonen“, erklärt Christian Büsen. Der Hörer müsste sich den Sinn in dem Gewusel von betonten Wörtern mühsam zusammensuchen – seine Aufmerksamkeit kann sich nicht gut dem Inhalt widmen.

Thomas Roth hat bei den „Tagesthemen“ zudem mit einem Problem vieler Fernsehjournalisten zu kämpfen. Er liest seine Moderationen vom Teleprompter ab, also von einem Bildschirm, der hinter der Kamera angebracht ist. „Diese Geräte sind geradezu eine Einladung, unnatürlich zu betonen“, sagt Professor Gutenberg. Der Sprecher sieht immer nur zwei bis drei Wörter. Er erfasst den Satz nicht im Zusammenhang und neigt dazu, die sichtbaren Wörter jeweils am Ende zu betonen. Allerdings: Manche bekannten Journalisten pflegen ihre Betonungsfehler als Markenzeichen. So wurden die vernuschelten Sätze des Moskau-Korrespondenten und Weltspiegel-Moderators Gerd Ruge mit der Zeit zur liebenswerten Eigenart. Vielleicht setzt Thomas Roth auf diesen Effekt.